DER BRUMMKREISEL

Im Schrank?

Fotografie von
Matthias von Schramm, Hamburg
© by Matthias von Schramm 1999


Ein schon etwas verbeulter Brummkreisel, der, wenn er denn brummte, seinem Namen alle Ehre machte, beschloß eines schlechten Novembertages, verbogen wie er war, seinen Weg in die Welt zu wagen.
Eine vergoldete Kaffeetasse, die das ewig lose Gebiss ihrer verdünkelten Herrin verdammt nochmal endlich satt hatte, obwohl auch bei ihr zwar nicht Beulen, sondern eher Risse im Porzellan noch von der Herrschaft über sie zeugten, tat es dem Brummkreisel gleich, hüpfte vor den entsetzten Augen der Dame vom Tisch, öffnete gewandt die Türe und zersprang hinaus in die Freiheit.
Da Freiheit allerdings eine Sache ist, die einem schon im Schoß ausgetrieben wird, ohne daß dies zunächst groß auffiele, gestaltet sich daß Erlernen der Freiheit im späteren Leben als ein recht schwieriges Unterfangen.
Der Brummkreisel beispielsweise wurde Politiker und setzte sich vergeblich gegen das Rotationsverfahren ein. Die in die Freiheit zersprungene Tasse wurde "Tassistin" und warb umsonst für all ihre edelen Kolleginen im Schrank, deren unerreichbares Ideal sie wie eine Klette behaftete.
Eines schönen Tages aber trafen sich der verbeulte Brummkreisel und die zersprungene Kaffeetasse beim vorweihnachtlichen Einkaufsbummel im Oberhausener CENTRO, einer vor Freiheit strotzenden Bannmeile verlockender Gelüste. Was es hier nicht alles gab für Geld, das man nicht hatte.
Es war liebe auf den ersten Blick! Dem Kreisel wurde es zum ersten mal in seinem Leben schwindelig, da er sich auf seine Rotation besann. Die Splitter der Tasse rotteten sich umständlich zusammen und versuchten äußerst erfolgreich ein Gefühl von Ganzheit zu vermitteln. Da der Kreisel ja eh nicht wußte, wo bei ihm vorne und hinten war und die Tasse sie sowieso nicht mehr alle im Schrank hatte, kam sofort eine tiefe Liebe in Gang, die aus nichts weiter als aus Fragen bestand, auf die allerdings keiner Antworten geben konnte.
Derart verwirrt, vor den Kopf gestoßen, hillflos vor sich hin rotierend und zersplittert, verlassen selbst heute noch viele ihr gemütliches Heim, von dem sie meinen, es hätte ihnen alles gegeben.
Doch, wehe dem, es kommt so etwas wie Wachheit auf, ein Augenblick, der über nichts hinwegtäuscht! Zu schnell sind die exikutiven Säbel, die uns die Gebeine der Erkenntnis abschlagen, obwohl wir gerade noch sicher waren, daß wir sie hatten. Der Versuch einer Besinnung auf das Wesentliche, das wir nie erfahren durften, mußte so, notgedrungen, scheitern, und scheitert immer wieder aufs Neue. Das: "Warum liebst du mich nicht!", war somit schon vorprogrammiert.
Die Geiselgängster von Gladbeck haben uns unlängst ein Lied von diesem Leid gesungen, und alle waren mit ihren neugierigen Nasen dabei, in ihrem "Spanner - TV" von der Couch aus.
Oft redete man nicht bloß von Mord und Totschlag, oft erzürnte man sich derart impulsiv, daß selbst den Spatzen auf den Bäumen noch in zwei Kilometer Entfernung sämtliche Federn ausfielen. Die Einfühlsamkeit ging sogar soweit, daß man dem verbeulten Brummkreisel eine neue Batterie verpasste, damit er wieder leuchtete. Doch man zwang sich, nicht zuletzt aus Angst vor den Mitmenschen immer wieder zur Ruhe und verachtete sich zusehends für die Verachtung, die man sich und der Welt gegenüber hegte. Eigentlich gehörte man dieser Gesellschaft gar nicht an, sondern eher der Kirche, die allerdings auch nur ihren professionellen Trost versprach, zumindest wollte man es nicht. Zu scharf waren die Sanktionen, die dem Brummkreisel wie der Tasse das Leben zur Hölle machten.
Blau der Himmel! Süß der Wein!
Verzeihen ist nur was für die glücklichen Philosophen! Wie soll man auch verzeihen können, wenn man gar nicht weiß, worunter man wirklich gelitten hat.
Gleichnisse können mir zum Beispiel nicht mehr weiterhelfen.


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