DER AUFZUG



Eine Geschichte von SCHORSCH

Das ist eine ganz heikle Sache, das mit den Aufzügen in der Millionenstadt New York. Sie führen den Unwissenden in höchste Etagen oder in tiefste Kellergewölbe, nur nicht dorthin, wo man eigentlich aussteigen muß, kurz - in die größte Verzweiflung, die einem Menschen je widerfahren kann.

Ich befand mich auf Geschäftsreise in den Vereinigten Staaten und hatte eine Verabredung mit Mr. Dyke van Duke, einem erfolgreichen Industriellen aus der Teigkringelbranche, der sein Büro im Empire-State- Building hatte. "Please use Lift 23A/16, floor 96/CX, Suite 1234", stand auf der Karte, die man mir geschickt hatte. Das waren äußerst logische und eindeutige Hinweise, die man einfach, Schritt für Schritt befolgen mußte, - dachte ich, aber im Empire-State-Building gab es keinen Aufzug namens 23A/16, wie ich bald feststellen mußte. In der riesigen Empfangshalle des Hochhauses zählte ich etwa vierzig Aufzüge, die allesamt wie irrsinnig auf- und abrasten; unzählige Menschen wurden wie vom Erdboden verschluckt, ganz andere Leute spuckten diese lärmenden Höllenmaschinen zu tausenden aus. Es war ein einziges Rein und Raus, ein Auf und Ab, das seinesgleichen in Europa nur suchen kann.

Nach langer beschwerlicher Suche fand ich endlich einen Aufzug, dessen Name 23A/14 war. "Natürlich, natürlich!, das ist der Aufzug, der in die Suite 1234 führt!", rief ich laut aus. Die Sekretärin van Dukes hatte sich vertippt; das war mir plötzlich klar. Leider waren die Aufzüge 23B/12 und 24K/19 zur Zeit außer Betrieb, was man an dem etwa 3-fachen Andrang auf 23A/14 auch leicht feststellen konnte. Da oben schien es also irgendwelche Gänge zu geben, die beispielsweise 23/A14 mit 23B/12 und 24/K19 verbanden, eine Umleitung sozusagen. "Die Amerikaner sind weit", fiel mir spontan dazu ein, "im Land der unbegrenzten Möglichkeiten scheint ja doch etwas möglich zu sein." Hoffentlich war es möglich zu diesem Duke zu gelangen; diese Möglichkeit hielt ich im Moment aber für die wichtigste, so daß mich die vielen anderen Möglichkeiten, die man hier hatte, eigentlich gar nicht weiter interessierten. Ich war nur froh, daß sich nach zweistündiger Warterei und Herumgeschubst werden, endlich die silberne Schiebetüre von 23A/14,vom irrwitzigen Klang einer unerträglichen Glocke begleitet, vor meinen erstaunten, hoffnungsfrohen Augen öffnete. Viele vor dem Lift stehende Menschen klatschten laut Beifall, andere gaben ihre Freude durch Weinen Kund. Das war ein erregender Moment, denn damit hatte wirklich keiner der Wartenden mehr gerechnet. Ich kam mir vor, als säße ich im Nasa-Kontrollzentrum, Sekunden nach einem erfolgreichen Shuttle-Start. Zwei Japaner entfalteten ihre Laptops und verbreiteten diese Nachricht sofort in alle Welt. Dazu stellten sie sich vorher schön in Pose, weil sie von ihren Frauen fotografiert werden wollten. Ein junger Schnösel, der zu einem Rendezvous auf der 125 Etage eingeladen war, spendierte mehre Flaschen Sekt, die er eigentlich im Bett seiner Angebeteten trinken wollte, und das will was heißen. Selbst ich mußte vor Freude zwei Flaschen in einem Zug leertrinken, obwohl mein zu tätigender Deal ein Milliardendeal war. Als man ausgefeiert hatte und endlich in 23A/14 einsteigen wollte, mußte man unschönerweise erkennen, das 23A/14 längst wieder verschwunden war. Selbst ich konnte mich dieser äußerst unangenehmen Tatsache am Ende nicht mehr verschließen. Die Warterei sollte wohl noch etwas weiter gehen. Während die Japaner ihr Dementi in die Welt funkten, eilte der junge Schnösel zum Store gegenüber und orderte eine Kiste Sekt für die nächste Türöffnung. Als man mich fragte, wieviele Flaschen ich denn bei der nächsten Türöffnung trinken wollte, dankte ich höflich ab, und machte meine Absichten klar, was allgemein auf Unverständnis stieß und schräge Blicke einiger Wartender hervorrief.

Die Empfangshalle Nach der dritten erfolgreichen Türöffnung, die gleichsam den dritten verpaßten Einstieg zur Folge hatte wie auch die fünfte Flasche Sekt, wurde es mir an 23A/14 dann doch zu bunt, und ich machte mich mit den Leuten vor 12G/19 bekannt, sofern das in meinem Zustand noch möglich war. Ich hatte Glück; die Wartenden vor 12G/19 nahmen mich sofort und ohne Zögern als gleichberechtigtes Mitglied ihrer illusteren Gesellschaft auf, was mich sehr freute und mich zu Tränen rührte. Hier machte man mich freundlich darauf aufmerksam, daß Tränen zwar ihren Sinn haben, aber auch immer hinterfragt werden müsse, warum man denn weine, wenn man weint. "Wer sich freut, der lacht!", schrie eine hagere Person und schielte mich moralisch an, was mich schaudern machte. Man wolle sich bemühen mir weiterzuhelfen, hieß es allgemein und gab mir einen unleserlichen Zettel, den ich nur zu unterschreiben bräuchte. Ich unterschrieb das Papier, mit der Folge, daß ich nur Ärger bekam. In der Folge wurde ich bevormundet und mußte mich immer hinten anstellen. Sollte ich so meinen so unglaublich wichtigen Geschäftspartner Mr. Dyke van Duke überhaupt je zu Gesicht bekommen? Ich brach den Vertrag mit 12G/19, ohne mit der Wimper zu zucken und schloß mich dem "Team der Himmelsstürmer" an, einem Traditionsverein, dessen Mitglieder sich schon seit 25 Jahren erfolglos in der Besteigung des Empire-State-Buildings versuchten. 88P/11 war jetzt meine große Hoffnung, auf die ich Millionen setzte, um endlich meine Milliarden ernten zu können. Aber auch diese Sorte von Mensch hatte vergessen, wie und vor allem wann man in einen Aufzug einsteigen muß, um sein Ziel, den Weg zu erreichen. So erschien es mir zumindest in dieser äußerst denkwürdigen Situation in einem fremden Land. Aber irgendwie gelang es mir dann doch, in einen Aufzug zu steigen - ein erster Schritt in die richtige Richtung, wie man so sagt; vor der geöffneten Tür von 45Ö/Ä wurde geschossen. Einige Abtrünnige hatten sich endlich zum Widerstand durchgerungen und den 45Ö/Ä gekapert. Wild um sich schießend suchten sie nach möglichen Geiseln. Ich meldete mich freiwillig und stieg ein. Ein unsanfter Schlag auf den Kopf ließ mich sanft einschlafen, so daß ich den Aufstieg von 45Ö/Ä kaum bemerkte. Ein noch viel unsanfterer Stoß in die Rippen weckte mich wieder auf. Es mußten Jahre vergangen sein, denn die Mitreisenden trugen alle einen wallenden Bart, und Mädchen, die vor wenigen Minuten noch blutjung waren, saßen mit faltigem Gesicht herum und strickten Pullover für ihre Enkelkinder, wann immer sie die auch bekommen haben mochten. Um so erstaunter war ich, als sich mir plötzlich eine Person näherte, und sich freundlich mit »Mr. van Duke« vorstellte.
"Und, haben Sie gut hierhin gefunden Stump?", (Stump, so heiße ich mit Nachnamen), krächtzte eine energische Stimme auf mich ein. "Ach, wissen Sie", entgegnete ich, "nicht das WIE ist entscheidend, nur daß man ankommt zählt." "Hier in Amerika ist alles möglich!", brüstete sich van Duke jetzt, "sogar ich." "Meine Männer finden alles. Sie spüren jeden auf, der zu mir will und das absolut termingerecht," fauchte van Duke los, daß sich die teueren Seidengardinen fast entzündet hätten. "Ja, ja," erwiederte ich, noch ganz benommen von der stundenlangen Feierei vor dem Aufzug, den fünf Flaschen Sekt und den unsanften Schlägen auf meinen Kopf und in die Rippen. "Ich hätte Sie aber auch gerne persönlich in der Empfangshalle abgeholt", sagte van Duke, - "das hätten Sie einfach nur ankreuzen müssen hier auf der Besucherkarte. Ansonsten werden die Besucher automatisch von meinem Geheimdienst empfangen und zu mir befördert, das ist manchmal umständlich, aber es ist unauffällig und tut keinem weh. Jetzt setzen Sie sich erst mal hin und kommen zur Ruhe, bevor wir zum Geschäftlichen kommen." Eine Sekretärin bot mir ein Glas Terpentin an, das ich unmöglich verweigern konnte, da es um die Zukunft der deutschen Wirtschaft ging; schließlich sollte ja in Norddeutschland eine neue Teigkringelfabrik des van Duke-Konzerns Fuß fassen und von dort aus nach und nach ganz Deutschland und Europa erobert werden; da konnte man unmöglich nein sagen zu einem halben Liter Terpentin. Van Duke selbst verzichtete auf das edle Terpentin, das er ehrenhalber ausschließlich ausgesuchten Gästen zukommen ließ. Er selbst beschränkte sich auf einen würzigen Burgunder, Jahrgang 1912. So kamen wir denn endlich ins Gespräch, wenn auch manchmal Flammen aus meinem Mund schlugen, wenn ich meine Unsicherheit durch einen Zug an meiner Zigarette zu vertuschen suchte. Bei meinem nächsten Besuch in den Vereinigten Staaten würde ich mich bescheidener geben und auch nur Burgunder trinken wollen, - das war mir jetzt klar. "Zuerst bauen wir eine Fabrik in Norddeutschland und warten ab, wie es läuft, dann dehnen wir uns langsam aber sicher in Richtung Süden aus," sagte van Duke bestimmt aber herzlich und war guter Hoffnung, durch mich in Deutschand Fuß fassen zu können. "Ja, ja", krächtzte ich bedingt durch meine angegriffenen Stimmbänder, "der »Duksche Teigkringel« wird die Welt im nu erobert haben, wie damals die Brausebonbons"; schon wieder schlug eine meterhohe Stichflamme aus meinem Mund und verbrannte mir das Zäpfchen im Hals. Van Duke, der das alles für eine perfekte Inszenierung meinerseits hielt, war begeistert und lobte nachdrücklich das große Engagement und die äußerst intelligente Erfindungsgabe der Bundesdeutschen »Haute Culture«, zu der ich mich wohl jetzt auch zählen durfte. Trotzdem war mir irgendwie nach einem Schluck dieses alten billigen Burgunders zumute. Ich verlangte energisch danach. Meinem Wunsch wurde sehr bald entsprochen; so war es mir endlich möglich das Feuer in meinem Mund zu löschen und dabei noch bescheiden zu wirken. Nach intensiven Verhandlungen, denen auch die Sekretärin, ein Fensterputzer und eine Wischfrau beiwohnten, einigten wir uns auch schnell und unkompliziert über die Stelle, wo der Vertrag nun unterzeichnet werden sollte. Während van Duke zunächst vorschlug, sicherheitshalber auf einem gesonderten Blatt zu unterzeichnen, um somit eine rasche Entsorgung, besonders der Umwelt wegen zu gewährleisten, bestand ich trotz akuter Terpentinvergiftung auf die klassische Lösung, den Vertrag am Ende des Vertrages zu unterzeichnen. Da nur der Fensterputzer energischen Protest einlegte, ging man rasch und ohne größeren Widerwillen auf meinen Vorschlag ein, zumal auch dieser Fensterputzer, der draußen in schwindelnder Höhe in einem automatisch bewegten Körbchen hing, schon längst in das Privatleben einer anderen Etage ab - oder aufgestiegen war und somit hier nichts mehr zu sagen hatte. Man glaubt gar nicht wieviele Verträge auf diese Art und Weise zustande gekommen sind und noch zustande kommen werden.



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