CAPRI
Ich fahre nie wieder nach Capri, das steht fest. Gestern bin ich von
dort zurückgekommen, - verarmt, mittellos und völlig verwirrt. Was war
geschehen?
Nun, wenn ich das noch wüßte, dann würde ich es jetzt hier
niederschreiben. Oder war es nur ein Traum. Träume ich vielleicht immer noch?
Diese Fragen kann ich mir nur selbst beantworten, allein mir fehlt die
Erinnerung an diese Zeit. Eines weiß ich aber noch.
Ich war bei einem alten Caprifischer untergebracht. Wir lebten in einer
Strohhütte, die mächtige Agaven umsäumten. Des Fischers Sohn hieß Fritz.
Die Urahnen der Familie kamen aus Krefeld im Rheinland. Dieser Fritz
wurde aber »Fredo« gerufen. Alle nannten ihn Fredo. Nur ich durfte Fritz
zu ihm sagen. Ich kam auch aus Krefeld, vielleicht war das der Grund.
Hier wurde ich geduldet aber nicht gelitten. Ich blieb, obwohl man mich
nicht mochte. Was hätte ich auch machen sollen, ganz Capri war mir
fremd. Obwohl fast jeden Abend die rote Sonne im Meer versank, wurde ich
hier nicht glücklich. Was wollte ich denn hier? Ich wollte glücklich
werden, mit aller Gewalt glücklich, das war doch logisch.
Als mir das endlich klar geworden war, trat ich sofort dem örtlichen
Narrenverein bei, einem zweihundertköpfigen Haufen von Quartalsäufern,
die besonders gerne nur zu bestimmten Zeiten lachten und, fröhlich
gesinnt, von einem Bein aufs andere sprangen. Der Präsident, Balduin
Krotel, ein Fettwanst, dem eine Narrenkappe auf dem Kopf festgewachsen war,
trat zumeist als großer Gönner auf. Er gönnte sich so manchen Luxus, den
er grundsätzlich aus den Mitgliedsbeiträgen finanzierte. Als
einflußreicher Bankdirektor bezog er wie selbstverständlich auch Sozialhilfe,
Arbeitslosen- und Übergangsgeld, sowie eine monatliche Frührente von
dreitausendfünfhundert Mark. Kaum erwähnenswert war sein kleiner
Nebenjob als Aufsichtsratsvorsitzender eines großen Caprischen
Industriebetriebes, der ihm monatlich zusätzlich viertausend Mark einbrachte.
Krotel kam mit seinem Geld aber kaum aus. Oft lieh er sich tausend oder-
zweitausend Mark bei verarmten Fischerfamilien, die er aber nie
zurückzahlen konnte. Der arme Kerl. Er gab Millionen für sein Glück aus,
wurde aber nicht glücklich dabei. Immer wenn er meinte, es zu sein, war
das Gefühl wieder verschwunden, und er mußte von vorne anfangen.
Seine Frau, eine Nixe aus dem Südpazifik, plagten ähnliche Probleme.
Sie gab Unmengen für Schmuck, vergoldete Kleider oder 12-lagiges, extra
zartes Toilettenpapier aus. Sie war rund wie ein Kugelfisch und roch
nach Rocher. Sie hatten zwei Kinder, die auch als Nixen zur Welt kamen. Man
hielt sie im Keller in einer Zinkbadewanne versteckt. Zum einen fehlte
das Geld für zwei Beinprotesen, zum anderen wollte man nicht in die
Gendebatte einbezogen werden, die zur Zeit hohe Wellen schlug. Gerade
vorige Woche erst hatte man das erste völlig sterile Freudenmädchen auf den
Markt gebracht, -nüchtern betrachtet eine enorme Leistung, zumal auch
die Gefahr, an Aids zu erkranken, damit praktisch gebannt war. Von
diesem Milieu wollten die Krotels ihre Kinder natürlich fernhalten, logisch.
Sie sollten natürlich und ihrem Wesen gemäß aufwachsen, fernab von der
Welt, in einer wohlbehüteten Zinkbadewanne im Wäschekeller.
Was nun Fredo betraf, so machte er auf mich den Eindruck eines Menschen,
der wohl auch im Wäschekeller oder in einer Kleidertruhe aufgewachsen
war. Seine Augen zappelten wild in seinem Gesicht herum, auch mied er
Trockenheit wie Licht. Zudem trug er die Scheu eines Rehs oft offen zur
Schau. Er ließ sich gerne betrügen, belügen oder zu Straftaten
animieren. Beim wöchentlichen Kneipengang ließ er sich zur Begrüßung
grundsätzlich widerstandslos Verprügeln, eine weitere, angenehme Eigenschaft
Fredos, die ihn in diesen Kreisen schnell beliebt machte. Er war bald
ein gern gesehener Gast, auf den man nicht mehr verzichten wollte.
Und das Schöne an dem war,- Fredo glaubte auch daran.
Man traf sich an
jedem Samstag zum »SPARCLUB« bei Tante Tilly, einer gemütlichen Kneipe
im Rotlichtmilieu, mit ISDN-Anschluß zu hohen Mafia-Kreisen. Fredo
avancierte schnell zum Kassenwart, weil er auf grund seiner Schüchternheit
nur geben, nicht nehmen konnte, zur großen Freude aller »SPARCLUB«
-Mitglieder, die reichlich und mit Kußhand nahmen, was das Zeug hielt. Das
brachte die Kasse arg durcheinander und ihren Wärter sofort in Verruf.
Allein deswegen hätte man ihn schon verprügeln müssen.
Ich, der ich nicht wußte, wie ich hierher gekommen war, beobachtete das
merkwürdige Treiben der Caprifischer mit Argusaugen. Der Versuch, den
armen Fredo aus den Klauen seiner betrunkenen Sparclubkollegen zu
reißen schlug fehl. Was immer ich hier auch anstellte, man behandelte mich,
als sei ich bloß ein buntes Fähnchen im lauen Sommerwind.
Eines Abends traf ich Fredo unten am Strand bei den Dünen. Hier saß er
oft nächte Lang, schaute reglos in den Himmel, sang Lieder, die niemand
hören wollte, oder spielte wieselflink auf einer kleinen Trommel, die er
immer mit sich führte. Ich näherte mich ihm auf Zehenspitzen, weil ich
ihn nicht erschrecken wollte. Er saß im Schneidersitz zusammengekauert
auf einer kleinen Decke, den Kopf tief in den Schoß gedrückt.
"Fredo"?, hob ich leise an. Fredo schaute zu mir auf. "Hallo, ist da
jemand?, hallo?, hallo?", entschlüpfte es ihm.
"Natürlich ist hier jemand", entgegnete ich, "ich bin es doch, der kleine
Stump. Ich wohne doch schon seit Wochen bei euch im Gästezimmer."
"Wie soll ich dich kennen?", sagte er und schüttelte den Kopf, "ich kann
dich ja nicht mal sehen, wie soll ich da sagen können, daß ich dich
kenne. Wo bist du, um Himmelswillen, zeige dich."
Ich stand direkt vor ihm. Fredo war doch nicht blind, oder hatten sie
ihm letzten Samstag die Augen ausgestochen. Nein nein, er konnte sehen,
das merkte man. Ha, ich war unsichtbar, die Caprifischer konnten mich
nicht sehen. Das erklärte natürlich vieles.
"Ach so, du bist das", sagte Fredo, nachdem ich ihn über den Sachverhalt
aufgeklärt hatte, " ja, deine Stimme kenne ich , die geistert
seit Wochen bei uns im Haus herum, und ich, ich dachte schon, ich höre
mal wieder Stimmen."
"Du hast ja auch Stimmen gehört", erwiderte ich, "aber nur eine".
Fredo versuchte mich anzugrinsen, wobei sein Blick arg daneben traf:
"Ich habe zu Hause aber nichts davon erzählt, sonst hätten sie mich
wieder in die Klinik gesteckt, wie so oft,- weißt du Stump, ich höre schon
seit Jahren Stimmen. Ich habe berühmte Sängerinnen gehört,
Bäckersburschen beim Teigkneten, genauso wie ich manchmal auch schillernde Musik
von einer großen Drehorgel höre, einfach so, ganz wie es mir beliebt,
und jetzt kommst du daher und willst mir deine Stimme aufzwängen. Das
ist neu für mich, völliges Neuland."
"Ich wäre wohl der Letzte, der dir meine Stimme aufzwängen wollte",
entgegnete ich, "der einzige, aber gravierende Unterschied zwischen meiner
Stimme und denen, die du hörst ist, daß meine von außen kommt, und deine
Stimmen oder Klänge aus dir selbst, von innen, sozusagen. Meine Stimme
ist also die erste in deinem Leben, die du auch wirklich hörst. Ich bin
ja hier bei dir. Du kannst mich nur nicht sehen, warum weiß der Teufel."
Fredo machte ein nachdenkliches Gesicht. Er warf die
Stirn in tiefe Falten, die Erinnerungen an eine Bergtour durch die Alpen
in mir wachriefen, auch weil der Wind erheblich auffrischte. Der Wind
geriet sehr schnell zum Sturm. Dem Sturm folgte ein Erdbeben, dem Erdbeben
eine Heuschreckenplage, der Heuschreckenplage eine Hungersnot.
Diese widrigen Umstände behinderten die Konversation natürlich enorm, so
daß wir in freundlichem Einvernehmen beschlossen, das Gespräch an
dieser Stelle zu beenden. Wir wollten morgen fortfahren, spätestens nach
Beendigung der Hungersnot wollten wir es noch mal wagen. Man war ja nicht
»aus der Welt«.
Die schrecklichen Naturkatastrophen hatten ganz Capri verwüstet. Die
kleine Insel war binnen Minuten zum Trümmerfeld geworden. Aus tiefen Rissen
im Erdreich quollen Ströme von Lava, die der Insel ein neues Gesicht
gaben, das sich von Minute zu Minute veränderte. Als die Heuschrecken keine
Nahrung mehr fanden, verhungerten auch sie. Frau Krotel stürzte sich mit
ihren Kindern ins rettende Meer. Herr Krotel, der es ihnen gleich tat,
ertrank, weil er für alle Fälle einen großen Rucksack voller Kleingeld
mitgenommen hatte. Mir hingegen war das Glück eher hold gesinnt. Auf
meiner Flucht vor den dahinfließenden Lavamassen entdeckte ich, wie es der
Zufall so wollte, einen zerzausten Hahn und eine Henne, deren Beine tief
in erstarrter Lava steckten. Sie kamen nicht mehr vom Fleck, so sehr sie
sich auch bemühten, so sehr sie auch mit ihren nackten Flügeln schlugen.
Ich befreite diese armen Kreaturen,- zum Dank legte die Henne mir ein Ei,
das sich, nachdem es auf dem heißen Gestein zerplatzt war, sofort in ein
schmackhaftes Spiegelei verwandelte. Ich war gerettet. Die Hungersnot war
vorbei. Doch wovon sollten die Tiere leben? Ich suchte die ganze Insel nach
halbwegs intakter Flora ab, und wurde tatsächlich fündig. In einem auf der
Ostseite Capris gelegenen ausgebrannten Gartencenter fand ich ein Stück
gut erhaltenen Rollrasen, den ich mühelos an zwei skelettierten
Kassiererinnen vorbeischleusen konnte. Dieser Rasen kam aus dem Norden
Schottlands. Der Hersteller gewährte zehn Jahre Garantie auf Zersetzung durch
Gänseblümchen und Löwenzahn. Da hatte ich wohl ein Schnäppchen gemacht.
Der Rasen gedieh, Dank verheerender Unwetter, prächtig. Allmählich
erloschen auch die Vulkane. Bald war ich stolzer Besitzer einer Hühnerfarm.
Mein Rollrasen bedeckte ganz Capri wie ein grüner Teppich.
Es war Frühling.
Die Maikäfer luden zum Tanz ein. Da ging ich natürlich auch hin.
Zu meiner großen Überraschung traf ich dort Fredo wieder, dem meine Stimme
noch wohlbekannt war. Sehen konnte er mich allerdings immer noch nicht.
Er hatte sich prächtig entwickelt. Auch er war der Katastrophe durch
einen waghalsigen Sprung ins Meer entkommen. Da er aber keinen Rucksack
voller Kleingeld mitgenommen hatte, gelang ihm die Flucht aufs italienische
Festland. Hier studierte er intensiv Parapsychologie, weil er dem Phänomen
meiner Unsichtbarkeit auf die Schliche kommen wollte. Das hatte ihn damals
wohl sehr fasziniert. Daß er mich jetzt, nach zehnjährigem Studium, immer
noch nicht zu Gesicht bekam, kränkte ihn sehr, obwohl er es sich nicht
anmerken ließ. Theoretisch war er sehr wohl hervorragend bewandert, aber
in der Praxis, die er führte, klafften riesige Lücken, in die viele seiner
Patienten hineinfielen, ohne jemals wieder aufzutauchen. Nichtsdestotrotz
spielte er seine Rolle perfekt. Er bildete sich ein, mich zu sehen, ja ja,
er war nun sehr gebildet. Das merkte ich ihm an. Sich nur mit der Stimme
zu verständigen ist eh schwer. Oft sagt der Blick mehr aus als das Wort.
Aber das haben bestimmt schon viele gesagt.
Fredo war mittlerweile auch verheiratet. Seiner Frau stellte er mich aus
verständlichen Gründen nicht vor. Immer wenn sie vorbeikam, tat er so, als
sei ich gar nicht da. Das durfte er mir aber auf keinen Fall zeigen, wollte
seine Einbildung Bestand haben. Da seine Frau kaum von seiner Seite wich,
war der Abend einseitig, ja langweilig für mich. Nachdem ich, um fünf Uhr
morgens, das letzte stehengebliebene Glas Bier heruntergekippt hatte,
machte ich mich auf den Heimweg, ohne mich zu verabschieden.