DIE BUTTERFAHRT



Es war an einem dieser verregneten Wochenenden. Die ganzen lieben Werktage lang hatte die Sonne einem während der harten Arbeit die Halbglatze bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Pünktlich zum Freitagmittag war die Temperatur bis knapp an die Frostgrenze gesunken Es wehte ein eisiger Wind, der einem die letzten Haare vom Kopf riß, und aus den schwarzen Wolken am Himmel fielen Hagelkörner so groß wie Bauklötze, ganz so, wie es der nette Herr vom Wetterbericht schon am Mittwoch prophezeit hatte.

Warten im Regen Ich wartete vor Kälte bibbernd auf den Bus, der mich und einige um mich herumstehende uralte Rentner, die teilweise im Rollstuhl saßen oder versuchten, sich unter Zuhilfenahme schwerer Krücken mühsam aufrecht zu halten, nach Norddeich bringen sollte. Obwohl hier die unterschiedlichsten Charaktere zusammengekommen waren, gab es dennoch eine Gemeinsamkeit, - der Hauptgewinn des »Dresdener Lotterievereins«. Alle, die hier saßen, standen oder krampfhaft versuchten sich irgendwie auf den Beinen zu halten, hatten eine Butterfahrt auf der Nordsee gewonnen. Daß ich mit meinen siebenunddreißig Jahren der Jüngste war, störte mich recht wenig. Ich hatte den Generationskonflikt längst überwunden und wartete gespannt auf rührselige Geschichten aus dem ersten Weltkrieg oder von Kaiser Willhelm, die mir während der langen Fahrt sicherlich zu Ohren kommen würden, ich interessierte mich sehr für die deutsche Geschichte der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, besonders weil ich da noch nicht geboren war. Diesen Abschnitt hatte ich ja völlig verpasst. Da konnte ich von Glück reden, daß es noch ältere Menschen gab, viel ältere, die mir von dieser Zeit erzählen würden; darauf hoffte ich natürlich.

Der Bus hatte schon eine halbe Stunde Verspätung. Die Hagelkörner waren zur Faustgröße herangewachsen. Sie verursachten Blechschäden und Glasbruch. Auch zwei der wartenden Rentner wurden schwer am Kopf getroffen von ihren Krücken geschleudert. Sie mußten notärztlich behandelt werden. Für sie war die Butterfahrt damit praktisch schon zuende. Einen Stahlhelm, den ich vorsichtshalber mitgenommen hatte, bewahrte mich vor derartigem Unglück. Selbst die kugelsichere Weste tat ihren besten Dienst, obwohl ich die eigentlich nur eingepackt hatte, weil ich wußte, daß besonders Reisebusse in der jüngsten Vergangenheit oft Opfer von Entführungen wurden.
Es dauerte noch zweieinhalb Stunden, bis der Bus , von Hagelkörnern gräßlich entstellt, endlich vor uns stand. Es gab kaum eine Scheibe, die nicht zertrümmert war; Vorne fuhr der Bus nur noch auf glühenden Felgen, die sich einen Weg durch den Asphalt fraßen und tiefe, dampfende Furchen hinterließen. Der Fahrer, ein Pygmäe in Uniform, machte schöne Miene zu bösem Spiel, denn er bat uns im Namen der »Dresdener Lotteriefirma« recht herzlich herein. Zwei Greise, die nicht mehr wußten wie ihnen geschah, betraten als erste den Bus, begrüßten den mutigen Piloten mit Handschlag, räumten die Glassplitter von ihren Sitzen und nahmen erwartungsfroh Platz. Dieses Beispiel machte schnell Schule; so nach und nach fanden sich schließlich alle Wartende auf ihren Plätzen ein. Ich saß direkt neben dem Fahrer, der mir zu meiner Überraschung sofort ein Mikrofon in die Hand drückte. Er forderte mich auf, die Reisenden im Namen der Firma recht herzlich zu begrüßen. Ich mußte auch durchsagen, daß der im Prospekt angekündigte Besuch der Werbeveranstaltung auf grund eines Druckfehlers nun doch nicht mehr freigestellt, sondern Pflichtprogramm sei, von heute auf morgen, -man hätte sich das nicht erklären können sollte ich auch noch sagen. Dann forderte man mich auf, eine Audio-Cassette mit Porno-Witzen auf Bayrisch einzulegen, deren Inhalt große, meist euphorische Zustimmung fand. So manches Greises-Krücke fand schnell den Weg zum Ausschnitt der Greisin und verhakte sich zumeist tief darin. Das konnte ich von hier vorne schön beobachten. Die meisten kannten sich gar nicht oder waren mit jemand anderem verheiratet; das fand ich komisch.

Bus Wir kamen gut voran, obwohl es mittlerweile Schneemänner hagelte, große, kleine, glückliche wie unglückliche. Das hatten wir vor allen Dingen unserem Busfahrer zu verdanken, der mutig rote Ampeln und Stopstraßen überfuhr, frisch bestellte Äcker umpflügte und auch die Durchquerung breiter Flußdeltas nicht scheute. Selbst ein leichter Motorschaden auf dem Grund der Ems bei Aschendorf war, dank des hochbegabten Fahrers, in wenigen Stunden behoben. Wir gewannen unterdessen einen herrlichen Eindruck von der Artenvielfalt der Emser Fischwelt. Barsche, Flußkrebse, Forellen und Räucheraale gaben ihr Stelldichein hinter den berstenden Scheiben des Busses, in dem man nun auch ohne Gefahr baden konnte. Das Wasser der Ems war von guter Qualität, was man besonders an den vielen Autowracks, die hier unten zu Tausenden herrenlos herumstanden, erkennen konnte, - selbst ein uralter Mercedes 190 D war kaum von Rost befallen.
Auf der A 31 bei Emden verursachten wir während eines Überholmanövers auf der Gegenfahrbahn eine Massenkarambolage, in die einhundertfünfzig Fahrzeuge verwickelt wurden. Wir kamen, Gott sei Dank, mit dem Schrecken davon, und konnten dank dichten Nebels unerkannt entkommen. Der Geisterfahrer, den wir überholt hatten, wurde aber gestellt. Er bekam eine Anzeige wegen verkehrsbehindernden Langsamfahrens. Nach siebzehn Stunden und dreißig Minuten erreichten wir Norddeich. Tausende von Fischen zappelten in den Gepäcknetzen, auf den Sitzen und in den Ausschnitten der Damen. Einem beleibten Herrn in Frack und Zylinder hing ein langer Aal aus der Hose, was allgemein moralisch verurteilt wurde. Der begabte Fahrer sammelte die Fische ein, um sie auf dem Norddeicher Wochenmarkt zu verkaufen, während wir in der Stadthalle auf über zweitausend andere Leute stießen, die auch alle Hauptgewinner der Lottofirma waren. Am Eingang wurden wir von zwei uniformierten Damen willkommen geheißen, die uns einen Bleistift mit Werbeaufdruck ihrer Institution schenkten. Durch einen langen, schmalen Gang gelangten wir in ein dunkles Kellergewölbe, das von Kerzen schwach erleuchtet wurde. Ein düster dreinschauender Herr, der ein T-Shirt mit dem Aufdruck »KASSE« trug, sammelte die Bleistifte wieder ein, verlangte fünfzig Mark Eintritt und dreißig für die Garderobe. Ein Stehplatz kostete zwanzig Mark Aufpreis; für einen Sitzplatz mußte man hundert Mark extra bezahlen. Da die Stehplätze bereits ausverkauft waren, mußten wir uns mit den Sitzplätzen zufrieden geben, - harte, einbeinige Melkschemel, denen oft das Bein fehlte. Ein Melkschemelmacher, der zufällig anwesend war, machte gute Geschäfte. Eine uralte Frau im Rollstuhl, die seit vierzig Jahren schwere Alzheimerische Symptome zeigte, machte in die Hose, weil sie die fünfzig Mark-sechsundneunzig, die für das große Geschäft verlangt wurden, nicht mehr bezahlen konnte. Dem Herrn mit dem Aal aus der Hose platzte die Blase, denn kleine Geschäfte waren hier verpönt. Sie hätten das Ansehen schädigen können. Ich hatte mir gerade bei einem Herrn mit der Aufschrift »STADTSPARKASSE« einen Kredit von fünftausend Mark genommen, als die Veranstaltung begann. Ein hageres Männlein schob eine CD in den Player, was mit entsätzlichem Lärm aus den überall im Raum herumstehenden Lautsprecherboxen quittiert wurde. Ein breitschultriger Schönling betrat ein Rednerpult, vor dem ein Mikrofon aufgestellt war. Die kleine Frau neben mir, die mir soeben stolz ihren neu erworbenen Melkschemel gezeigt hatte, fragte mich, ob das Henry Maske sei. Das konnte ich nur freundlich verneinen. Nicht Kraft, sondern Medikamente hatten diesen Körper derart aufdunsen lassen. Dieser Mensch konnte also unmöglich Maske sein. Das erklärte ich ihr. Ehr war es noch Elvis Presley kurz vor seinem Ableben, der da jetzt vor uns stand, um sein Wort zu erheben. Der künstliche Neandertaler begrüßte uns. Er hieß uns herzlich willkommen, besonders im Namen seiner Firma. Es folgte eine geschichtsträchtige Rede, die ein wenig Klarheit in das dunkle Gewölbe brachte. Man Sprach vor Gewinnern, obwohl es nur Verlierer gab. Die Verlierer, das waren die, die eigentlich gewonnen hatten; die Gewinner waren also die Verlierer, - klar ? Das merkte aber keiner hier; man hatte gewonnen, man hatte es schriftlich, mit Stempel, dem Familienwappen der Lotteriegesellschaft, - das stand fest, wie ein Fels in der Brandung. Dieser Mensch rief zudem jeden der Anwesenden zyklisch auf, gab Adressen, Telefonnummern, persönliche Neigungen wie Interessen eines Jeden preis, und verwickelte sich obendrein in unhaltbare Widersprüche. Einer adeligen Schnäpfe aus dem achtzehnten Jahrhundert fielen auf grund dieser harten Worte die Augen aus dem Kopf. Die analytischen Fähigkeiten des Mannes hinter dem Rednerpult waren so enorm, daß viele der Anwesenden sich durchschaut und befreit fühlten. Die Rede dauerte über zwei Stunden. Dem Herrn mit dem Aal aus der Hose fiel auf, daß die Rede aber eigentlich nur fünf Minuten lang war und immer wiederholt wurde. Da das nicht gerne gesehen wurde und auch der Aal sehr störend wirkte, mußte der Mann das Gewölbe verlassen. Der Aal wurde aber vorher von einem Muskelmenschen mit der Aufschrift »SECURITY« sichergestellt. Nachdem der künstliche Psychologe das Rednerpult verlassen hatte, konnte das Schweigen im Saal nur durch das Abspielen einer CD gebrochen werden. Die zwei uniformierten Damen marschierten mit einem Klingelbeutel durch die Reihen. Sie sammelten pro Person hundert Mark für mildtätige Zwecke ein. Sozial war man hier also auch. Dann erschienen nach und nach weitere Damen und Herren vor dem Pult. Diese boten nun Bratpfannen, Gewürzdosen, Kondome und funkgesteuerte Kuckucksuhren feil, nützliche Dinge des täglichen Gebrauchs, die gerne gekauft wurden, wenn sie auch viel teuerer waren als im Laden nebenan. Nachdem die Verkäufer nichts mehr zu verkaufen hatten, und mancher Käufer millionenschwer verschuldet war, lud man uns zum erfrischenden Spaziergang am schönen Norddeicher Strand ein. Einige, die sich im Gewölbe nur mit einem Stehplatz zufrieden geben mußten, waren vor Schwäche zusammengebrochen. Sie mußten beidseitig gestützt werden. Ein altes Mütterlein, das fünfundvierzig Kuckucksuhren und fünftausend Kondome in siebenundzwanzig Geschmsacksrichtungen erworben hatte, kam nicht mehr von der Stelle. Vier wuchtige Bodyguards trugen sie abwechselnd auf ihren breiten Schultern. Das nicht enden wollende Gekreische der komischen Vögel, die im Sekundenrhythmus aus den Uhren sprangen, störte dabei kaum. Es vermischte sich harmonisch mit den Liedern der Möwen am tiefschwarzen Himmel. Das bunte Treiben erinnerte mich sehr an eine Wallfahrt nach Lourdes, mit dem gravierenden Unterschied allerdings, daß es hier wohl keine Heilung gab.

Rollstuhl Nach einstündiger Wanderung bei eisiger Kälte erreichten wir einen schmalen Landungssteg, an dem ein kleines Schlauchbot festgemacht hatte. Ein freundlicher Herr mit einer schmutzigen Kapitänsmütze auf dem Kopf begrüßte uns knapp, fast schroff, mit dem stoischen Ernst eines hohen Militärs. Er sprach einen starken norddeutschen Dialekt, den ich nicht verstand, und trank eine Flasche Whisky nach der anderen in einem Zug leer. Alle Anwesenden wurden Aug in Aug auf Fahrtauglichkeit gemustert. Als das alte Mütterlein an der Reihe war, pickte ein Kuckuck dem Kapitän versehentlich das linke Auge aus, - na ja, er hatte ja zwei. Nach der zwölften Flasche Whisky fiel der Kapitän plötzlich um. Er begann ein Schnarchkonzert, daß selbst die See unruhig machte. Der Kapitän habe sich bestimmt überarbeitet, hieß es allgemein. Wir gönnten ihm seinen so nötigen Schlaf und warteten geduldig auf sein Erwachen. Als dieser Zustand sich aber auch nach der zwanzigsten Stunde nicht wieder einstellen wollte, wurde der Kapitän durch einen neuen, unverbrauchten ersetzt. Wieder wurden wir stundenlang geprüft und gemustert. Jetzt mußten wir sogar eine schriftliche Prüfung ablegen; das hatte der Kapitän mit den Flaschen bestimmt vergessen. Die Prüfung war nicht schwer; nur die Frau im Rollstuhl mit der Alzheimerschen Krankheit, sowie ein sympathischer Herr im akuten Creuzfeld-Jakob-Trauma schafften diese Hürde nicht. Sie mußten vorzeitig nach Hause fahren. Jetzt hatten wir auch noch den Bootsführerschein in der Tasche, obwohl im Prospekt darüber nichts stand, wie einige erstaunt feststellten. Und tatsächlich, - man händigte uns feierlich aufwendig gestaltete Diplome aus, die von großer Leistung, Ruhm und Ehre zeugten. Dafür bezahlte jeder gerne die verlangte Summe von fünftausendzweihundertneunundneunzig Mark. Kein Problem, - hier gab es Kreditgeber wie Sand am Meer. Ständig wurde man von uniformierten Bankdirektoren zu einem Probekredit animiert.
Man stieß uns grüppchenweise ins Boot und ruderte uns um eine verrostete Boje herum zurück zur Anlegestelle. Das bereitete den Meisten eine große Freude, zumal auf der Boje auch noch ein Möwenpäärchen schnäbelte.
Ja, ja, das war sie dann, - die Butterfahrt, ein schönes Erlebnis, an das man sich gerne erinnert.



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