DIE AUSSERIRDISCHEN



Gibt es Leben auf anderen Sternen? Gibt es dort vielleicht sogar intelligente Lebensformen? Wenn es sie denn gäbe; wie lebten sie, wovon ernährten sie sich? Könnte man sie sehen, oder schwirrten sie am Ende als unsichtbares Gasgemisch herum, wären sie vielleicht flüssig wie Wasser, Schmieröl oder Honig? Wie kommunizierten sie? Wären sie längst online im Internet?

Fragen über Fragen; darüber wüßte man gerne mehr. Nun, was mich betrifft, so kann ich nur sagen, daß ich glaube, sehr viel von Außerirdischen Lebensformen zu kennen.

Frau Backes Frau Backes zum Beispiel, von der dritten Etage, die ist mit Sicherheit nicht von diesem Stern. Ich habe sie noch nie ohne Perücke herumlaufen sehen. Darunter versteckt sie bestimmt ihre Antennen, die sie zur Kommunikation mit ihrem Stern befähigt. Auch fällt auf, daß die Backes am ganzen Körper geschminkt ist, ein eindeutiger Hinweis auf Außerirdischkeit. Ihre echte Hautfarbe ist nämlich grün, ja, ja, ich habe sie mal zufällig gesehen, am Karnevalsonntag im Zug, da ging sie als Außerirdische mit und konnte sich endlich mal zeigen, wie sie ist.

Neben mir wohnt noch ein Herr Huber. Der ist aber nicht von einem anderen Stern, nein nein, der ist vom anderen Ufer, aber das stört mich nicht.

Frau Wallraff, eine Etage unter mir, lebte lange Zeit hinter dem Mond, obwohl auch sie in meinen Augen ein gebürtiges Erdenmädel ist. Ihr Mann ist echter Marsianer. Dieser Einfluß übertrug sich auch auf ihre gemeinsame Tochter. Sie kam mit einer Hasenscharte auf die Welt, die aber sofort zugenäht wurde, - eine Voraussetzung zur Erlangung der irdischen Staatsbürgerschaft. Das Mädchen ist mittlerweile zur Sexbombe herangereift und wünscht sich die Hasenscharte nur selten zurück. Der Schulze unter mir ist auch vom Mars; der arbeitet ja auch da, logisch. Seine Frau behauptet, von »Kaisers« zu sein. Dieser Planet ist mir leider nicht bekannt.

Es gibt nur eine Familie in diesem ehrenwerten Haus, die mich, bezüglich ihrer Herkunft, bislang völlig im Unklaren läßt. Es handelt sich hierbei um den Schulze-Wendland-Clan, ein nachtaktiver Haufen aus dem Erdgeschoß, dessen Mitglieder, wie gesagt, zumeist Nachts auf die Jagd gehen. Da sowohl die Marsianer als auch die Venuszulaner des Nachts bevorzugt auf Jagd gehen, fällt eine Identifizierung natürlich schwer. Ich tippe einfach mal, daß es sich bei dem Schulze-Wendland-Clan um Wesen venuszulanischer Abstammung handelt, da bei keinem dieser Damen und Herren vernähte Hasenscharten zu finden sind, was für die Marsianer so typisch ist. Oma Schulze-Wendland trägt seit dreißig Jahren einen Herzschrittmacher, sagt sie, - das könnte aber auch ein Hinweis auf plutonische Abstammung sein. Plutonier kommen in der Regel mit mindestens einem Herzschrittmacher oder einer Dialysemaschiene zur Welt, das ist von Region zu Region verschieden. Es gibt auch Plutonier, die einäugig zur Welt kommen. Solche Leute wohnen hier aber nicht. Herr Bollewitz aus dem Kellergeschoß sitzt seit Urzeiten im Rollstuhl. Ihm fehlen Arme und Beine, - meint er. Er würde aber nie sagen, daß er in Wahrheit ein Meteorit von der Wega ist, nein, nein, das würde er bestimmt nie sagen. Er könnte es auch gar nicht, weil er taubstumm ist und zudem künstlich ernährt werden muß.

Die Müllers von nebenan hingegen sind wahre Sonnenanbeter; ich habe einen schönen Blick auf ihren Garten. Es kann nur Heimweh sein, das sie im Sommer, tag täglich, in die Liegestühle treibt. Die Mutter starb voriges Jahr an Hautkrebs, - so tief kann der Schmerz gehen, ja, ja. Die Müllers sind von der Sonne, das steht fest.

So ist das hier bei uns im Haus. Keiner traut dem anderen über den Weg. Das fällt bei interplanetarischen Besetzungen oft schwer. Zu verschieden sind die Sitten und Gebräuche. Ein Erdenjahr dauert auf dem Mars zum Beispiel nur drei Monate, - ein Umstand, der hier im Haus zwangsläufig Spannungen verursacht, obwohl es doch eigentlich nicht wundern kann, wenn die Wallraffs nur zwei mal im Jahr den Hausflur putzen. Sie sind eben eine marsianische Familie, obwohl Frau Wallraff eine gebürtige Kölnerin ist. Sie hat sich schnell an den trägen Rhythmus ihres marsianischen Mannes gewöhnt und genießt das Leben in vollen Zügen.



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