DER HUND
Er saß auf einer Bank; Blätter fielen; es regnete; er war ganz naß,
Hose und Arme; es tropfte weil es regnete; er dachte an etwas anderes;
jetzt tropfte es nicht mehr so tragisch; er dachte sich trocken; er
dachte an etwas romantisches; er dachte an seine Frau, dann dachte er
plötzlich an seine Geliebte, da wurde ihm ganz warm ums Herz.
Scheidung war nicht drin; er dachte weiter; besser Lügen als sich
scheiden lassen; Scheiden tut weh; das fand er unverantwortlich seiner
Frau gegenüber. Er dachte an seinen Sohn, dann fand er das noch
unverantwortlicher, wäre es aber nicht besser gewesen?
Er dachte an Trennung; er rümpfte sich die Nase. Trennung - oder Tod?
Ist Trennung wie der Tod?, oder ist Trennung Leben. Warum ist Trennung
nicht einfach Trennung? Was macht Trennung so schwer? Was macht sie
unmöglich? Ihre Schwere? Der Haß vielleicht, der Schleim einer
lügnerischen Liebesgeschichte?
Das ist Romantik, dachte der nasse Mann, der sich so trocken
dachte. Es war ein Gedanke in ihm; er wollte aufrichtig bleiben, aber die
Lüge war stärker.
Welche Lüge war das?
Die Lüge war Aufrichtigkeit; die Lüge war Gewissenhaftigkeit; er
dichtete; er erzählte Geschichten; er erzählte Lügengeschichten; die
anderen hatten ihren Spaß er wollte aufrichtig bleiben, ehrlich und
gutmütig, das hatte er ihnen versprochen. Das war seine Falle.
Er hatte Gedanken, die vollkommen anders waren, als die, die sie
hegten und pflegten; was war denn jetzt die Lüge? Er sagte es nicht!
Er war feige, er war ein Feigling, er war ein Schmetterling ohne
Flügel, er war ein Gleichnis, er war ein Schöpfer, ein >um die Ecke
Schöpfer<, er wollte ein echter Schöpfer werden und schrieb
Heimatgedichte, er liebte seine Heimat, dachte er immer, aber das war ja die
Lüge, drum schrieb er auch Heimatgedichte voller Gutmütigkeit.
Er dachte das Grün der Bäume satter, er dachte die Frauen runder, er
dachte überhaupt alles runder.
Er war ein Abrunder. Er dachte in Vorwürfen, er fühlte sich beengt,
er prüfte die Realität und fand sich auf einer Parkbank sitzend
wieder. Er kaufte sich Bücher, er fraß sie auf, er las auch den großen
Freud und fühlte sich neurotisiert.
Er stellte seine Diagnose, er ging ins Irrenhaus, man prüfte seinen
Geisteszustand und ließ ihn wieder laufen.
Er war doch nicht verrückt?
Seltsam, dabei hatte er doch eindeutig PARANOIA festgestellt!
Er sah in Schmetterlingen, er sah in Bären, er war ein Löwe und
fraß kleine Kinder.
Das alles hatte er dem Professor gesagt, - und glaubwürdig fand er
sich auch.
Nun gehen Sie mal schnell nach Hause und legen sich ins Bett, hatte
der Professor gesagt, und jetzt saß er auf einer Parkbank im Regen.
Das war ja das Verrückte in ihm, nicht, daß er jetzt im Regen saß,
nein nein, er saß ja im Grunde nur im Regen, er war ja frei - und
doch nicht frei war er. Das wußte aber keiner, - nur er selbst ahnte
von seiner Unfreiheit.
Am liebsten wäre er ja auch nach Hause gegangen und hätte sich ins
Bett gelegt. Er konnte sich aber nicht ins Bett legen weil der
Professor zu ihm gesagt hatte, daß er sich ins Bett legen sollte.
Das war ja seine Krankheit. Die Freiheit war seine Krankheit, -
nicht, daß er sich wirklich frei fühlte, nein nein, er fühlte sich
ja gar nicht wirklich frei, obwohl das, was er tat, seine Freiheit war,
die einzige ihm mögliche Form des Widerspruchs also. Das machte ihn
rasend. Die Leute gingen achtlos vorbei, er sah die Regenschirme,
er sah die Hündchen an den Leinen und dachte: So ähnlich ist es auch
mit mir. Den Hunden macht es anscheinend nichts, an der Leine zu gehen
Bin ich nicht auch vielleicht bloß Hund?
Bin ich nicht an meinem Hundsein krepiert?
Er kniff sich in den linken Arm. Er war noch da. HM... er dachte und
dachte, er überlegte und überlegte, er sinnierte und sinnierte, dann
bellte er und jaulte... das gefiel ihm außerordentlich gut.
Jetzt bildete er sich ein, aus einem Napf zu trinken, dann aß er von
einem Teller, der am Boden stand, dann wälzte er sich im Schlamm und
bekam Angst vor Katzen, dann strich er über sein braunes Fell und
schloß sich einem Rudel streunender Hunde an.
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