REVOLUTION



Bild von Charito

Artwork by CHARITO

Ich bin Revoluzer. Schon als Samenzelle, war ich das. Ich war noch gar nicht recht da, da sehnte ich mich schon nach Freiheit im Grossen und Ganzen. Für einen wie mich, ist das durchaus verständlich. Glauben Sie ja nicht, das ich hier Unsinn erzähle. Noch nie was von den revoluzionären Zellen gehört? der Wille zum Kampf steckt tief, ja ja.
Rote Armee Fraktion? Erinnert Sie das nicht an Eisprung? Nicht? Mich, ganz und gar! Der Kampf mit Frauen im Bett endet ja auch manchmal blutig. Wie oft steckt ihr, Abends im Bett, selbst Heute noch, ein Messer vom Spülen in der Brust. Eine Spülmaschine wollte Sie ja nicht. Da muss schon was schiefgelaufen sein mit mir, das ich so rede. Meine Mutter war zur Zeit ihrer Befruchtung durch mich beim Roten Kreuz beschäftigt. Mein Vater war seinerzeit Hundeführer der Staffel Nord. Die Tiere waren allesamt auf Sprengstoff abgerichtet. Mein Vater trieb sie Rudelweise durch Minenfelder. Die Trefferquote war hoch. Ständig mussten neue Hunde angeschafft werden, weil die alten so gut waren. Es gab aber auch schlechte Hunde, treulose Viecher, die ihren Arsch nicht aus dem Körbchen bekamen, weil sie gesehen hatten, was Tapferkeit bewirkte. Diese Tiere kamen zur Resozialisierung sofort in eine Spezialklinik für Feiglinge, im idyllischen Barmbeck gelegen. Das Haus machte, stand man denn vor ihm, architektonisch gesehen, eher den Eindruck, als vollstreckten hier Richter das Urteil im Namen des Vaters. Zum mächtigen Portal gelangte man über eine gigantische Treppe, deren Stufen so hoch waren, das man, von der einen zur Nachsthöheren zu gelangen, die Arme gebrauchen mußte, als wollte man eine Mauer überklettern.
Die einzelnen Stufen waren zur besseren Orientierung nummeriert. Auf der Untersten stand in großen Lettern: 459, und wer ein Fernglas sein Eigen nannte, dem war es nicht vergönnt, selbst die Lettern auf der nächsten Stufe noch zu entziffern. Zahlen kannte man hier nicht. Hier gab es Alles umsonst.
Schlechte Hunde, deren Herrchen vormals Jäger waren, hatten hier eindeutig die besseren Karten. Einige wenige Pekinesen, die sich nur angestellt hatten, weil sie meinten, das wo wieder mal was los sei, scheiterten kläglich. Man schlug ihnen die Fresse noch platter wie sie eh schon war und verkaufte das Ergebnis, selbst Fachkreisen noch, erfolgreich als natürliche Neuzüchtung. Jeweils zur Linken und Rechten der Treppe flankierten ausgestopfte, sich symbolisch in ihre Schwänze beissende Hunde, quasi als Geländer gedacht, allesamt sehr Steiff, indes bereits mit Knopf im Ohr, fast stimmungsvoll den feierlichen Aufgang der Schlechten.

Wer sich die Treppe aus der Ferne besah, entdeckte auf ihrem marmornen Weiss abertausende von schwarzen Punkten. Ein jeder dieser Punkte war ein schlechter Hund, in Versuchung gebracht, gut zu werden.

Es lag wohl etwas Irres in der Luft, um das man sich nicht im Geringsten kümmerte, ein Fluch, den man geflissentlich ignorierte, Kopf und Bauchschmerzen, die man verlachte.

Der Treppenwart: Von Oben kommen jetzt oft Knochen geflogen
Der Geländerwart: Befürchten Sie einen Aufstand?
Der Treppenwart: Nicht im Geringsten. Die umherliegenden Knochen werden sie noch mehr verunsichern.
Der Geländerwart: Warum kehren Sie die Treppe dann regelmäßig frei?
Der Treppenwart: Weil ich der Treppenwart bin
Der Geländerwart: Sind Sie sich darüber im Klaren, dass Sie die Selbstaufgabe der Schlechten nurmehr fördern?
Der Treppenwart: Nun, das ist insgesamt eine zwiespältige Sache. Einerseits sollen sie nicht wissen, dass sie, falls sie jemals oben ankommen werden, sterben müssen, darum putze ich sie weg, andererseits machen ihnen die Knochen wiederum Angst vor dem was sie hier oben erwartet, Angst jedoch, schürt Hoffnung, aber Hoffnung macht wiederum Angst.
Dabei sagen die Leute immer, das PERPETUUM MOBILE sei nicht machbar. GESCHISSEN!
Der Geländerwart: Das ist ja der Wille zum Tod!
Der Treppenwart: Nicht direkt, es ist ja kein Wille mehr vorhanden, sondern nur Zwang.
Der Geländerwart: Warum?
Der Treppenwart: Weil Wollen mit Müssen verwechselt wird. Nicht Selbstverständnis ist hier gefragt, sondern nur das, was einst auf dem Grabstein stehen wird. Das ist der Sinn dieses Lebens, das gar keines ist.
Der Geländerwart: Krampft das nicht im Hirn?
Der Treppenwart: Schon, aber wenn alle krampfen, dann bekommt dieser Krampf automatisch seinen Sinn, selbst wenn er, hiermit nachgewiesen, völlig sinnlos ist.
Der Geländerwart: Wer Ihnen folgen will, muß Philosoph sein!
Der Treppenwart: Wer mir folgen will, der muß zunächst sich selbst ernst nehmen, bevor er von sich auf Andere schließt. Aber, das tun die Meisten eh viel zu schnell, weil sie es müssen, da sie ihre Zeit auf der Treppe nicht vergessen können.
Der Geländerwart: Sie sind wohl auch nicht zum Scherz geboren.
Der Treppenwart: Nein, ich pflichte mir oft selbst bei, weil ich der Treppenwart bin.
Der Geländewart: Kennen Sie den...?
Der Treppenwart: Nein, aber, erzählen Sie mal.



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