NEUES VON DER ASTORIA



Sage

Ein Schiff, ein Schiff!
Elisa hatte sich an ihren Krücken hochgezogen.
Gerd führte ihr das Opernglas, gefüllt mit flambiertem Mangrovenschnaps, an die Lippen.
Bald sah selbst Elisa ein, daß sie halluzinierte.


Aus den Tagebuchaufzeichnungen des Kapitäns
Vierundzwanzigster März:

Zwölf lange Jahre harren wir jetzt auf dieser Insel aus. Seit zwölf Jahren versuchen wir die Astoria wieder flott zu bekommen. Die Turbine haben wir zwar reparieren können, aber das Schiff liegt nach wie vor wie ein gestrandeter Wal auf der Seite und gräbt sich mit jedem Jahr tiefer in den feinen Sand ein.
Wir haben gelernt, uns nach Kräften zu organisieren, selbst wenn wir und auch unser Hoffnungsträger das Schiff selbst von Tag zu Tag schwächer werden, weil die Hoffnung, gefunden zu werden, gegen Null geht.
Der Pazifik ist ein riesiges unerforschtes Meer. Er hat uns verschluckt wie eine unbedeutende Sternschnuppe der Mars. Wir werden nie und nimmer vermißt. Nach drei Wochen, die Todesanzeige, Suche eingestellt und vielleicht noch ein Trauergottesdienst. Dann: SCHWAMM DRÜBER.
Aber, wir leben noch, wir sind noch da! Bitte bitte, sorgt euch um uns, gebt die Hoffnung niemals auf!
Horst Elberling, Professor für angewandte Physik, dem nach dem Auflaufen des Schiffes nur die Unterhose geblieben war, arbeitet seit einigen Wochen intensiv an der Entwicklung einer Methode, die Astoria unter Zuhilfenahme der Lunge wirbelwindartig aufzurichten. Man müsse die Kraft nur berechnen und jeder müsse zur rechten Zeit, am rechten Ort die rechte Menge Luft gegen den Rumpf des Schiffes blasen, dann würde es schon irgendwie klappen.
Johanna von Anselm, von Beruf Esoterikerin, meint auch, daß im Geiste die Kraft läge, die man nur bündeln müsse. Von rein physikalischer Berechnung distanziert sie sich allerdings enorm.
So hat sie beispielsweise schon gesehen wie Ameisen mühelos das VIERUNDZWANZIGFACHE! ihres Körpergewichtes mühelos beiseite schoben.
Wir bräuchten Ameisen, so groß wie Menschen, dann wären wir schnell aus dem Schlamassel heraus.
Herbert Bolte, ein Veteran der Gentechnologie, der in den Sechzigern an intensiven Selbstversuchen scheiterte, ist offensichtlich nur noch der Unterschied zwischen X und Ypsilon-Chromosom bekannt geblieben.
So räkelt er sich denn als Dandy sehr gerne im Idyll seiner Hängematte zwischen fruchtbaren Palmen herum und läßt es sich gut gehen.
Er macht nicht im Geringsten den Eindruck, nach Hause zu wollen. Womöglich hat er sogar recht.
Das Essen ist gut, das Klima behaglich, die Damen vertraulich und lieb. Was will er mehr?



zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte