DIE AUSSTELLUNG



Berg mit Sonne Wir waren zu einer Vernissage eingeladen, vorigen Sonntag, meine Frau und ich. Als gewöhnlicher Mensch, für den ich mich halte, bescheiden, schlicht, - kurz: bürgerlich, besuche ich, für ebenso gewöhnlich, nur äußerst selten und zunehmend widerwillig derartige Feten der Hotte Vollenz.
Hochintellektuelle Nickelbrillen, um die sich scharenweise Dreitagebärte breit machten, aus denen oft auch Münder hervorstachen, die fortlaufend bedeutungsschwangere, nichtssagende Floskeln ganz umsonst und fiel zu schade dafür, mein armes Trommelfell zu verbiegen in den Wind stießen, bunte Damen, fein, zerbrochen, die ihren elendigen seelischen Zustand unter Zuhilfenahme eines dezenten Puders zu vertuschen suchten, daß sich auch bald auf dem Boden breit machte und zu rutschigem Gang geradezu verleitete, schlecht gekleidete Kinder, die unter großer Anteilnahme Schokolade an die Bilder schmierten, oder mit ihren Händen an Skulpturen herummodellierten, wobei manches gute Stück unweigerlich zu Bruch ging, der große Künstler, der seiner eigenen Vernissage aus Protest ferngeblieben war, da eines seiner Bilder der Zensur unterworfen wurde, weil es eine enthäutete, nackte, graue Maus auf ebenso grauem Hintergrund, wegen der Farbgleichheit des Hintergrundes mit dem darzustellenden Objekt, vergeblich darzustellen versuchte, da der Galerist nach Rücksprache mit dem Künstler über den Inhalt der grauen Leinwand diese Maus auch tatsächlich zu sehen vorgab, worauf er das Bild für die Ausstellung natürlich sofort sperrte, sperren mußte, wie viele behaupteten, vielleicht behaupten müssen, der im Raum stehende, stinkende Vorwurf, der durch häufiges Zuprosten mit billigem Sekt aus preiswerten Gläsern erfolgreich unterdrückt werden konnte dazu, und ganz nebenbei erwähnt noch unverblümt der Hinweis, daß mich diese Dinge belasteten, weil sie mich sehr viel angehen, - all diese großen Erkenntnisse, die sich mir bei solchen Gelegenheiten, gleich einer Offenbarung, pfeilschnell und tiefschürfend kund tun, wobei man eigentlich wissen sollte, besonders in seinem jeweiligen Alter, daß die Wurzel eines Eichenbaumes niemals 1 sein kann, haben mir eigentlich noch nie so recht zugesagt. Es ist bloß die tiefe Liebe zu meiner Frau, die mich so quält. Ihr gefällt es, und danach habe ich mich zu richten.
Warum mir das nicht aus dem Kopf will, kann ich nicht sagen. Dabei könnte ich sie bei vielen Gelegenheiten zur Strecke bringen.
Daß ich mich oft heftig mit ihr streite, ist vielen bekannt.

Ich werde einfach sagen, sie sei mir davongelaufen
Man wird keinen Verdacht schöpfen
Man wird mich bedauern
Ich werde mich bedauern lassen
Man wird die Schuldfrage stellen
Die Lager werden sich spalten
Trennung sucht nicht den Schuldigen
Auch das Opfer trägt eine gewisse Mitschuld


Wenn ich sie bei einem nächtlichen Spaziergang in der Niers ertränken würde, so wäre das wohl kaum der Rede wert, zumindest für mich.
Ich ginge auch nicht zu weit, würde ich sie nach der Tat verbrennen und ihre Asche den Kindern auf die Stirne drücken, was doch nichts Anderes ist, als dieser christliche Aberglaube, der ohnehin besagt, daß am Aschermittwoch alles vorbei sei.

Asche zu Asche, Staub zu Staub! Ja, sie wird an einem Veilchendienstag sterben. Perfekter kann man einen Mord nicht planen.

Ich bin Sie leid. Ich will frei sein, möchte mir wieder etwas bedeuten. Solange sie lebt, wird das jedoch unmöglich sein.
Ich sei ein anhänglicher Ehegatte, behauptet man allgemein. Nie sähe man mich ohne meine Frau. Diesen feinen Charakterzug heben die Leute oft lobend hervor und klopfen mir gratulierend auf die Schulter, wobei sich ihr Neid manchmal verflüssigt, um in sämigen Fäden aus ihren Augen zu tropfen.
Nur zu gerne würde ich meine Gattin an diese ahnungslosen Menschen verschenken, aber, es geht nicht. Sie dominiert mich, sie saugt ihr Leben aus mir und ich das meine aus ihrem. Ohne sie kann ich nicht sein. Warum muß ich sie dann töten?
Nun, das wäre sicher leichter getan, als beantwortet, aber, muß man erst zum Mörder werden, damit sein Leben sich grundsätzlich ändert? Ich glaube: Manchmal schon.

Einem Bomberpiloten der amerikanischen Luftwaffe, der soeben versehentlich 72 Zivilisten durch ein fehlgeleitetes Geschoß grobzügig in die Luft gejagt hat, vergibt man ja auch gerne, besonders, wenn er nach seinem erfolgreichen Angriff aus Betroffenheit heute nur drei anstatt vier der gewohnten Hamburger verschlingt, bevor er mit DAISY, die vorgibt, nur Putzfrau zu sein, obwohl sie in Wirklichkeit die Frau des Kapitäns ist, sehr nah zusammen kommt und sogar so etwas wie Glück verspürt.

Am 27.05.1999, beklatscht man um 16 Uhr 54, die Skalps der rechtmäßig getöteten Feinde, die später zu Teppichen gewebt werden, damit auch die Familie etwas vom Hauch des Sieges verspürt...

Ich möchte nicht bestreiten, daß ich noch halbwegs Herr über mich bin, aber diese Herren glauben noch an einen Herrn, ich hingegen muß einer Frau gehorchen.

Ich bin ein Flüchtling
Man hat mich ausgestoßen
Ich irre bedingungslos von Vernissage zu Vernissage
Ich verdiene mein Geld durch Arbeit
Ich decke ihr den Tisch
Ich reiche ihr meinen Verdienst
um ihre Bedingung zu erfüllen!
So kann das ja nichts werden.


Ich komme mir vor wie das Opfer eines sinnlosen Krieges. Von Tag zu Tag fällt es mir schwerer, Pazifist zu sein. Ich bin ein vergewaltigter Mann, der sich schweigend vergewaltigen läßt.
Ich muß meinen Körper stählen, lasse mich von Daumenschrauben zerquetschen, laufe 80 Kilometer am Stück, - täglich!
Da mir die Sonnenbank als Medium natürlicher Bräune nicht ausreicht, bevorzuge ich seit Monaten den Brennofen des hiesigen Krematoriums, dessen hohe Betriebstemperatur es auch erlaubt, sich mit Käse und Schinken zu überbacken.
Nur Mut!

An meinem geschäftlichen Erfolg kann indes niemand zweifeln, und täte er es, dann könnte ich Bilanzen vorweisen, die so geschickt manipuliert sind, daß selbst der oberste Steuerfahnder nicht in der Lage wäre, den Betrug zu durchschauen, zumindest nicht dem Betrugsdelikt vorausgegangenen Selbstbetrug.
Mich selbst würde man im Falle einer Verhaftung im Gerichtssaal gar nicht sehen, sondern nur die Gesetze.
Natürlich sind die Gesetze notwendig. Jede Straftat hat eben ihr Niveau. So will sie auch bewertet werden.

Wenn man etwas absolut festlegten muß, dann fehlt es oft an der Fähigkeit, abzuwägen, und darum greifen auch die Gesetze.
Daß man vielleicht eine exzentrische Frau am Hals hatte, die einem die Lunge aus dem Leib saugte, wird nicht gesehen.
Einen gerechten Krieg kann es nicht geben, öffentlich, wie privat.
Irgendjemand muß zunächst Ungerechtigkeit ausüben, damit es überhaupt zum Exzess kommen kann.

Wenn ich am Veilchendienstag meine Frau ertränke, dann kann das also nur gerecht sein, da ich ja seit Jahren an ihrer Ungerechtigkeit leide.
Ein freier Mensch aus freier Welt, der ich nicht bin, würde vielleicht schon lange gesagt haben: "Du kannst mich mal...", und wäre gegangen.
Diese Gabe wird allerdings keinem Kind mit in die Wiege gelegt. Manch Mutterherz sieht scharf. Es fesselt, fürs Leben, macht feige und falsch. Nur geliebt will man sein und seiner Strafe entrinnen.


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