DIE GRUBE



Mord Eines Tages kamen drei Männer in unsere Straße. Herr Bauter, ein Nachbar, geriet in helle Aufregung, als er sah, wie diese Männer ein tiefes Loch in die Straße gruben. Die Straße gehörte der Stadt. Herr Bauter konnte sich seine Aufregung nur damit erklären, daß er meinte, die Straße gehörte ihm. Da war er sich sicher. Seit Jahren ging er hier spazieren.
Er kannte jeden Strauch, jedem noch so unwichtigen Pflasterstein hatte er einen Namen gegeben. Herr Bauter liebte die Natur. Morgens um sechs, wenn alle Menschen noch schliefen, ging er hinaus und kehrte das Laub vom Bürgersteig. Er kannte jedes Pflänzchen, das jäh aus den Furchen des Pflasters sprang mit Namen, wußte, wo die Hunde des Viertels ihre Haufen machten, um ihr Revier abzustecken.
Herr Bauter war nicht cholerisch, solange sich das Aussehen seiner gewohnten Umgebung nicht veränderte. So wurde er, notgedrungen, selbst zum Tier, als er hilflos zusehen mußte wie sein Biotop, ohne daß man ihn vorher konsultiert hatte, dem Erdboden gleichgemacht wurde.
Herr Bauter trank drei Liter Bier. Nach der ersten Flasche wurde er mutig, schimpfte auf die Männer ein und verwünschte sie. Nach der zweiten Flasche ging er hart mit seiner Frau ins Gericht. Die Frau kannte dessen Launen und reagierte eher mechanisch. Nach der dritten Flasche weckte er seinen Sohn, der von all den schrecklichen Begebenheiten da draußen gar nichts wußte und schickte ihn hinaus, nach dem Rechten zu sehen. Herr Bauter war, so gesehen, ein sehr ängstlicher Mensch, der alles mystifizierte, was er nicht sofort verstand, und er mystifizierte viel und ausgiebig. Wie sonst sollte man seine Starre verstehen, die aus seinen Augen geradezu herausquoll?
Das aus Kaulquappen einmal Frösche werden würden, das Raupen sich in Schmetterlinge verwandelten, daß man Regenwürmer in der Mitte durchschneiden konnte und das daraus dann wieder zwei lebende Würmer wurden, all das konnte er sich nicht erklären, all diese Dinge waren ihm fremd.
Bauter sehnte sich so sehr nach einer Klärung dieser biologischen Phänomene, die ihm damals im Unterricht, seiner Meinung nach nur unzureichend vermittelt wurden. Und weil auch zu Hause darüber nicht gesprochen werden durfte, quälte er sich, Zeit seines Lebens damit ab, sein kleines, unwürdiges Dasein vor sich und der Welt geheim zu halten.
Und jetzt rissen sie die Strasse auf, die er zu seinem Leben gemacht hatte, zerfetzten seinen Halt, den er sich in all den Jahren, die sie hier wohnten, mühsam aufgebaut hatte, zerstörten wortlos und mit der brachialen Gewalt hydraulischer Maschinen die Grundlagen seiner Existenz, dieses Gerüst, an dem er sich in seiner Hilflosigkeit klammerte, wie es nur einer tun kann, der gar nicht weiß, daß er lebt.
Bauter lebte ja eigentlich immer in der Ahnung, daß einmal alles vorbei sein würde mit seiner Straße. Wie oft mußte er Kinder verscheuchen, die winzige Kuhlen in den Lehm gruben, damit ihre Murmeln ein Ziel hatten. Wie oft zerstach er mit Genuß einen Ball vor den ahnungslosen Augen dieser kleinen verletzbaren Kreaturen, der versehentlich auf seinem Balkon gelandet war, nur um sie zu demütigen. Wie oft belehrte er sie derart, daß selbst die Eltern so manchen Sprösslings, denselben scharf ins Gericht nahmen, obwohl sie eigentlich nur gespielt hatten?,- nur, weil sie den, der laut brüllte, in Schutz nahmen? Waren sie ihm hörig?
Einmal, es war Nacht, die Straßenbeleuchtung funktionierte nicht, wagte Bauter sich aus dem Haus. Wie ein selbst von der dritten Welt Verfolgter, schlich er im Schutze der Dunkelheit hin zu der Grube, während ein Käutzchen seine Botschaft in den Wind stieß, die ihm nichts gutes verhieß. Es hätte auch genausogut ein Auto vorbeifahren können, oder eine Eichel vom Baum fallen, - das lag in der Natur Bauters, der vom weltlichen Unheil förmlich angezogen wurde, es provozierte, da er sein persönliches Schicksal verleugnete.
Schließlich hatte er eine glückliche Kindheit verlebt. Die Mutter hatte mutig zugeschaut, als der Vater ihn mit einem Stock windelweich schlug um ihn danach für Stunden in sein Zimmer zu sperren. Schön fand er auch die Spaziergänge durch den Wald. Der Vater erklärte ihm den Schlupf des Buntspechtes, die wundersame Vermehrung der Pflanzen durch Bestäubung, den Stand der Gestirne zur jeweiligen Jahreszeit, und daß man erst durch harte Arbeit zum Sein gelangen könne. Der Vater war auf die eine Art sehr um ihn bemüht. Doch ,oh weh!, wenn sich im kleinen Bauter so etwas wie Eigenart regen wollte. Dann sah auch der Vater, daß er nicht mehr lebte, dann ahnte er vage, daß man auch ihm sein Leben ausgetrieben hatte, dann erblickte er diese Bestie in seinem Sohn, der ihn mit jeder natürlichen Regung an seinen Verlust erinnerte. Bauter schaute oft in die hilflosen Augen seines Vaters, die aus einer weit entfernten inneren Tiefe heraus eigentlich weinen wollten, obwohl sie gleichzeitig vor Neid auf das schon ihm unmöglich gemachte Selbstverständnis des Seins förmlich sprühten. In diesem vergifteten Sprühnebel wuchs der kleine Bauter auf. Und da seine unmittelbare Umgebung oft auch längst vergiftet war, fand er keinen, der ihm in seiner Not hätte weiterhelfen können.

Der alte Bauter hatte früh geheiratet. Zeitzeugen wissen selbst heute noch, von einer Traumhochzeit aus tiefster Liebe zu berichten. Auf alten, schon vergilbten Fotos, sieht man das Paar, wie es sich innig küsst, wie es sich stolz auf der Treppe zum Portal der Pfarrkirche postiert, wobei das Ende des unendlich langen Schleiers der Frau sich noch tief in Gottes Haus befindet. Im Hintergrund erkennt man Kinder, mit Blumensträußen in der Hand, die freundlich winken und lachen. Das Portal der Kirche ist bekränzt mit weißen Rosen. Schützenbrüder in lindgrüner Uniform grüßen majestätisch das, was einmal wachsen, gedeihen soll.
Die Hochzeit mußte wegen des Vaterunsers und der damit verbundenen natürlichen Schuld am Dasein unbedingt kirchlich sein, sonst hätte man erst gar nicht geheiratet Schließlich wollte man sich im guten Glauben an die Bestie und Erlöser Gott davor schützen, vielleicht etwas falsch zu machen. Das Böse war ja schon in einem und da brauchte man natürlich unbedingt einen Halt, den Seelenmord zu rechtfertigen, sei es, den eigenen, oder den an ihren Kindern, die noch gar nicht geboren waren.


Nur wer sieht kommt weiter. Ich bemühe mich redlich, obwohl mir im Moment die Worte fehlen. (das Gefühl?)
Es ist wie ein Schock.

(Für Sigrid, Hamburg)


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