BILDBETRACHTUNG


(über das Hadern zwischen Kunst und Wissenschaft)

Mann und Frau
Das Bild Irrende Herzen von Ignatz Kockhäuser, eine Kohlezeichnung, zur Zeit der Energiekrise geschaffen, ist zunächst aus diesem Grund allein, als reinste Verschwendung des gerade damals so dringend benötigten Rohstoffes anzusehen.
Die Leute sangen: "Kein Feuer keine Kohle", aber Kockhäuser, als Mime einer sorglosen Oberschicht, zerschmetterte gleich tonnenweise Briketts an der Leinwand.
Die Spuren dieser Einschläge, von denen gewaltige Risse wie spielend zeugen, verlieren sich nur allzu schnell und bevorzugt in den oft Nanometer - breiten, unüberschaubaren Schluchten des Materials.
Es wäre ein Widersinn, zu behaupten, der Maler hätte sich bei der Schaffung seines Werkes keine Mühe gegeben.
Ich mache dem Künstler auch keinen Vorwurf, aber ich muß ihm vorwerfen, zum Zeitpunkt der Schöpfung schlichtweg geschlafen zu haben. Er hätte damals, in dieser sparsamen Zeit, doch andere Rohstoffe verwenden sollen; Tomaten zum Beispiel, - sind rot wie Lippen; Gurken, sie lassen sich nicht nur essen, sondern verzaubern unter noch nicht eindeutig geklärten Umständen die Seele ihres Schöpfers, indem vielleicht zartgrüne Baumwipfel aus dem Saft dieser Frucht entstehen, oder saftiggrüne Wiesen fast aus der Leinwand herauswuchern hätten können.

Ich bin gegen jegliche Statik des künstlerischen Ausdrucks. Schon Hundertwasser sagte, die gerade Linie sei gottlos.
Verlangt die Knappheit eines Rohstoffes nicht vielleicht geradezu nach diesem so arg vermissten Element? Essen wir nicht, wenn wir hungrig sind? So gesehen kann man dem Künstler eigentlich keinen Vorwurf daraus machen, daß er sein Werk mit Briketts in die Leinwand hämmerte, grob, gefühllos und selbstsicher wie der Mörder auf frischer Tat, der weiß, daß er niemals ertappt werden wird.

Der Mann, den wir auf dem Bild sehen, geht gerade am Ufer eines zugefrorenen Sees spazieren. Seinen Kopf ziert ein altmodischer Zylinder. Der Mann ist alt oder behindert. Davon zeugt ein Spazierstock, der sich, ausgehend von dessen rechter Hand, vergeblich in den steinharten Erdboden zu bohren versucht. Im Vordergrund des Gemäldes erkennt man ganz unzweifelhaft den Umriß einer weiblichen Gestalt, die dem Betrachter zugewandt ist. Ihr Bauernrock wird von einer frischen Briese leicht nach rechts abgelenkt, ihren Kopf hält sie zu Boden geneigt, als wolle Sie sagen: "Ich sag jetzt lieber nichts." Da der Schöpfer vergessen hat, der Frau Hände anzumalen, muß man davon ausgehen, daß auch Sie behindert ist. Alt sieht Sie jedenfalls nicht aus. Anderenfalls versteckt Sie ihre Hände womöglich vor der eisigen Kälte. Die Frau trägt außerdem eine Mütze, die auch ein Helm sein könnte. Mag sein, daß die Frau auch vom Mars kommt, oder in der Ukraine beheimatet ist. Es könnte sich bei Ihr auch um eine Sudetendeutsche handeln, die auf Grund der Wirren der Vertreibung ihre Mütze einfach vergessen hat. Mag sein, daß sie in ihre Heimat zurück möchte und ihre Mütze nur aus Protest trägt. Die Pantoffeln von Birkenstock sprechen jedoch eine andere Sprache.
Die beiden Personen stehen auf einem Erdboden, der von innen zu leuchten scheint. Ein kaltes Licht entstellt das Gesicht der Frau. Der Mann muß die Frau einmal sehr geliebt haben. Wie sonst soll man sich dessen eifersüchtigen Blick erklären? Der Blick der Frau verrät aber schnell, daß Sie nicht ganz unschuldig an einem Dilemma sein kann, in das beide, aus welchen Gründen auch immer, hineingeraten zu sein scheinen. Über diese Menschen hat sich ein Fluch gelegt, der jegliche Empfindung gefrieren läßt. Schließt der Betrachter nun seine Augen und schaut nach Innen, so kann er das Klirren der Kälte im See sogar hören! Ein leerstehendes Haus am anderen Ufer des Sees gibt Zeugnis von großer Einsamkeit, womit die Schwere des Konfliktes nachhaltig unterstrichen wird.

Dort haben sie einmal gewohnt, sich geliebt, sich gestritten, die Frau am Herd, der Mann an der Flasche. Dann haben sie sich geschlagen und versuchten sich trotzdem noch jahrzehnte lang erfolglos weiterzulieben. Eines Tages aber wurden die blauen Flecken der Frau ihr zu bunt, und sie beschloß, fortan um den See zu laufen, von Süd über Ost wieder zurück. Der Mann bemerkte erst fünf Jahre später das Wegbleiben seiner Frau. Er dachte zunächst, daß sie wohl einkaufen sei, aber nachdem fünf weitere Jahre verronnen waren, ohne daß Sie sich blicken ließ, begann er, sich doch allmählich Sorgen zu machen, zumal er auch langsam Hunger bekam, der Platz am Herd aber immer noch unbesetzt war. Dem Mann wurde es nun auch zu bunt, und er entfernte sich dem Haus von süd - in westliche Richtung. So kam es schließlich, daß sie sich irgendwann einmal über den Weg liefen, - der Mann mit dem Vorwurf im Gesicht, die Frau mit der Schuld. (manchmal auch umgekehrt)

Dieser ergreifende Moment ihrer ersten Begegnung am anderen Ufer des Sees hat dem Maler schließlich zum Durchbruch verholfen, - kurz vor der Vollendung seines Werkes bekam er Bauchschmerzen und mußte ins Krankenhaus, - es war vornehmlich die Leiste, die durchgebrochen war, und nichts als seine Leiste kümmerte ihn fortan mehr. Einen Zusammenhang zwischen den Durchbrüchen kann man durchaus erahnen, zumindest darf man diesen einen nicht unbedingt ausschließen.

Die Schaffung von Kunstwerken erfordert den ganzen Menschen. Hellwach muß er sein von früh bis spät, der heutige Künstler, von Rembrandt bis Nolde. Da kommt es schon mal schnell zu Durchbrüchen der unbequemsten Art. Man liegt zu Bett, in leichte Pullover gehüllt , von denen der Unterste kratzt wie ein Rosenstrauch, in den man soeben versehentlich gestolpert ist, den man gerade aber wegen seiner leuchtenden Farben so gerne trägt. Es werden wohl fadenscheinige Gründe aus wahrhaftigen Abgründen zum Zweck der Verstellung seiner selbst sein, die ihn so macht, wie er ist.

Kockhäuser hat sich, ohne es zu wissen, ein Abbild seiner selbst geschaffen, von dem er behauptet, es stelle lediglich eine Szene aus "The Beauty and the Beast" dar. Wie unklug von ihm und doch so klug aus persönlicher Sicht.


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