DIE BANDEWir waren Kinder. Wir waren eine Bande. Die Welt war scheußlich und kalt. Eines Tages kamen Männer mit schwerem Gerät in unsere Straße. Sie fällten geliebte Bäume und gruben sich tief in den Asphalt vor. Die Männer holten große Rohre aus dem Bauch unserer Straße. Diese baulich bedingte Maßnahme schaffte uns Kindern einen Spielplatz der besonderen Art. Unsere Feinde wohnten fortan jenseits des Grabens... Wenn wir uns einmal in der Nähe des Grabens aufhielten, so wir wie es fast ständig taten, dann konnte man, auf Grund der Ereignisse, durchaus von Glück sagen, daß dieser Graben überhaupt erst entstanden war, - er gab den Menschen Brot und Meinung zugleich. Einige Wenige wiederum, stürzte diese einschneidende Sanierung der örtlichen Kanalisation in schreckliche, durchaus nachvollziehbare Depressionen. Sie warfen sich in die Tiefe, oder fielen, bevorzugt Nachts, einfach hinein in dieses Loch, das, mangels Beleuchtung, geradezu auf der Lauer nach allem Organischen zu liegen schien. Früh morgens allerdings kamen mehr und minder wichtige Männer. Einige, die sich für besonders wichtig hielten, bedienten oft einen Zollstock, andere kontrollierten die Arbeit der minder wichtigen Männer mit einem Band-Maß aller Dinge, das besonders genau geeicht zu sein schien. Die Zollstöcke waren so genau, daß man mit ihnen nicht arbeiten konnte, da die seit kurzem genormte Maßeinteilung in Nanometer beim besten Willen nicht mehr abzulesen war. Die wichtigen Männer reagierten, nicht zuletzt aus diesem Grunde, manchmal gereitzt. Sie beschimpften die unwichtigen Männer ob ihrer Ungenauigkeit, was um so mehr verständlich sein dürfte, wenn man bedenkt, daß diesen armen Kreaturen auf ihrem Zollstock, per Gesetz, nur ein Strich pro laufendem Meter zugestanden wurde. Als dann, in diesen zweifelhaft akademischen Kreisen, der Pikometer auf dem Zollstock Realität geworden war, tat man sich scheinbar zusammen und ersann eine List, die bald zum unausweichlichen Gesetz der Natur geriet. Diese List bestand nun darin, den unwichtigen Männern die ungeheuerliche Bedeutung des Picometers ablenkend zu erklären, während man ihnen die Zollstöcke mit der Metereinteilung geschickt aus der Tasche zog, um wenigstens in etwa bestehen zu können. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie man selbst ahnungslosen Kindern nachstellte, die mit exakt einen Meter langen Ästen in der Hand, durchs feuchte Gras hüpften, obwohl sie sich der großen Bedeutung des Meters nicht im Geringsten bewußt waren. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |