Matthias von Schramm/Schorsch Rikken
Briefwechsel

MVS bei Schorsch am 26.2.2000 vor der WEBCAM


 
 
Matthias von Schramm am 26. Februar 2000 zu Gast bei seinem Dichterkollegen Schorsch Rikken vor der WEBCAM des KLEINEN LITERARISCHEN KIOSK.

Copyright bei MVS/Schorsch Rikken 2000



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MVS/Schorsch Briefwechsel 2000 plus

Matthias von Schramm, Inhaber der MVS Litera-Tour sagt über sich: keine Geschichte ohne das Format zur Gewalt, keine Romanze ohne Fleischlichkeit. Aber Mut zur Option der Inhaltsleere. Das Wenige was passiert ist oft schon zu viel. Dennoch bleibt die Sehnsucht nach Schönheit. Daher wichtig für ihn das Wort was ein Bild ergibt. Fotografie und Theater ist deshalb schrecklich und schön und er hat damit zu tun manchmal und auch dergleichen und so fort.

Schorsch Rikken, Inhaber eines kleinen literarischen Kiosk, will eigentlich nichts über sich sagen.
Ach, was sagt er da, er kann ja gar nichts über sich sagen. Immerzu denkt er, Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Er lebt in Geld. Sein Kiosk wirft halt viel ab. Nichts ist ihm geblieben, als die nackte Haut. Keine Romanze ohne Häutung. Das Viele was passiert, ist ihm oft zu wenig.
Dieser von Schramm hat also recht, wenn er von Inhaltsleere spricht. So lasst uns denn an Worten vergehen. Verschonen wir die Menschen vor unserer Gewalt.

Miro


Viersen, den 27.2.2000
Mein lieber Matthias!
Wie sie doch scheint, die Sonne heute morgen vom heimatlichen Firmament. Selbst die Katze meines Vermieters springt erfolgreich hoch bis zur zweiten Etage und hat Glück, weil der Hund es nur knapp bis über den Erdboden schafft. Während ich mit dir, Mensch an Mensch, durch den Hausflur latsche, kommt uns unverhofft Frau Jordan, eine Mieterin, entgegen. Im Haus gehen seit Stunden Gerüchte herum, ich hätte womöglich einen Gast. Deswegen schaut sie, wobei sie uns allerdings nicht ganz zweifelsfrei zu erkennen glaubt, ziemlich hilflos auf ihren zu entsorgenden Müllbeutel, der ja jetzt so unglaublich wichtig ist, daß sie, in ihrer Ignoranz aus Angst, nur noch: "MÜLL!", denken kann
Du warst tatsächlich hier in meiner Höhle. Schön kühl ists hier, ja ja. Die nach allen Richtungen hin feuchten, fast nassen Wände, geben unbefangen Zeugnis meiner Naturverbundenheit. Das Leben ist ein Werden und Welken, wobei man oft ans Werden gar nicht so recht glauben kann. Sauerstoff, den gabs hier zwangsläufig natürlich auch, im Kühlschrank. Ich bin eben ein ordentlicher Mensch. Ich habe für dich Büffel gejagt und du mit Vorliebe schöne Frauen, auch via E-mail, verunsichert.
Wir waren in Venlo, Dealer zählen, und haben aus lauter Redlichkeit heraus versucht, dem Inhaber der China-Bude nichts von seinen maffiösen Umtrieben wissen zu lassen, wobei wir uns allerdings in keiner Sekunde unseres Aufenthaltes dort sicher waren, ob diese zwingende Erkenntnis nicht vielleicht auf Vorurteilen beruhte.
Erinnerst du dich noch an unser Gespräch auf dem Bahnsteig, wo wir uns plötzlich darüber einig waren, daß Chinesen wie Regenwürmer seien, die, selbst wenn man sie zerteilte, oder gerade deswegen als zwei Chinesen weiterlebten? Die Erkenntnis der Ursache der Überbevölkerung in diesem krisengeschüttelten Land, ließ uns ernste Miene zu bösem Spiel machen, - so sehr haben wir denn auch gelacht.
Nun sitzt du wieder im Zug nach Hamburg und mühst dich womöglich mit randalierenden Rentnern oder gut gekleideten Punks ab, die dir einen Sitzplatz verwehren, da sie selbst für ihre Aktentasche einen gültigen Fahrausweis vorweisen können. Kann man nichts machen, es liegt halt am System, wobei, mein lieber Matthias, ich nicht im Geringsten gesagt haben wollte, das mich dieses System nichts anginge, weil, wie du weißt, ich im Erforschen der Phänomene dieses Systems, mich für einen grossen Meister weit jenseits jeder Klasse halte.
Ich mußte damals beispielsweise mit ansehen, wie ein dem Sarg entsprungenes Urgestein unter Zuhilfenahme seines angenagten Oberschenkelknochens wild auf einen betrunkenen Dackel einschlug, da dieser es gewagt hatte, ihm die Füße oder was davon übrig geblieben war, vollzukotzen. Auch wurde mir des Öfteren gewahr, daß sich wildfremde Menschen vor meinem vor Entsetzen starren Blick insofern die Blöße gaben, als daß ihnen nichts besseres einfiel, sich in der Öffentlichkeit auf den bevorstehenden Koitus vorzubereiten.
Als Mensch ohne Eigenschaften litt ich immer sehr an derartigen Szenen, die mir wie aus dem Leben gegriffen zu sein schienen.
Natürlich möchte ich nicht, daß du leidest mein lieber Matthias. Am liebsten hätte ich dich von dieser Zugfahrt verschonen wollen. Wenigstens hätte ich dich warnen sollen. Das muß ich mir zum Vorwurf machen, und, glaube mir, es geht mir nicht gut bei diesem Gedanken. Ich hätte mit nach Hamburg fahren sollen. Ich würde dir dann die Augen zugehalten haben. Es wäre mir geradezu Pflicht gewesen, dich ablenkend zu beschäftigen, damit du das Morden um dich herum nur ja nicht sähest.
Mein Gott! Was habe ich gemacht! Setzte dich schutzlos dieser Welt aus, habe dich im Stich gelassen!
Es gibt für mich keinen Grund mehr, glücklich zu sein. All meine Gedanken sind jetzt bei dir. All mein Unglück lege ich in deine Hand, auf daß ich frei werde von JEGLICHEM. Sinnlos laufe ich im Zimmer auf und ab, ständig schaue ich auf die Uhr, stelle sie aus einer Laune meiner schier unsäglichen Verzweiflung heraus fünf Stunden vor, aber nichts will geschehen.
Du wolltest doch anrufen, sobald du wieder zu Hause bist! Natürlich bin ich ungeduldig!, -aber doch nur wegen dir. Ich weiß ja, daß man dich keine Sekunde lang aus den Augen lassen kann, da, wo wir uns jetzt etwas näher kennen, du mein Ansehen schädigen könntest und ich, umgekehrt, das deine. Schau immer fein aus dem Fenster. Zähle all die Aldi Märkte, die dort vorüberhuschen. Auf die TOILETTE gehe bitte immer nur alleine, denn es stimmt nämlich gar nicht, wenn dich plötzlich ein tätowierter Bodyguard, der zudem keiner ist, dort unter Waffengewalt hineinkomplimentiert.
Natürlich haben wir unendlich viel gemeinsam erlebt während dieser Tage, die kamen und gingen, als hätten sie das vorher schon gewußt. Toleranz ist halt eine Tugend, die erlernt sein will.
Jetzt weißt du auch, daß ich in der Psychiatrie groß geworden bin und mir deswegen auch nicht mehr zu helfen ist. Dir diese BESSERUNGSANSTALT, aus der ich hervorgekommen bin, zu zeigen, war mir ein großes Anliegen, obwohl auch nur dieses Bild lediglich ein Gleichnis ist.
Jetzt bin ich, wegen dir, unendlich müde. Etwas Besseres konnte mir wohl kaum widerfahren.
Erste liebe Grüsse! Schorsch




Hamburg, den 1. März 2000
Lieber Freund,

es ist löblich, wenn Du Dich sorgst, auch wenn mich das an ein Bemuttern erinnert, vor dem ich immer fliehen wollte. Fliehen in unwirkliche Abenteuer und in das Spiel mit der als Kind für mich wichtigen Existenz eines Karli Sieben.

Ja das war so prägend, an Karli konnte sich selbst meine Mutter erinnern, obwohl sie sich sonst an nichts mehr erinnern kann. 

Ja ja, eine gute Reise, ein bis zwei oder mehr gute Gespräche unter Dichtern. Und durchaus, ja durchaus, ich habe mich bei Dir wohl gefühlt. Auch wenn Du in den Augen der Viersener, die alles sehen, eine verkrachte Existenz bist. Ohne Kinder, ohne Haus, ohne Schieferdach, nur mit einer Menge Flocken im Hintergrund (wie Du es selbst nennst) - ihr redet da ja so - aber gut ... wofür Du immer nur mehr Unrat ansammelst. Blödes Zeug, Kunst. Kunst, künden, Kunde, König! Ein guter Grund um sich satt zu sehen, an dieser unnützen Welt.

Ja, es ist Dir gelungen mich vor den Viersener Frauen abzuhalten. Das schien Dir Anliegen und große Versuchung zu sein. Nur weil mir ein völlig unberechtigter legendärer Ruf voraus ging. Ein Ruf, der aus der Kälte kam. Neider. Aber Arabella aus der Kneipe nebenan und die in Venlo, von der ich nicht wußte, ob es eine Holländerin war? Nun ja. Ich verstehe das aber. Du wolltest mir ja Deine Heimat und den Ort zeigen, an dem Du ...!? Danke fürs Büffeljagen!

Das Schwesternwohnheim betrachtete ich wohl weißlich dann auch aus der Ferne. Hier ist alles gut und schon wieder scheint die Sonne. Wie damals, als ich bei Dir war, letztes Wochenende. Damals: Denn alles was nicht Gegenwart ist, ist Vergangenheit. Schön, daß Du mir zeigen und sagen konntest, wo Du groß wurdest. Psychiatrie: Was für ein Wort hier. Soll ich jetzt lachen?

Auf der Rückfahrt habe ich dann alles nachgeholt, wovon mich unsere vergnügte bierlaunige Ernsthaftigkeit abgehalten hatte. Die Dame war sehr nett. Sie heißt Carmen. Ich habe ihr die ganze Geschichte erzählt. Und sie ist in Münster ausgestiegen und hat kein Wort gesagt. Ich habe ihr noch nachgerufen, daß ich Schauspieler wäre. Mein Regisseur sagt immer, laß Dich gehen, gehe nicht selbst.

Alles Gute, soweit möglich, Grüße von meiner Frau

und den verschiedensten Kindern meiner Familien - Banden

Dein Dir ergebenster Freund und Kupfer ... usw.

MVS




Viersen, den 6. März 2000
Mein lieber Matthias!
Ich habe deinen Brief mit größtmöglicher Anteilnahme gelesen. Es war mir nachgerade eine große Freude, zu hören, daß du dich bei mir in meiner kleinen Höhle so sehr wohlgefühlt hast, obwohl ich dir mein zweites Kopfkissen nicht geben wollte, obwohl du drei lange Nächte auf der harten Isomatte neben meinem völlig zerschlafenen Bett verbringen mußtest, obwohl ich beim nächtlichen Gang zu meiner Sanitärhalle einmal über dich gestolpert bin, was du allerdings gar nicht gemerkt hast, da dich die Wirkung des hiesigen Bieres wie ein Stein in die Isomatte presste und dort einen Abdruck Deinerselbst hinterließ, an dem du wohl noch lange deine Freude haben wirst.
Und jetzt, nachdem noch gar nichts gesagt ist, kommt schon jemand daher, der uns soetwas wie Konstruktivismus vorwirft.
Ich weiß, ehrlich gesagt, gar nicht, was das sein soll. Anscheinend reichen den Leuten schon drei Sätze, um nicht zu verstehen, worauf es uns bei dieser "Konversation" ankommt. Andererseits muß ich ihm auch recht geben. Ich rede wie eine entfernte Tante zu dir, die mir seit Jahrzehnten liebgesonnen ihr monatliches Schweigegeld auf mein Konto überweist. Ha!, und da haben wir schon den Bezug zur Realität.
Nur weil ich nicht sagen kann "Du Scheißtante, steck dir dein Geld doch sonstwo hin", muß ich mich derart selbst vor dir verstellen, als redete ich, als ob ich so sei wie sie.
Friedrich Nietzsche, diese existenzphilosophische Wundertüte, hat einmal gesagt, daß die Schwäche des Menschen dessen Charakter ausmache.
Recht hatte er, dieser Hitzkopf! Fast recht, denn meine Schwäche ist ja schließlich nicht "mein" Charakter, sondern nur der vergebliche Versuch, mich durch Verstellung, das heißt Anpassung, gefügig zu halten, weil, es könnte ja mal der Tag kommen, an dem man verstanden wird.
Meine Tante geht, weil sie das nicht begreift, mit ihren 80 Jahren noch brav in die Kirche und läßt sich ihr zerbröseltes Gehirn richten, als ginge sie zum Friseur.
Und weil ich das womöglich auch nicht begreife, verabscheue ich den Gang zum Friseur geradezu so vehement, daß Leute meinen könnten, sie hätten die Schnittstelle meines Charakters sinnbildlich erfasst. Die Welt, aus der ich komme, ist einfach nur zum Heulen. Eine Lachnummer war das! Aber, heulen sie mal, Herr Nachbar! So lachen sie doch! War alles nur ein Witz!
Ein Herr Leichsenring aus München hat mich, bezüglich meines Schreibens, mal auf Schreibstile hingewiesen, da er in meinen literarischen Ergüssen soetwas wie Stil doch arg vermisste. Ich hab ihm dann zurückgeschrieben, daß er sich einen Besenstiel kaufen solle, damit er sähe, woran ich mich festhielt. Mehr konnte ich nicht für mich tun.
Ich wünsche dir alles Gute an diesem schwer verdaulichen Rosenmontag!
Draußen siehts wieder aus, als hätte die Menschheit endlich zugegeben, daß sie nicht mehr ganz bei Trost ist.
Ich schlage deswegen vor, die Kotze dieser Mündel haufenweise einzufrieren, um sie dann, am Fiskus vorbei, sinnvoll als BROT FÜR DIE ARMEN zu verteilen.





Hamburg, den 8. März 2000
Lieber Freund und Dichter,

heute ist Weltfrauentag, vergiß das bitte nicht! Nein das ist mir jetzt wirklich wichtig, ohne Scheiß. Denn dem folgt was. Nämlich ein anderer Ton, der sich in meine Antworten schleicht. So etwas, was Dir sagen könnte, wie es früher war. Aber ich möchte nicht sentimental werden. Diesen Part überlasse ich getrost Dir.

Du hast meinen Brief also gelesen. Mit Anteilnahme! Aha! Natürlich habe ich mich wohlgefühlt, wie konntest Du das bezweifeln? Dieses Wochenende damals bei Dir, war ja wie im Paradies. Obwohl Du tatsächlich etwas Dein Eigen nennst, was für einen weiteren nicht geschaffen ist. Nichtmal für einen Dichter. Es ist das Urgetüm, die Wulst Deines Innersten, die Innereien Deiner Sprache. Und diese Sprache sie ist, oh ich möchte fast sagen ohne geduldige Verzögerung. Das schätze ich an Dir mein Freund. Ich hasse es sonst, wenn Leute offen sind. Wenn sie sagen, wo der Schuh drückt. Wenn sie es sagen, hat es meistens einen Nachteil. Es könnte mich nicht interessieren. In Wirklichkeit müssen doch die meisten Menschen, denen ich begegne davor Angst haben, daß ich mich für sie nicht interessieren könnte. Ich interessiere mich für Dich und muß das hier leider völlig offen mit Fug und Recht kundtun. Es nützt ja nichts, es ist nun einmal so. Obwohl ich solche Sätze verabscheue und sie am liebsten streichen würde.

Auch zum Konstruktivsten hast Du Dich geäußert. Löblich, sehr löblich und aufmerksam von Dir. Sehr gut, würden wir ihn nicht jetzt verarbeiten, würde es ein Trauma sein, was wir aufbauten und was unsere schon vorhandene Kommunikationsunfähigkeit noch steigern würde. Hier ist alles beim Alten!

Ach ja, Du bist zu einer Figur meiner Prosa geworden, denn Du bist so wie er: Magnus Wagner, der Mann ohne Flügelhelm, der aber gut wie Asterix einen tragen könnte. Früher hieß es von einem Freund aus, daß 90 Kilo nicht irren würden. Das stimmt nicht. Ich habe mich geirrt in der Frage, die ich gestellt habe, ob Irrtum als Vorläufer zur Frage überhaupt möglich ist. Alles ist ein großes Mißverständnis. Ich meine das so und ich meine es gut. Wie immer. Ich gehe jetzt noch etwas Fleisch einkaufen, eile zum Kutscher und hoffe, daß er meinen Brief zu Dir durchbringt. 

Matthias!
 



Viersen, den 1. April 2000
Hallo mein lieber Matthias

Entschuldige bitte, daß ich mich so lange nicht gemeldet habe. Das liegt, und ich glaube fest daran, daß ich mich mit meiner Geschichte über das Zeitalter der Aufklärung im Moment etwas "übernehme" Abends läuft es mir flüssig von der Hand, dann steht da erstmal was, was ich am nächsten Abend zerstückeln kann. Diese Fragmente sind wie ein Steinbruch, aus denen ich mit Hammer und Meißel literarisch tätig bin, wobei mir diese Tätigkeit, selbst wenn sie noch so Grausames zu Tage förderte, eine große Hilfe zum Verständnis der Welt ist. Schließlich kommt ja all das aus mir, und es soll keiner glauben, ich sei etwa belesen.
Schreiben kann ich im Moment, ist kein Problem, obwohl es oft ein Problem ist. Es sprüht entweder förmlich aus mir heraus, oder quält sich mit Vokabeln herum, die sich wie Schrauben durch meinen Kopf bohren.
Natürlich interessiere ich mich auch für dich, aber in erster Linie interessiere ich mich neuerdings für mich. Diese Eigenheit offen zuzugeben, war mir bisher unmöglich. Schließlich möchte ich nicht wieder in der Psychiatrie landen, denn da komme ich ja schließlich her. Jetzt ist es auch noch dazu gekommen, daß ich mich für dich, gleichegal wie, (geht ja keinen was an) wirklich interessiere.
Ich danke dir auch für den "Wagner", den du mir auf Grund unserer zweiten Begegnung in die Schuhe schobst obwohl dort nur Platz für Füße ist. Ja, ich bekenne! Ich habe Schweißfüße!
Ich denke aber mal, daß andere Dinge wichtiger sind, als unser Geplänkel, obwohl ich manchmal zu der Auffassung komme, daß die Würze im Detail liegt. Ich sollte vielleicht auch ein Lindenstrassen-Fan werden.
Kurioserweise hieß die Strasse, auf der ich gewachsen zu sein glaubte, so. Linden umsäumten das Pflaster und warfen ihre Schatten in der Not.
Aber, ich habe dir glaube ich schon viel von meiner Not erzählt, sofern ich mich dessen noch erinnern kann.
Schön zu wissen, daß sich jemand dieser Thematik annimmt, so daß man sie ein wenig weiterspinnen kann. Es ist nur gut, daß man sich tonal wie verbal auszudrücken versteht. Man macht halt sein Ding.
Ich habe nicht viel Neues hier von meiner Seite zu berichten.
Wie gesagt und beschrieben, arbeiten wir musikalisch an unserem neuen Projekt, und das könnte das Grösste sein, wenn nicht diese alte Not sich sooft heraufwürgte, wobei ich immer mehr bemerke, daß die geistige "Entwicklung" die emotionale oft verhindert.
Mein Herz ist traurig, aber mein Kopf läßt es nicht zu. Das gibt, insgesamt gesehen, dann einen schönen Charakter her. Man sagt mir nach, ich sei zu gut für diese Welt, das sagte man schon 1983 zu mir, als mir der Stift, wie auch immer, zwischen die Finger geriet.
Jeder Versuch, dieses Gefühl zu bewerkstelligen, scheitert an den drei Gleichnissen des Lebens.:
DU DARFST NICHTS
DU SOLLST NICHTS
DU MUSST!
Gleichnisse? Egal. Meine unausgesprochene Antwort damals lautete jedenfalls: " Ich will nicht." Daraus erklärt sich mein sogenannter Nihilismus, der in dieser meiner erlebten Wirklichkeit aber nur ein natürliches Mittel zum Zweck des Überlebens war. Und insofern ist er eine Gabe, die mir keiner nehmen kann.
Und im Mai räumen wir dann gemeinsam die Wohnung von Andreas auf und verlegen eine Pipeline zur Brauerei, wie mit ihm besprochen. Liebe Grüsse!

Dein Schorsch



Hamburg, den 10. April 2000 

Lieber Schorsch und Freund,

ich wäre der letzte, der Dir die längere letzte Schreibpause übelnähme. Schließlich ist unsere Generation keine Disziplin mehr gewöhnt. Ich hab niemals wirklich durch den Hagel eines Maschinengewehrfeuers eines meiner Vorgesetzten getanzt, nur weil ich zum wohlverdienten Zwischenduschen wollte. Das das Schreiben Dich aufhält verstehe ich doch. Und das Du Dich neuerdings mehr für Dich interessierst ist doch eher ein angenehmer Zug von Dir. Ich interessiere mich und freue mich auch über Dein Bekenntnis, daß Du Dich auch für mich interessieren zumindest willst, ja auch hauptsächlich für meine kleine Welt, die ich noch für vollkommen unerschlossen halte.

In dieser Welt fällt Theater aus und Thornton Wilder muß ohne mich auskommen. Warum? Weil ich meine Probleme nicht wegschreiben kann. Die Frauen, die Hunde die bellen und die fehlenden Flocken sind nun einmal da. Drum versuche ich notdürftig rebellisch zu sein und in DICHTERBUDENZAUBER (vier von fünf Teilen sind bereits im Netz) darauf hinzuweisen wie einen die Hartnäckigkeit der Mutter zerreiben kann. Und ich dachte immer Mütter wären nur herzlich oder blöde oder beides. Im Ernst, daß dachte ich wirklich. Aber laß die eigene Mutter mal um ihre Rente kämpfen und glaube mal selber lieber nicht an Zukunft, sondern nur an Gegenwart. Da möchte ich doch mal ganz plump Helge Schneider, den Meister der Soziologie zitieren: Hast Du eine Mutter dann hast Du immer Butter! Stimmt eben nicht. Selbst den Reißverschluß Deines bei Adler erstandenen Anoraks von Anno dazumal mußt Du selbst zahlen. Oder Deine Frau, die sich für Deine vielen Dichterhobbys krumm macht. Ja so sind Mütter, Väter überings auch.

Gut ist es sich nicht begraben zu fühlen, sondern dann von Dir aufrichtige Freudigkeit über meine Versuche Viersen, die Hauptstadt des Vertrauens zu beschreiben zu hören. Das ist qua gayole! Was immer das auch heißt! Jedenfalls machst Du mir eher den Eindruck eines Ausbrechers aus Deiner Dichterzauberbude, der die schwere Nervennahrung seiner Einengungen aufnehmen will, als den eines Verbrechers, oder eines, wie wir damals sagten verknortzten Orns. So reden wir doch in der einzigen Sprache die sie verstehen! Und damit hätte, wie Annette ich jetzt mal mit dem Versuch des Zusammenhangs Heinz Rudolf Kunze zitiert. Egg freelight wäre es das schönste Geschenk des Himmels Du wärest ein Lindenstraßenfan. Und nicht so ein den elektronischen Medien entfremdeter Reinkünstler. Immerhin hast Du ja Deine Band als Medienfilter und machst coole Mucke mit Deinen Musikerfreunden. Und dafür bewundere ich Dich aufmerksam. Aber als Lindenstraßenfan, wie unser Freund Andreas auch eben einer ist, bei dem wir unterkommen werden im Mai, würdest mehr verstehen was ein Harry bewirkt, wenn er sich eine Pulle Rotwein über Zenkers Zopfmusterpullover gießt und von dessen Frau als Zuckerbäckerin redet.

Ja mein lieber Freund, ich trauere wirklich. Ein Wort wie Krebs schleicht sich nicht so ohne weiteres ins Leben. Ich habe Dir von der Frau erzählt, von Nele die nun auf einmal so krank sein soll, aber wo jeder denkt, daß sie wieder ihren Mut findet.

Wenn so ein Mensch, der Bedeutung hat, auch und eben damals in unserer Theatergruppe und als Schauspielerin und das ist glaube ich das wichtigste für mich, durch diese Scharte wetzt, dann bleibt auf einmal die Welt stehen. Auch wenn meine Freundin Tina, die meistens zum ficken zu besoffen ist mir das Theater ihres geklauten Fahrrades auf den AB sülzt und ich es ihr in der Tat nicht übel nehme. Weil wir müssen alle wieder in den Lauf der Welt kommen. Ich wünsche Dir wie Nele in diesem Zusammenhang alles Gute.

Dein Matthias




Viersen, den 30.4.00

Hallo mein lieber Matthias!
Was du da von Nele erzählst, hört sich nicht gut an. Es hört sich sogar nicht nur nicht gut an, sondern ist Scheiße.
Ich wüßte nicht, wie ich mit einer solchen Diagnose umgehen würde. Selbst wenn sie mich womöglich nicht beträfe, litt ich sofort auch an Krebs, würde mich unverzüglich ans Bett fesseln und mich pflegen lassen bis ans Ende meiner Tage. Dies alles täte ich nur, um mich vor dieser schrecklichen Erkenntnis zu schützen, dass eine meiner Freundinen Krebs hat.
Was für ein Widerspruch! Diese Ansicht der Tatsachen ist so unehrlich, als hätte ein Gott sie erfunden.
Man meint ja immer, dass einem sowas nicht passieren könnte, und wenn es dann einem Anderen passiert, dann ist es, entschuldige bitte,(ich rede nur von dem, was ich sehe oder gesehen habe), im Grunde froh darüber, dass es einen mal wieder nicht getroffen hat. Was für ein Jammer. Damit meine ich nicht mal diese Krankheit, denn krank sind wir allemal, sondern nur den Umgang damit, weil ich finde, dass, so schlimm es auch sein mag, eine derartige Dramatik ins Theater gehört.
Verstehe mich bitte nicht falsch. Du weißt, ich bin selbst Dramatiker und ich bin es gerne und lege oft noch einen Scheit mehr aufs Feuer, damit es so richtig brennt. Ich will damit sagen, dass ich mir meiner Hilflosigkeit mehr und mehr bewußt werde, und das es, zumindest in diesem Falle nichts bringen würde, die Hände über den Kopf zu schlagen , aber das tut, wie du sagst, Nele ja nicht.
Ganz abgesehen von dieser Thematik: Sterben wird man eh. Wann, weiß eh kein Schwein.
Was zählt, ist der Moment, nach dem wir alle so ringen, nachdem man ihn uns genommen hat.
Heute Abend wird hier übrigens in den Mai gefeiert. Aus allen Dächern sprießen, traditionsgemäß, die Bäume heraus. Junge Männer buhlen zuhauf um die Gunst ihrer Liebsten, als ob es nur eine gäbe . Nachher werden sie sich, im Suff, wieder schlagen, obwohl ihre Liebste längst zu Hause ist.
Das werde ich mir aber nicht mit ansehen. Liebe Grüsse nach Hamburg! Dein Schorsch


Hamburg am 17. Mai 2000

Lieber Schorsch,

endlich kann ich mich lösen und Dir wieder schreiben. Ob das eine Lösung ist? Probleme der eigenen sozialen Reife durchziehen das Land. Ein Land was wir am letzten Wochenende gemeinsam zu erkunden versuchten, als Du hier warst. Wir haben uns an der Ostsee den Kopf durchblasen lassen, ohne wirklich ruhig zu werden. Ich habe Dir nervös letzte Ressourcen in die Pfanne gehauen, trotz Übersättigung. Ja, Schorsch mir ginge es sicherlich etwas besser mit all dem, wenn ich endlich ein reiferer Mensch wäre. Andreas hat uns per Webcam aus NY zugewunken und beinahe taten wir so, als wäre es ein großer Höhepunkt unseres Lebens.

Auf den Punkt gebracht: Was Deine Aktien sind, die Dich pekuniär noch reicher machen, sind für mich die Frauen. Und da hat uns auch nicht die Pipeline zu Andreas Wohnung geholfen, die wir ja in Wahrheit gar nicht legen konnten, weil der Weg zu weit war. Wir haben aber immerhin das Holstentor in Lübeck aus seinem Fuffziger ausgelöst und zum Abschluß in Ottensen eine Frau kennengelernt, die uns wieder Hoffnung gab, dass doch nicht alles vergebens sei, was wir schaffen.

Entschuldige, dass ich auf Deinen letzten Brief kaum einzugehen mag. Ich möchte nur so viel sagen. Ich werde Nele und ein paar Freunde am nächsten Sonntag sehen und dazu sende ich Dir dann auch mehr als ein Anstandstelegramm.

Frauen verstecken sich hinter den Hirnschalen, treten dann vor und sind dann manchmal sehr angenehm. So ist das!

Dein MVS




Viersen, den 30.06.00

Hi Matthias!
Nachdem ich am letzten Wochenende so versumpft war,nachdem ich, zugegebenermaßen, zu viel getrunken hatte, plötzlich Stimmen hörte wie sie sonst nur in meinen Geschichten vorkommen, nachdem ich nach zwei durchwachten Nächten weder dem Lachen noch dem Weinen ein Stück näher gekommen bin, wage ich, diese Zeilen.
Ich war mal wieder in diesen frühen Kreisen, in denen Gefühle nichts gelten. Man konnte sagen, was man wollte. Nichts kam wirklich an.
Man konnte mit den Händen HURRA! schreien, oder seinen Protest durch Aufstampfen seiner Füsse kundtun, nichts kam an.
Im Suff wird all das wieder wahr. Das, was einen wirklich bedrückt, bekommt nun, fälschlicherweise, einen Bezug zur Gegenwart.
So sehr man auch um wirkliche Kontakte ringt, so sehr schneiden sich meine frühesten Erfahrungen in dieses Leben, das gespalten ist in Gut und Böse. Aber da nichts gilt und einer da ist, der alles verlacht, geht weder gut noch böse, obwohl natürlich GUT geht, oder BÖSE.
In meinem Fall ergibt sich das Böse aus dem Guten, weil, so gut wie ich bin, kann kein Mensch sein.
Beispiel: Herr Böhmer vom Campingplatz. (Wir hatten Jahrelang ein Abo dort).
Herr Böhmer war ein lieber Mensch. Er pflegte oft zu scherzen und drehte die Würstchen auf dem Grill drei mal um, bevor er sie aß. Den ganzen lieben guten Tag lang lachte man über seine Scherze. Dann kam der Abend, und dann kam die Nacht. Dann kam der Alkohol und dann der Ausbruch! Aus DR. Jeckyll wurde Mister Hyde. Nachdem die Frauen schon im Bett waren, ersann sich Böhmer wahllos einen Feind, und ging auf ihn los.
"ICH BRING DICH UM!", schrie er, quetschte sich eine Gabel zwischen die Finger und ging auf Fleisch los, das sich bewegte.
Verständlich auch, dass die Meisten sich bemühten, ruhig zu bleiben. Ich lag im Bett und war sowieso nur Ohrenzeuge des Krawalls.
Das Wichtigste bekam man, wie immer, nicht mit.

Liebe Grüsse!

Schorsch


Hamburg, den 1. Juli 2000

Tach lieber Schorsch,

die Ideale zum Schreiben erhält mensch sich ohnehin. Is so. Egal welche Kreise, welcher Enge du auch ziehen magst. Um Dich selbst wohlgemerkt. Einen Teufel, den gibt es auch nicht, es gibt nur uns selbst. 

Nun ist ja einige Zeit vergangen, wie im Fluche, kann mensch sagen und dennoch will ich behaupten das mein Kaffeetrinken mit allen wunderbar war. Nicht so, wie es die Geschichte Cafébesuch aussagt. Er war viel schöner und echter. Und Nele geht es überings auch gut. Das wollte ich wohl noch loswerden, bevor wir hier uns nur noch den Gefallen tun uns im sehr nach außen wirksamen Kreis zu drehen.

Ich werde hier die Forumsdiskussion nicht fortführen, obwohl darüber zu reden wäre, was eigentlich so schwierig daran ist Foren im Internet gut zu finden und so toll daran ist, dass dieses Briefprojekt von kaum jemanden gelesen mehr oder weniger noch von uns verwaltet werden muß mit Geschichten, bei denen ich zumindest eines für sehr wichtig erachte. Wir sollten uns wenigsten zuhören, auch wenn die knapp hundert oder zweihundert, die hier mal reingeschaut haben alle Mühe haben es zu tun. Nicht falsch verstanden will ich hier auch werden. Das war von vornherein okay für uns, als wir damit begannen unsere Briefe in der Öffentlichkeit um die eigenen Ohren zu hauen.

Es gibt wenige Verwalter; im Internet kann mensch so ziemlich machen was mensch will. Das führt dazu, dass mensch mit seinem brach liegenden Bewußtsein über seine zum Himmelszelt rauchende Psyche, wegen der chaotischen Kindheit auf einmal verantwortlich umgehen muß. Bisher mußten wir das ja nicht. Nö, war ja nicht nötig. Den Nachbarsjungen haben wir verprügelt, weil er jünger und dümmer und kleiner war, wie ich (ja ja) und weil wir ja darunter leiden mußten, dass es woanders viel Stärkere gab. Manche, selbst Lehrerinnen in engen Hosen mit Nickistoff und rauchiger Stimme, silberblonden Haaren, deren Männer das ganze Geld verdienten und in die wir uns unwillkürlich verlieben mußten, weil es die erste Frau war, die gut zu uns war, haben die Wahrheit gesagt, wenn sie meinten, ich wäre, wir wären irgendwie auch ein Stück weit völlige Idioten. Ja selbst was Sozialpädagogen sagen stimmt leider manchmal. Selbst Wände sind weiß, auch wenn wir sie schwarz malen. Da hat schon dieser Götz recht, der mir das vorhin mitteilte in seinem Forum Blaupause.

Was tue ich noch: Ja ich schreibe ein Theaterstück über den Hass, Du wirst bald etwas lesen, denn Du hast mich ja nun zum tausendsten Mal gefragt, ob ich das Thema schon wüßte. Und ich habe es Dir immer wieder sicher sehr unbefriedigend für alle beantwortet. Nächste Woche kommste ja wieder nach Hamburg. Es geht sehr schnell, dass die Zeiten einen einholen.

Bis denn und später 
Matthias



Viersen, den 29.09.00

Hi Matthias!

Nun ja, was soll ich sagen.
Das Forenfieber hat uns wohl alle ein wenig arg gepackt, im Grunde also sehr. Man kommt von der Arbeit nach Hause und schreibt einen Text, den man sich während der Arbeit ausgedacht hat. Ob und was man gearbeitet hat, weiß man oft gar nicht mehr. Alles Denken dreht sich nur um den Text, der unbedingt heute noch in alle nur möglichen Literaturforen gepackt werden muß.
Nun ist er endlich geschrieben, kurz vor Mitternacht. Nein, so kann er doch nicht bleiben!, wenn das die anderen läsen! Scheiß Text!
Die Worte sind sich nicht freundlich gesinnt. Man muß sie anders setzen, damit sie sich nicht gegenseitig zerbeißen, wie früher die I-Dötzchen in der Schule.
Zwei Tage später. Der Text zerrt doch arg an den Nerven Der Chef hat einen vorzeitig nach Hause geschickt, weil man ihn plötzlich mit Herr Brauner angeredet hat. Eigentlich logisch, denn Herr Brauner gehört zum Text, wovon der Chef allerdings nichts weiß. Ihm die Zusammenhänge zu erklären, wäre müßig, also geht man fein nach Hause, hockt sich vor den PC und genießt die viele freie Zeit des Schreibens.
Nach schweißtreibenden Wochen im Kopf an den Tasten und womöglich auch auf der Arbeit, ist einem endlich ein großer Wurf gelungen, ein Wurf, den man hütet wie die Welpen im Hundekörbchen. Wer sagt das?, niemand. Wer ist dieser Niemand? Keiner.
Das weiß man halt. Es sind zwar nur drei kurze Zeilen, von denen die erste einfach nur Fact ist, die zweite in Frage stellt und die dritte resümiert, aber die haben es in sich.
Einfach herrlich, dieser kleine schnuckelige Text. Nicht besser konnte man auf den Punkt bringen, was gesagt werden wollte.
Schnell ab damit in die Forencommunity, zuerst ins Blaue Wiener Forum. Mit zittrigem Finger klickt man auf BEITRAG ABSENDEN.
Puh, das wäre geschafft. Die Gewissheit, jetzt nichts mehr rückggängig machen zu können, sich der öffentlichen Diskussion ausgeliefert zu haben, erweckt die Urgefühle aus dem Halbschlaf. Das Leben steht und fällt nun mit den Reaktionen, die da wohl hoffentlich bald kommen werden.
Völlig verstört läuft man in seinem kleinen Zimmer auf und ab, nippt eher verstohlen an seinem Bier und denkt unweigerlich an das Lied vom Tod.
Die Sorge um seine eigene Unfehlbarkeit wird groß.
Wie Stunden doch vergehen können! Zum Beispiel in Unterhose am SCROLLKNOPF, früh am Morgen. weil man einfach nicht wagt, zu gewinnen, obwohl, man vage ahnt, daß man einst Verlierer war??
Daher erübrigt sich auch dieser Mut und alles bleibt beim Alten.

Liebe Grüsse nach Hamburch!!!

Schorsch



Hamburg, den 22. Oktober 2000

Lieber Schorsch, verehrter Herr Rikken oder sollte ich doch in Anbetracht einer Rückbetrachtung Herr Wagner zu Dir sagen! Sie Fremdeln, Entfremden Ihre Seele und schreiben mir also über ihr neues Leben, welches sie jedoch brav, entsprechend ihres durchaus selbstkritischen Wesens anzweifeln. Gut, ich hätte in der Zwischenzeit viele neue Frauen haben können, habe sie aber nicht gehabt, was es als Randbemerkung und nicht mehr, da ich mich in Ihrem Sinnen zu zügeln weiß, auszuhalten gilt.
Ihr Dasein unter den vielen blaublütigen Larven ist mir sehr fremd und ich wundere mich tief im Inneren, mache das aber alleine, was ich auch für gut halte. Schließlich kann ich Dir auch nicht die Tinte meiner Feder leihen. Ein Kompliment mache ich aber: Dein Kartoffelforum würde Appetit auf mehr machen, wenn es denn noch andere interessierte, als uns übriggebliebene Romantiker. Ich einer jedenfalls, der zwischenzeitlich naßforsch zum Schweigen auffordert.

Mund

Schließe den Mund
Mit zuvor treffend verlorenen Worten
Zwischen kahlen Kacheln auf Bahnhofsaborten
Knie nieder lutsche mich gesund
Und schließe Deinen Mund
Gefangen zwischen Mehrzwecktälern
Zwischen Sprachmaschinenquälern
Steh auf und knüpfe einen Bund
Und schließe Deinen Mund
Vor ungläubig stummen Unterlassern
Zu Schneefallgrenz-Erblassern
Dreh Dich um und lach Dich wund.

22. Oktober 2000


Doch ich selbst rede weiter, dort wo ich es mag und wo die Überraschungen nicht aus bleiben. Wir sind nun also endgültig Onlineliteraten geworden. Das wurde mir jetzt bewußt, denn am Anfang unserer Briefe da waren wir es noch nicht in diesem Sinne. Gut, da müssen wir durch, da hilft auch kein Brief an Mütter oder die Ärzte der Vergangenheit. Wenigstens habe ich zwischenzeitlich Theater gespielt und berichtete an dieser Stelle davon, wenn es denn noch passen würde. Ich schließe hier mit den Worten:

Bis später irgendwann unbestimmt

MVS



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