AUF NACH HAMBURG

(ein Reisebericht)
Erstes Kapitel

Hamburg


Ich habe vorgestern in Hamburg auf offener Strasse einen Hamburger verspeist.
Keiner hat was gesagt.

Die Anreise:
Sie kennen das sicher auch: Eine größere Reise steht Ihnen bevor, unendlich viele Dinge müssen plötzlich erledigt werden, am Besten alle auf einen Schlag. Dann hätte man wenigstens nicht diese ganze Arbeit, die so allerdings nur ungenügend verrichtet werden kann.
Am Besten wäre es, Sie versuchten mir an dieser Stelle nicht das Maul zu verbieten, sondern hörten einfach zu und ließen wirken.
Es gibt halt Dinge im Leben, die man sich, so oder so, erklären muß. Eine mögliche Erklärung der Geheimnisse des Lebens, findet sich darum auch hier.
ZACK, und ehe man sich versieht, findet man sich, fein gebürstet und vollbepackt, singend unter der Dusche wieder, während man sich womöglich fragt, aus welchem unerfindlichen Grund die verwaschenen Stempel im Reisepass, den man gerade auf Gültigkeit überprüfen möchte, diesen ganz und gar unleserlich machen. (Ich arbeite zur Zeit allerdings an einem Konzept, mal sehen).
Reisevorbereitungen machen mich nervös seit ich denken kann. Die Vorstellung, bald die gewohnte Umgebung zu verlassen, ist für mich wie wenn ein fälschlich ins Nest geratener Contergankuckuck mit dazu noch verkrümmten Flügeln von einer enttäuschten Sperlingsmutter aus dem Nest geworfen würde. Dieses Gefühl, so zu sein, macht mich oft sehr bang. Schließlich ist man angehalten, unbedingt ein positives Bild bei seinem Gastgeber zu hinterlassen, zu lachen, weil man sich immerzu dazu genötigt fühlt, nicht zu weinen, wenn es eigentlich notwendig ist, daß die Tränen kräftig laufen, aber wie sollten sie das auch lernen können, ohne Beine. Gute Laune in meiner Gegenwart ist so, quasi garantiert.
Vor diesen Fahrten ins Blaue, graute es mir schon als Kind. Vor der Abfahrt wurde mir grundsätzlich schlecht. Das lag an den Dioxinen im Haarspray meiner Mutter, deren Schopf sich dadurch um etwa zwei Drittel vergrößern ließ. Als sie von ihrer Toilette kam, sah sie fast immer aus wie ein Medizinball, an dem unten, fälschlicherweise, auch noch ein Körper hing.
Vater lief, sich seine goldmelierte Krawatte bindend, in gestreifter Unterwäsche wie ein Tiger in seinem beengten Käfig, wild schnaufend den Flur auf und ab und immer auf und ab lief er. Während er uns Kinder wegen diesem oder jenem oft unsinnig anraunzte, nur, damit er was hatte, worüber er sich, wegen der ständigen Wut, die in ihm war, aufregen konnte, nannte er seine Frau plötzlich "Mama".
"Welche Hose muß ich anziehen?".... "Die graue, die mit den Hosenträgern!", schallte es aus der Ferne zurück.
"Welche graue denn? Hier sind drei graue Hosen."
"Franz!, - die mit den HOSENTRÄGERN natürlich!"
"Nu komm doch mal eben.", so krächzte es in Gottgewollter Hilflosigkeit durch die Wohnung, daß die Bilder von den Wänden fielen, und der Pekinese des Nachbarn wild kreischend an der Innenseite der Wohnungstüre zu kratzen begann, gerade so, als hätte er soeben begriffen, wo er sich befand. Bellen können diese Tiere, auf Grund ihrer Überzüchtung, nämlich nicht mehr. Sie glauben ja gar nicht, wie oft dieses Tier wegen seines Fehlverhaltens die deftigsten Prügel bekam.
Fragen zu stellen, wurde meinen Eltern zwar erlaubt, aber erst, nachdem man ihnen ihr Leben brutal ausgeredet hatte. Vermeintliche Antworten kamen so nur als zerbrochene Echos der eigenen Frage zurück. Wie sollte Vater sich auch entscheiden können, wenn die Freiheit dazu definitiv nicht vorhanden war? So war sie also, diese Welt, und so ist sie noch heute, zumindest in meinem Kopf. Gewissenhaft bis aufs Äußerste, brutal und stumpf.
Da ich seit drei Monaten meinen Führerschein zurück habe, den ich mich einst tragischerweise bei der Polizei zu hinterlegen gezwungen sah, sollte diese Fahrt natürlich unbedingt mit dem eigenen Wagen erledigt werden. Diese große Freiheit wollte ich mir nun endlich wieder gönnen, nach all den Monaten, in denen ich mich mit Busfahrern, Schaffnern oder Schulkindern, die mir bisweilen wild grölend Bananenschalen in den Nacken warfen, herumzustreiten hatte. Daß meine Freunde mein Auto mit einem uralten Ackergaul verglichen, dem die Gnadenspritze des Tierarztes unmöglich mehr fern sein konnte, war mir hinsichtlich meiner wiedererlangten Freiheit der Fortbewegung ja sowas von egal.
Hamburg, du Stadt der Städte, du Labyrinth der Labyrinthe! Oh Hamburg, du Fressbude, du Burger King, du Ali Kebap Haus! Alle Wege führen zu Dir. Ja, dich werde ich erobern wie einst Napoleon es mit Elba tat!
Die Koffer waren endlich gepackt und verladen. Hatte ich auch nichts vergessen? Ich wußte, daß man grundsätzlich etwas vergißt. Unter dieser Vorstellung litt ich sehr. Vorsichtshalber räumte ich die Koffer nochmal leer und hakte jedes Kleidungsstück, jeden noch so unwichtigen Gegenstand, jede Tafel Schokolade, jedes Kondom einzeln ab. Ja, das süße Vergnügen sollte auch nicht zu kurz kommen. Weit weg von der Heimat wollte ich mich mal so richtig gehen lasssen. Das macht doch jeder, nur, keiner sagt es laut. Milka, halbbitter-Nuß. Kommt klasse!
Bis Duisburg ging alles glatt. Der Wagen lief teilweise sogar auf all seinen vier Zylindern. Kurz hinter dem Oberhausener Kreuz vernahm ich plötzlich merkwürdige Geräusche, die auf nichts Gutes hindeuteten. Ich verlor enorm an Geschwindigkeit. Bald überholten mich pfeilschnell sogar Lastkraftwagen. (Ich glaube heute, daß mein Wagen damals zum stehen gekommen war). In meiner Not zog ich den CHOCKE, zu Deutsch SCHOCK. Wenn gar nichts mehr geht, hilft auch beim Menschen oft nur der Schock.
Es gab eine mächtige Explosion. Ich wurde in den Sitz gepresst wie Louis Amstrong beim Start seiner Trompete zum Mond. Mächtige tiefschwarze Rauchwolken entschwanden dem Enddarm meines kleinen launischen Viertakters. Da er so plötzlich wieder an Fahrt gewann, verzieh ich ihm diese Eskapade wortlos. Ich war ja so froh.
Der Ruhrpott: Vorbei an Moscheen, ergrauten Windmühlen und rauchenden Schloten. Künstlich angelegte Wasserstrassen, die man wie eine Kerbe schnurgerade in die Landschaft gefräst hatte, ließen mich an die Perfektion des Idylls denken. Wenn man sich die Kühe, die hin und wieder grasend auf Weiden herumliefen auch noch eckig dachte, hätte ich sogar recht haben können.
Die gerade Linie ist Gottlos. (Friedensreich Hundertwasser). Noch eine mögliche Ursache dafür, weshalb in dieser Gegend soviele Islamisten leben.
Ich kam ins Münsterland. Hier gab es wieder diese Flüsse, die sich erst mühselig durch ihr krummes Bett wälzen mußten, bevor sie zur Mündung gelangten. Was war jetzt besser? Gerade und leicht, oder krumm aber schwerfällig. Krumm sah eindeutig besser aus. Dafür nahm ich eine gewisse Schwerfälligkeit dieses Anblickes durchaus in Kauf. In Höhe Dülmen hatten sich einige Wildpferde auf die Fahrbahn verirrt, die nun, entgegen der Fahrtrichtung anrennend, einen schier sinnlosen Kampf gegen die Vernichtung ihres Lebensraumes zuende fechten zu schienen.
Ich hatte Glück. Die braven Tiere sprangen alle über mich hinweg. Vielleicht wußten sie ja, daß ich im Grunde auch gegen diese Autobahn war. Ja, ja, - das schlechte Gewissen, ja wie es doch ans Herz pocht, wie es doch unsäglich quält!
Aus neu erwachtem Protest gegen diese Bahn, fuhr ich kurzerhand in Dülmen ab und bewältigte die Strecke bis zur Auffahrt Münster - Nord, umständlich über Bundes - Land und Feldwege.
Ab Münster - Nord, gab es bis nach Hamburg hoch, meines Wissens keine abtrünnige Gegend mehr. Dennoch war ich mißtrauisch. Nach immaginären Gefahren zu forschen, stand mir immer schon der Sinn. Deswegen kann es unmöglich verwunderlich sein, daß ich die Fensterscheibe immer einen Spalt breit geöffnet hatte, damit mir ja nichts entging. Schließlich habe ich mir nichts vorzuwerfen.
Ach, wie ich diese Fahrt genoß! Meine Selbstzufriedenheit wuchs ins schier Unermeßliche. Mit größtem Vernügen bremste ich so manchen Raser aus, dessen Zweitaugen nicht selten entsätzlich schrill aufblitzten, um sehr-baldige Nähe fast noch rechtzeitig anzukündigen. Wer endlich frei sein möchte, der schubst den Anderen halt von der Bahn. Gute Reise!! Und Tschüss!! Euere seelische Armut kotzt mich an. Nicht, daß ich reicher wäre. Es ist halt nur das, was ihr daraus macht, das mich so nachdenklich stimmt.
Fickt euch doch ins Knie ihr Flachwichser, ihr rastlosen Vertreter der Postmoderne, ihr Endzeitromantiker, die ihr nur euer Ziel vor Augen habt! Ja, raunzt mich nur an! Zeigt ihn mir nur, den schrägen Vogel, der in eueren Köpfen wohnt!
Lotte Osnabrück: Gerade hatte ich einen Targa 911 fachgerecht erlegt, als sich mir von hinten ein silbergrauer BMW näherte, dessen Fahrer die Lichthupe merkwürdigerweise nicht betätigte. Diesen netten Menschen ließ ich natürlich bereitwillig passieren. Dieser freundlichen Person winkte ich dankbar zu, während sie mich überholte. Dieser langweilige Spiegel der Gesellschaft in Reinkultur winkte auch dankbar zurück, nachdem er mich überholt hatte.
STOP POLIZEI, stand plötzlich im Heckfenster des Wagens zu lesen. Auch schwenkte man eine rote Kelle wild aus dem Fenster, als hielte man mich von vorneherein schon für doof.
Jetzt mußte ich mich wenigstens für kurze Zeit etwas benehmen, das wurde mir schnell klar. Wo hatte ich nur meine Papiere? Ach ja, die waren vorne in der Umhängetasche. Hatte ich etwas getrunken? Ja, gestern Abend. Das sollte wohl verdaut sein.
Wie hypnotisiert von dieser auf und abwippenden Kelle folgte ich dem autoritären Fahrzeug auf Schritt und Tritt. Schließlich hatte ich mir, wie bereits erwähnt, nichts vorzuwerfen. Bis auf diesen bedauerlichen alkoholischen Vorfall, damals am Lenkrad, wenigstens nicht. Wen sollte das hier so fern der Heimat auch interessieren? Ich schaltete in der Folge ganz auf das Unschuldslamm aus der Provinz, wobei ich vor meiner eigenen COOLNESS regelrecht erschauerte.
Allmählich verlangsamte sich unsere Fahrt. Nachdem die Kelle als Bremshilfe nun endlich gegen die Leitplanke schrappte, daß die Funken schon vorab millenionid sprühten, kamen wir auch bald zum Stehen.
Jetzt wurde es ernst. Ich schluckte cool, sofern ich überhaupt noch zu schlucken im Stande war.
Wir sind wie anonyme Äste im Wind dieses Lebens. Unsere Gedanken sind frei. Wer kann uns erraten?
Ein Herr und eine Dame entstiegen dem Fahrzeug. Die Dame war Beifahrerin, stieg also, normgerecht, rechts aus. Sie war es auch, die ihre Kelle so überaus geschickt zur Beschleunigung des Bremsvorganges eingesetzt hatte. Während diese Frau sich sofort daran begab, ihre Kelle neu zu beschlagen, eilte ein Herr, so um die 40ig mir in geschultem Schritt entgegen. Zur Begrüßung rieb er mir zunächst eine ovale Messingplakette unter die Nase, auf der ein Name und eine Nummer standen. Mein Chef hatte auch so eine wichtige Plakette an seinem Schlüsselbund. Auf dieser stand aber keine Nummer, sondern nur die zwei Worte "KIR ROYAL" geschrieben. Vor solchen Plaketten hatte ich Angst, immer schon. Hauptsache Oval, aus Messing und irgendwas draufgeschrieben.
Das macht in so einem Ernstfall natürlich Schwierigkeiten. Meinen Chef nahm ich, als Chef, ja auch nicht besonders ernst. Die erzwungene Wichtigkeit in seinem Blick, macht mir oft Angst. Ich schaute mir dessen Plakette sehr genau an, sofern mir das auf Grund des geringen Augenabstandes vom Objekt überhaupt möglich war, und erkannte, ganz unzweifelhaft. - das messinge - OVAL! IMPERIUM NONSENS! FATAL ERROR! 374/WOC§2399)cv13! Unglaublich! Die DNA schien entschlüsselt!
Von welchem Stern sollten diese Menschen sein, wenn nicht von diesem? Ich glaubte nicht an ausserirdische Lebensformen. Wie recht ich doch hatte!
"Guten Tag Herr Rikken!", so begrüsste mich dieser Mann, als ob er mich schon seit Jahren kannte und wir die besten Freunde wären.
"Wieviel haben wir denn heute wieder getrunken?"
Wie das manchmal so ist, unter Freunden, die sich im Wesentlichen austauschen, so fehlten mir, getroffen wie ich war, trotz aller Vorbereitung, dann doch die rechten Worte.
"Null - komma -Null", sagte ich in schuldertappter Gelassenhheit. "Man lernt ja nie aus".
Wie selbstverständlich kamen wir auch auf die Drogenproblematik zu sprechen.
Ich bedauerte es auch immer wieder, daß sich in meinem Kofferaum, außer Überstartkabeln, dem Spazierstock meines Vaters, sowie einem Ersatzkanister für Benzin, selbst nach eindringlichster Begutachtung, ansonsten keine weiteren Verdachtsmomente bestätigten, und das, obwohl man sich redlich Mühe gab, mir EINEN anzuhängen.
Natürlich wäre es mir möglich gewesen, das Benzin im Kannister über meine Schwiegermutter zu schütten, um sie dann anzuzünden.
Wie gerne hätte ich den Spazierstock womöglich gegen den Kopf des Herrn in Grün schlagen können. Klar, daß ich auch vor hatte, dessen Kollegin mittels meines roten Überstartkabels zu erwürgen. Mit meiner Mütze sah ich eh aus wie ein islamischer Extremist. Warum mußte ich mein Äußeres auch immer so verunstalten? Wie sehnte ich mich jetzt nach dem grünen Käppchen, daß die Polizistin trug. Schließlich ließ man, sichtlich mürrisch, von seinem vermeintlichen Opfer ab und verwies mich wieder auf die rechte Bahn.
In dieser Hinsicht konnte man bei mir nichts reißen. Ich war halt zu schlau.
Bremen: Der Norden kam merklich näher. Ich hatte Lust auf einen Backfisch ohne Gräten, zumal mich soeben eine Forelle ganz in Blau , der ich überdies gerne hinterher sang, überholte.
Hübsches Mädel, ganz in seidene Kopftücher gehüllt, fegte sie mit ihrem Cabrio über die Bahn. Das Wesentliche mußte ihr so, zwangsläufig, natürlich auch entgehen.
Hauptsache, Sie war stolz auf sich, und das war Sie allemal. Ich ließ die Dame bereitwillig passieren. Was blieb mir auch Anderes übrig.
Tschüss! Und weg!! Sie wissen ja gar nicht, was sie mit mir verpasst haben! Deswegen möchte ich ihnen auch keinen Vorwurf daraus stricken.
Es gab, in der Tat, mehrere Zwischenfälle dieser Art, während dieser Fahrt, die allerdings wohl nur ich als solche erlebte.
Welch ein Pech für diese Damen, die an ihrem Liebsten vorbeirauschten, als hätten sie ihn nicht mal geahnt!
Hamburg!!
Ich sah mächtige Kräne, Wasser, Sonne, Luft und Licht! Dann trieb es mich auch gleich in den Schlot des Elbtunnels hinab, und ich war wieder beim Alten.
Othmarschen rechts ab, dann immer geradeaus, und an der Fabrik dann gleich links.
MAYDAY hieß der Schuppen. Dort trieb es mich hin.
Dem geneigten Leser kann ich nun nichtmehr umhin, zu sagen, daß ich das MAYDAY auch tatsächlich fand.
Das MAYDAY war noch zu, auch hieß es noch nicht DARK STAR, wie letztes Jahr, als meine Boshaftigkeit noch so unkontrolliert ausbrach.


Die Realisation:
Als ich dort eintraf, lag die Stadt schon in seichtem Schlaf. Selbst Arbeitslose standen unter der Dusche, oder wuschen sich ihre schmutzigen Hände unter dem Schatten einer mächtigen Demokratie rein, die nur so schien, als ob sie eine wär.
Zwar geht nicht Alles mit rechten Dingen zu, doch sollte man annehmen, daß man, unter Anleitung der Vorschriften, das Wesentlichste aus der Welt bekommt.
Das zu erreichen, habe ich mich immer schon bemüht, und so fällt mir diese Mühe auch nicht schwer! Wer, wie ich, dazu erzogen ist, blind zu gehorchen, der kann sich halt nur abgrenzen, indem er sich ausgrenzt. So war es früher, so ist es noch heute.
Der Wunsch nach echter Nähe bleibt so nur Wunsch, ewiger Wunsch, unsäglich quälender Wunsch. Es ist das Gift der frühen Jahre, das jetzt in jeder Zelle meines Körpers wohnt.
Wer gehaßt wurde, lernt hassen.
Wer gequält wurde, lernt Quälen.
Würde man sehen, wie es wirklich war, dann wäre es nicht jeden Tag so, wie es einst gewesen ist.
Die ich so über alles liebte, hassten mich. Ich kam mir vor wie bestellt und nicht abgeholt, wie erwünscht, gestählt und weggeworfen. Schade, daß sowas niemand hören will. Lieber klebt man sich die Augen zu. Ich hatte keine andere Wahl, wollte ich überleben, um zu sterben. Wegen den Ohren das..., ach ja, das kann man ja verschlüsseln!
Wie sollte ich neue Freunde finden können, wo ich doch nur ahnte, daß die Welt aus der ich kam, mir nicht freundlich gesonnen war. Warum darf ich es nicht einmal fühlen? Hergott, wie hasste ich mich für diese schreckliche Stumpfheit meiner Gefühle. Nicht unter der tatsächlichen Ursache leiden zu können, ist, nach dem Tod durch Erhängen, die schlimmste Strafe, die einem Menschen zu Lebzeiten wiederfahren kann. Wenn man allerdings bedenkt, daß man nach dem Tod durch Erhängen auch tatsächlich tot ist, mag diese Art des Ablebens unter Umständen sogar zum persönlichen Vorteil geraten.
Habt keine Angst um mich. Ich stelle nur fest!

Ich hatte mal wieder diese Gedanken im Hirn, diese sägenden Laute im Kopf, diese pochenden Hämmer, die sich in gigantomanischer Weise an meiner Schädeldecke zu schaffen machten.
In mir heulten die Sirenen sturm! Ein scharfer Atem schnitt eine tiefe Furche in meine Zunge. Meine Augen fielen tief in ihre Höhlen zurück. Langsam bekam ich auch Hunger.
Ich hatte mich gleich nach meiner Ankunft einem älteren Herrn mit Krawatte und Zwiebelturmmütze angeschlossen, der am Sonntag mit mir zurück nach Krefeld mitgenommen werden wollte, ein netter Mensch, der mir geeignet dazu schien, mich sicher durch die Stadt zu geleiten. Wer sich in Krefeld auskannte, für den sollte Hamburg doch wohl nur ein Klacks sein! Er war Dr. Jeckyll und ich Mr. Hyde. Meine Füsse klebten beharrlich an den seinen fest. Der Mann sog mich kreuz und quer durch die Stadt, ohne daß es mir möglich war, selbst einmal nach Luft zu schnappen. Wie gerne wäre ich an diesem Vermächtnis erstickt.
Dieser Mensch erschien mir nicht unintelligent. Diverse Begabungen waren zweifellos vorhanden.
Lokalisation und Vernichtung der Eigenheit, darauf kam es jetzt an, wie immer schon. wie seit Urzeiten gewohnt!
Nicht auszudenken, das käme einmal heraus!
Lieber hält man sich doch die Augen zu und lavert ein Leben lang "EINEN VOM PFERD." Das kann den Schmerz aber nur lindern. Weh tut er darum so doppelt und dreifach.
Hoch leben die Weicheier dieser Gesellschaft! Was ist denn noch wahr?! Welcher Religion haben wir uns zu unterwerfen? Welcher heute? Welcher morgen?! Welchen Gaul sollen wir uns denn vor die Karre spannen lassen, damit er uns fortzöge von uns selbst?!
Leichtgläubig und mißtrauisch war ich. All das was ich glauben sollte, glaubte ich nicht. An all dem, was ich wirklich sah, schaute ich geflissentlich vorbei. Ich verschwieg, was ich wußte. - das hatte ich gelernt. Deswegen machte ich mir die größten Vorwürfe.
Wie groß muß diese Macht gewesen sein, die mich am Sehen hinderte! Wie ich diese erzwungene Härte des Lebens doch hasste! Das alles mit ansehen zu müssen, überfrachtete meine Seele natürlich auf systembedingte Weise. Man glaubt oft gar nicht, wie weh es tuen kann, sein Schicksal anzunehmen.
Außer, daß ich in Hamburg war, war nichts!

(Fortsetzung folgt)


zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte