DER ACHAT

ein Blick in die Psyche meines Vaters


Artwork by STEINLADEN TOPAZ


Mein Name ist Ralf Maier. Bevor ich heiratete, hieß ich auch Meier, aber mit EI. Von dieser geringfügigen Namensumstellung erhoffte ich mir erhebliche finanzielle Vorteile, denn hier regierte ab sofort Maier, der Pharao und nicht, wie gehabt, Meier, der Hosenscheißer. Blumen schenk ich dir noch, wenn auch erst zum letzen Abendmahl. Aber dann vergäße ichs bestimmt wieder und hätte dabei, ganz ungewollt, eine Menge Geld gespart.
Aber da man ja nie weiß, wann das sein wird, kämpft man sich, derweil die Zeit vertrödelnd durch den stockzähen Kaugummiwald lähmender Paraphrasen.
Hören sie ihn auch, den feinen Unterschied? Maaaier, Meeeeier.
Es ist ein Sieg der Sprache über den Charakter! (igitt!, so will man doch nicht sein!)
Das ist jedoch schon lange her. In der Zwischenzeit hat mir so mancher Weltverbesserer die Fresse poliert, noch bevor ich den Mund überhaupt auf hatte.
Diese dadurch hervorgerufene grundlegende Versandung der Intonation hat auch mein Leben verändert. Seither fühle ich mich wie geklont, fühle mich gleichermaßen besonders geächtet wie verkannt.
Ich gehe den steinigen Weg der Achate. Aus Staub wird Masse und nicht aus Masse Staub! Die Schönheit braucht halt ihre Zeit, von der Güte ganz zu schweigen. Mich wird man wohl irgendwann auch finden, im Moos, auf dem Hügel oder in der Stadt, am liebsten wärs mir, zerstückelt im Wald, während mein treuer Hund mir gerade das Herz aus dem Leib reißt.
Warum tötet ihr mich nicht?
Asche zu Asche!
Staub zu Gold!
Wehmut zum Tropfen!
Wasser zu Wein
Dieser Weg ist mühsam weil steil, doch wird er viel begangen. Am Ende winkt ein Preis, dein Leben.
Sehnsucht hilft, über das Gröbste hinwegzukommen. Sehnsucht ist eine Ratte mit funkelnden Augen. Sie macht mich rasend!
Ich hüpfe also nicht ohne Grund oft auf einem Bein durchs weiche Samtgras, die Blümchen der Gänse zertretend, die Zähne der Löwen zermalmend. Ich laufe also nicht vergebens bei Rot auf Händen über Zebrastreifen und manchmal, wenn die Nacht am tiefsten ist, finde ich mich wie der Wolf im Schafspelz heulend im Wald wieder.
Einmal bin ich mir sogar selbst begegnet. Da mußte ich sehr lachen, zumal ich verschiedene Hüte trug, die so gar nicht zueinander passten. Ich traf mich quasi gleichzeitig gen Norden wie gen Süden strebend an. Ich wollte noch zurück zu mir, mal fragen, was da los sei, aber da war ich schon wieder weg.
Während mein Arm sich vielleicht zum Gruße erhob, senkte er sich. Ich wusch meine Haar in pechschwarzem Teer. Anstatt mich fortzupflanzen riß ich mich mitsamt Wurzel aus dem Erdreich. Ich war in dieser Hinsicht, von klein auf, recht eigensinnig. Ich wußte alles, ich konnte alles, ich tat alles. Es war ein einziges Staunen, das mich überkam, das Staunen mit dem weit geöffneten Blick, da wo noch die Prise Entsetzen mit drin ist, fürs Gefühl, das meine ich.
Unrecht kann ich nämlich auf den Tot nicht ab. Da werde ich stur wie zehn Esel es nicht besser machten. Wer Unrecht begeht, dem sollte man ganz im Vertrauen auf die Schulter klopfen, bevor man ihn auf unbestimmte Zeit verschließt. Man darf ihn allerdings nie ganz verschließen. Das würde ihm schaden. Allein die irrige Annahme, er käme bald frei, hält ihn gesund und munter.
Ich habe mich, wenn man es recht sieht, förmlich verwandelt in was weiß ich nicht. Genauso gut könnte ich Maus sein, oder Ameise, womöglich Träger eines beliebigen Ordens am Bande. Das macht mich nicht aus.
Die Zauberei ist halt mein Steckenpferd. Ich bin jetzt halb meine Frau, aber wer sagt das schon gerne. Halb und halb wird nie wieder ein Ganzes. Bliebe nämlich immer der Schnitt, der wegfiele, fügte man die beiden Hälften wieder zusammen.
Daran schneiden sich die Geister. Scheiden tut weh, besonders mit 87.
Man hat sich nach 52 Ehejahren geradezu so an seinen Partner gewöhnt, daß man ihn, in der Hektik sehr oft übersieht, ihn quasi überrennt. Meine Frau ist mit ihren 98 Jahren natürlich schon oft auf den Kopf gefallen, (Ich mag die Narben gar nicht mehr zählen). Warum gerade jetzt, nach all diesen scheinbar erfüllten Jahren stoischen Ertragens brutalster Gewalt soll ich sie auf einmal nicht mehr schlagen dürfen?
Ach, was hab ich gelitten, was leide ich noch an meinem kleinen Elefanten, der mir Steiff wie ein Knopf am Ohr hängt. Sie wollen ihn mir wegnehmen und er sagt, er wolle bald gehen. Warum geht er dann nicht? Weil ich es nicht ertragen kann, alleine zu sein, wenngleich ich doch so gern alleine wäre. Allein, es geht nicht.
Das ist doch wie eingebrannt! Wie soll unser lächerliches Gesetz hier helfen können? Keine Frage, der Fall ist hoffnungslos. Sie hängt an der Maschine (Herz, Lunge, Ohrläppchen). Wir brauchen keinen Scheidungsanwalt, wir brauchen stabile Knüppel, uns voneinander fernzuhalten. Wir brauchen die Seelsorge und davon die Sterbehilfe.
Warum sollte sich etwas ändern, weil, das war ja wohl nichts. Nichts kann sich ändern weil Nichts sich nicht ändern kann.
Ich dreh mich im Bett nochmal um. Geht doch, oder? Nur, was kommt danach?
Mein Aufstehen kann doch nicht von Bedeutung sein. Das habe ich schnell erkannt. Mein Ruhm steht noch aus. Schlag Sieben gehen die Sirenen. Den Häusern fallen die Ziegel vom Dach. Eine linke Hand schüttelt besinnungslos die rechte. Sehr bald haben sie sich aneinander gewöhnt.
GOOD MORNING GERMANY! (ich habe nichts gesehen).
Jeder Morgen, ein Neubeginn bei kreischendem Sittich am Frühstückstisch. Oft krabbeln vier Hände wie riesige, zart behaarte Spinnen aufeinander zu, wobei die Schauspieler ihre Gesichter hinter dem frisch bedruckten Fenster zur Welt verbergen.
Irgendwo in der Mitte des Tisches treten sie dann gewöhnlich ins Fettnäpfchen, wobei das Fett ihres ist und das Näpfchen ihm gehört. Schon hat sie ihr Fett weg und er sein Näpfchen leer.
Gestern wieder sechs Pfund abgenommen, sagt sie.
Was interessiert mich das, entgegne ich. Hauptsache dein Fett schmeckt mir. Du scheinst dich ja davor zu ekeln.
Du schmeckst heute allerdings ein bischen wie die Marmelade von TWIST OFF, sagt sie.
Kann sein, sag ich. Ich habs mir halt mal erlaubt, und?
Was, UND!?, schreit sie mich an.
Ich habe mich gestern früh aus lauter Verzweiflung heraus, zuerst in den Bottich mit Schlagsahne gestürzt. Die Sahne behielt ich für mich. War klar. Das, was du hier schmeckst, sind Essenzen aus dem Inhalt des Schälchens, zu finden auf halbem Wege zu dir, gleich links von dem schlecht ausgebügelten Wachsfleck. Bald wäre ich für dich noch über die Kante gefallen. Aber wie ich so in dem gallertartigen Brei herumschwamm, da mußte ich gleich an dich und deine Vorlieben fürs Süße denken, und wenn ich ganz ehrlich bin, dann dachte ich in diesen unbeschwerten Momenten auch an das Fett, das du mir dabei abwerfen würdest.
Schlucken und verdauen
mehr kann man nicht versauen.
Muß ich jetzt ein Buch verbrennen, um bei euch bleiben zu dürfen, gnä Frau?
Ich lasse mich scheiden!, schreit sie mich an.
Wie jeden morgen?, sage ich, während meine Zunge sich damit abmüht, die verstopften Krater meiner Backenzähne vom Fett meiner Frau zu befreien.
Mittags dann der leichte Streit, nachmittags der große und abends dann mit dem freundlichen Notarzt zusammen auf dem OP-Tisch. (Grand mal)...(Blaulicht), die Weltreise im Rot-weißen Geräteschuppen, den man schon aus der Ferne als Solchen erkennt.
Man gewöhnt sich an Alles, selbst in begnadeter Zeit.
Die Kralle versucht doch glatt den Ausbruch. Sie hat unlängst erkannt, worum es hier geht. Doch Sie ist leicht zu beeinflussen. Ein scharfer Blick genügt, sie sich gefügig zu machen.
Retten, was noch zu retten ist!. Hörst du mir überhaupt zu? Kralle du! Mach keinen Scheiß! Mensch!
Sie gründet eine Familie, sie pflanzt einen Baum, sie baut ein Haus und piekst sich hochstolz auch noch Orden an die Brust. Nicht, daß sie sich noch entzündet und anschwillt!
Ich bin ihr Heil und Leidensbringer zugleich.
Nichts habe ich wirklich zu Stande gebracht, im Gegensatz zu dem, was man mir auftrug zu Stande zu bringen.

Darin und NUR darin war ich gut!
Ich habe Berge versetzt
ich habe Efeu gepflückt
ich habe Pflanzen benetzt
Platinen bestückt
Ich habe Fratzen versenkt
Ich habe Katzen ertränkt
Ich habe Babies gestreichelt
und den Frauen geschmeichelt
Ich kam so daher als sei ich ein Nichts
wollt sein wie der Engel
(von dem ich noch Glanzbilder hatte)



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