DER BLAMIERTE

Beobachtungen am Wege
Hieronymus Bosch



Darf mich kurz vorstellen.
Bolte, Heinz-Willi.
Düsseldorf Elberfeld.
Bin anständig auf Achsbruch.
Hab 540 Jahre auf dem Buckel, wahrscheinlich sinds mehr.
Verraten, ja.
Verstoßen, auch.
Geliebt, nicht immer.
Geflohen, oft.
Gerettet, wohl kaum.
Mumifiziert und verkauft ans Museum für Heimat und Geschichte.
Verächtlich begrappscht und bespuckt.
Bewundert selbst von den Gröbsten dieser Welt.
Vergöttert gar von Judas Bleichwitz, (ein Nachbar)
Der Schwindel ergeben, (eine Großtante, Vorname Basilika)

So, Hut ab denn!
Denn morgen kommt der Kaiser!
Ist arm wie der Bettelmann!
Wie, Onkel Theobald kommt zu Besuch?
Zerknirscht wie die süffigen Pappnasen des Fasch-ing! (sprich: Fäsch-ink)
Ist das nicht Tinte?
Ja, aber lassts ihn nicht wissen!
Sonst fließt er uns womöglich noch hinfort aus dem Schreiben ins Leben.
Dann würde er uns alle verraten.
An dieses blaue Meer der Sehnsucht?
Tulpen aus Amsterdam?
Habt acht!
Der Meister ist sehr kränkbar!
Wohnt in einer dunklen Kaschemme nah bei der Stadt.
Er wird nach dem Licht schreien, sobald er euch sieht.
Ihr werdet ihm niemals beikommen, ihm nicht.
So zündet eine Kerze für ihn an.
Verknotet euere Beine!
Tut so, als ob ihr pissen müßtet!
Verdreht euere Augen!
Schaut nicht in die seinen!
Er hat euch, er hat euch!
Flieht, flieht!
Aber wie, aber wie!?
Rennt junkend um den Küchentisch, dabei immer ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen.
Erfindet eine Krankheit, auf das ihr geschont bleibt von ihm.
Verstrickt euch in Lügen, seiner Strafe zu entgehen.
Fresst Pillen!
Stellt euch tot!
Bringt euch um!
Dann wird er euch vielleicht für immer in Ruhe lassen.
So hofft denn auf die Gnade des Bestimmers!
Und denkt tunlichst daran:
Macht euch schlechter als das Bild, das er von euch hat.
Das wird ihn aufmuntern.
Er braucht das Wissen um seine Macht.
Lasst euch von ihm rasieren.
Es ist nur euer Friseur.
Es ist euere Tante.
Es sind euere Nachbarn.
Es ist die ganze Welt euch auf den Fersen!
Und schreit um Himmels Willen niemals um Hilfe.
Dann sacken sie dich ein und zeigen verächtlich mit Fingern auf dich, wie früher.
Weil, das was du weißt, wissen eh alle, aber sie wollen es nicht wahr haben.
Küsst allen die Füße, und, grüsst sie mir schön.
Seht hin, ihre Schuh!
Sie bräuchten mal neue!
Stimmt!

Dies sagt euch ein Kind!

Mit der Zeit verlor ich, nebenbei bemerkt, den Glauben an diese GÜTE, zumindest versuchte ich es.
Eines Nachts, als alles mutig schlief, sich schwitzend unter den Decken von der Unendlichkeit ihrer symbolträchtigen Alpträume überzeugte, da erwachte ich, sprengte die Fesseln meiner mittelalterlichen Mumifizierung und schritt hinaus auf den von Menschen versehrten Marktplatz.
War mit meiner Droschke unterwegs, den schielenden Ackergaul Hans Ferdinand immer vor Augen.
HÜA HÜA!, schrie ich und gab dem armen Tier kräftig die Sporen.
Ich hatte das Pferd tiefer legen lassen und mit breiteren Hufen bestückt, damit ich in der neuen Welt nicht so auffiel.
Schließlich sollte doch das aus mir werden, was ich sowieso schon alles war.
Eine Umschulung zum Minensucher auf Elba lehnte das Arbeitsamt kategorisch ab.
Schweinehirt war zu selten und Rinderwahn, den hatte ich bereits erfolglos absolviert.
Bäcker war mir außerdem zu früh und Nachtwächter zu spät.
Selbst der Glöckner von Notre Dame wurde mittlerweile durch einen Automaten ersetzt.
Auf gesellschaftlich fundierte Selbstverwirklichung legte ich hier mitnichten einen Wert.
Ihr könnt euch sicher vorstellen, daß ich dem Wahnsinn schon sehr oft recht nahe war.
Ich blieb also Güllekutscher, sog Scheiße aus Kellern und füllte damit die Windeln der Welt.
Kein einträgliches Geschäft, die Welt hatte sich mit den Jahrhunderten doch sehr verändert.
Die Gülle floss zwar noch, ich wußte bloß nicht mehr, wohin.
Schon bald befand ich mich in einer kreativen Sinnkrise und hielt mich, als Künstler, wie für gemacht.
Ich stand natürlich oft in der Zeitung, weil nicht, gewaschenes Geld, sondern Gülle, zudem in die falschen Kanäle floss.
Das gab, grob gesagt, Schelte en masse.
Geld hatte ich eh keines, woher auch.
Ich war allein auf Hans Ferdinand angewiesen, mein treues Pferd, das ich kreuz und quer durch die Strassen unserer Stadt trieb, damit es nur ja ordentlich zu fressen fände.
Von dem Dreck, der schließlich dabei herumkam und dank der Drehbewegung der Räder meiner kleinen Droschke mir ins Gesicht geschleudert wurde, hing ich schließlich ab.
So ganz allmählich dämmerte es mir, daß ich in der Gegenwart auf schmierige Tiere gestoßen war, auf Beute-suchende Insekten, deren Einfluss sich man nicht so ohne Weiteres entziehen konnte.
Eines Nachts zum Beispiel, ich lag wie immer recht eingeschlafen in meinem Bett, da öffnete sich knarrend die Türe zu meinem Gemach.
Ein fauchendes Geräusch erschreckte mich zu Tode. Ich verkroch mich blinzelnd unter meine Decke.
Ein fahles Licht ergoß sich in mein kleines Kämmerlein. Ein säuselndes Geräusch geriet an mein Ohr. Die gute Fee war fern.
Wie von unsichtbaren Fäden geführt, schwebte plötzlich eine Art Mobile ganz nah über meinem Kopf, an dessen Auslegern, welche einen irrsinnigen Kampf um die Balance fochten, die skalpierten Köpfe meiner Großeltern hingen.
Die verschrumpelten Köpfe bewegten ihre Münder. Es sah so aus, als unterhielten sie sich über Gott und die Welt. So sehr ich mich auch bemühte, ich verstand nicht, was sie mir sagen wollten. Wie sollte ich auch. Es kam nur heiße Luft, die allein der Abfuhr des familiären Dunstes diente.
Wer am Ende des langen Kampfes das schönste Grab hatte, der hatte gewonnen.
Die Abwesenheit ihrer Körper, schon im Leben, schien sie in keinster Weise zu beunruhigen.
Ich tat einen irrsinnigen Schrei.
Da wurde die Tür zu meinem Zimmer brachial aufgerissen. Ein gleißendes Licht verbrannte meine Netzhaut. Erst nach einer komplizierten Selbstoperation erkannte ich meine Tante Gertrud, die mir zur Beruhigung wie aufgebracht feuchte Wadenwickel um die Ohren haute.
Zu meiner Überraschung verstrickte sich der Wickel auf brisante Weise in dem Mobile meiner Vorfahren, so daß ich nicht besonders viel davon abbekam.
Ich schwieg, um sie nicht unnötig zu verunsichern. Schließlich war sie Erzieherin, was mich nicht wunderte.
Als die Tante mein plötzliches Ruhig sein bemerkte, löste sie die gordische Verstrickung des Wickels, so daß dessen verknotetes Ende vom Mobile abwärts gerichtet mir nunmehr wie das seicht schwingende Pendel einer monumentalen Wanduhr mahnend über die Wangen strich.
Ich fiel in eine Art hypnotischen Traum.
Es war ein sprudelndes Bächlein, an dem ich mich befand. Ringsum war viel Gestrüpp. Die Vögel pieksten sich mitunter an Dornen. Das waren die bekannten Dornenvögel aus dem Naturkostladen, deren mikroskopische Eier so gut schmeckten.
Am anderen Ufer trat plötzlich ein nacktes Mädchen aus dem Gestrüpp hervor, das glaubhaft um Hilfe schrie.
Sodenn verlor ich meinen Glauben an rein vegetarische Kost und sprang hinein in die Fluten, sie vor was weiß ich, von wem weiß wer, zu retten.
Nach Stunden verzweifelten Kampfes mit der gewaltigen Strömung erreichte ich schließlich das Ufer der Verdammnis.
Nachdem ich mühsam an Land gekrochen war, sah ich auf und schaute in das neidvoll abwehrende Gesicht eines breitschultrigen Mannes.
Es war das versteinerte Abbild meines Vaters. Ich erschrak heftig.
Er war unfähig, sich zu bewegen, unfähig zu lachen, unfähig, zu weinen. Tagein tagaus dachte er an seine leibliche Mutter, von der er sich verstoßen fühlte und deren alles verzeihende Liebe er jetzt in seiner Frau zu finden hoffte.
An einem Felsblock hockte wimmernd eine gefesselte Gestalt. Es war meine Mutter. Ich mußte sie vor ihm retten, wenn ich sie für mich haben wollte, doch dieser grob gehauene Block aus Granit verschwendete keinen Gedanken an mich, denn er kannte nur Feinde.
Wer wollte sie ihm nicht nehmen? Alle wollten sie ihm nehmen. Allein die Möglichkeit, daß sie ihm hätte genommen werden können, vergällte ihm die Laune und ließ ihn oft an Selbstmord denken.
Er stieß seine Liebste in eine dunkle Grube, aus der sie sich hätte befreien können, wenn ihr nicht ähnliches geschehen wäre.
Dann kam das erste Kind über den Fluss und später folgte das zweite.

Ich bemerkte eine schnell einsetzende Erstarrung meiner Glieder, die so notwendig war wie das Amen in der Kirche. Sterben konnte ich immer noch.

IHR SOLLT SIE NICHT HABEN!, schrie er, SIE GEHÖRT MIR AUF IMMER UND EWIG!
AM LIEBSTEN HÄTTE ICH, IHR GINGET IN DEN FLUSS ZURÜCK UND FÄNDET DORT EINEN GLÜCKLICHEN TOD!
WARUM HABE ICH EUCH GEZEUGT, WARUM NUR?

Ich schaute beschämt auf den Boden und fand meine Schnüre nicht gesenkelt.
Meine Schuhe hatten sich befreit und tappten singend hinter mir her.
Ich schaute benommen in den Himmel und die Wolken riefen:
So dumm möchten wir sein, wie du! Dann wären wir jetzt gar nicht hier und der Himmel wäre blau und dampfte vor Glück!
Was du verbrochen hast, weiß nur der Teufel! Aber er weiß es, sei dir gewiss!
Seht her, eure Schuh! Man hat euch sogar die Senkel gestohlen!
Sie laufen nun lose durch die Welt, so wie du dirs immer gewünscht hast.
Ich versuchte nun einmal einfach geradeaus zu schauen.
Das war nicht sonderlich schwer, zumal das die günstigste Kopflage war.
Sich zu wehren hätte keinen Sinn gemacht.
Zu verzweifeln hätte dem Ansehen geschadet, der Blamierte war man sowieso.
Ich schaute weg und wurde Dichter.



zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte