MAL RAUS AUS DER BUDEein Reisebericht
Eine, geographisch gesehen, weit entfernte Bekannte, die mir eines schönen Tages den Kopf via e-mail zugegebenermaßen ein wenig verdrehte, obwohl Sie selbigen auf Grund der Entfernung eigentlich gar nicht fassen konnte, woraufhin ich ihr befremdende Briefe zu schreiben begann, die von großer Einsamkeit zeugten und sehnsüchtigen Inhaltes waren, konnte logischerweise nur schlußfolgern, daß ich wohl mal dringend raus aus meiner kleinen, stickigen Bude müsste.
Ich entschuldigte mich nachhaltig bei ihr für meine euphorischen Hymnen und versprach ihr, dem alsbald als möglich nachzukommen.Einige Tage Später, ich war am Bahnhof, um nach einer Zeitschrift zu suchen, erinnerte ich mich dessen wieder. "Mal raus aus der Bude! Hinaus in die Welt! Das Abenteuer ruft! Die Liebe, das Leben, was hab ich verpasst! Jetzt muß es geschehen, hier und auf der Stelle!", schoß es mir durch den Kopf. Ich hatte Urlaub und zufällig mein letztes Monatsgehalt in der Tasche. Wie von Geisterhand gesteuert, führte mich meine Innere Stimme zum Schalter. Ich löste ein Ticket nach Calais. Aha, nach England sollte die Reise also gehen, das war ja interessant. Es gibt Züge, die furchtbar rattern, man meint, gleich wirfts einen aus der Bahn. Daher kommt wohl auch dieses Sprichwort. Dann gibt es Züge, die wie auf Schienen dahingleiten, unsagbar leise, fast flüsternd und vollklimatisiert. Es gibt Züge, die alle hundert Meter einmal anhalten, obwohl nur der Schaffner kurz aus und wieder einsteigt, nachdem er seine Trillerpfeife bedient hat. Ich kann das verstehen. Als Kind wollte ich wegen der Pfeife auch Schaffner werden. Manche Züge werden auch geschoben. Müßten sie dann nicht Schübe heißen? Aber nein, aber nein, das sind nur Züge, die rückwärts fahren! Ich mußte oft umsteigen, acht oder neun mal, was besonders in Frankreich nicht einfach ist. Mußten Sie schon mal in Chamonix Aix la Chapelle de la Saint Loire Sud Oueste den Zug wechseln? Bevor man den Namen mit dem auf seiner Fahrkarte verglichen hat, ist er doch schon wieder abgefahren. Den Schaffner zu fragen hätte auch wenig Zweck gehabt. Franzosen sprechen nämlich nicht so wie es geschrieben steht, Franzosen nuscheln sich etwas in den Bart hinein, weil sie verbergen möchten, daß sie der französischen Sprache nicht mächtig sind. Trotz all dieser widrigen Umstände erreichte ich müde und wohlbehalten die historische Hafenstadt Calais am Samstag dem 17. Juli. Ich war sehr stolz auf mich. Jetzt brauchte ich nur noch eben Geld umzutauschen, mich in ein Restaurant setzen, um mich, nach vorzüglichem Mahl, auf die Fähre zu begeben, die mich nach einstündiger Fahrt auf dem englischen Festland ausspucken würde. Dieses Bild schwebte in jener logischen Abfolge klar vor meinem geistigen Auge. Das Auge der Realität sollte mich jedoch schon bald eines besseren belehren. Fermet, das ist Französisch und wird vermutlich Geschlossen heißen. Oh, ich armer, von allen geistigen Augen Verlassener! Halb wahnsinnig vor Verzweiflung und Hunger torkelte ich von einer geschlossenen Wechselstube zur anderen, vorbei an Straßenrestaurants, an deren Tischen hunderte von schmatzenden Gästen genüßlich ihr Steak, ihren Salat oder ihren Pudding de la Saison verzehrten. Ich konnte das Gefühl, betteln zu müssen, nur schwer unterdrücken. Ich war am Ende meiner Kräfte, als ich an der Rezeption eines Hotels endlich eine ältere Dame mit Lockenwicklern im Haar aus der Küche hervorlocken konnte. Ich bezweifele allerdings, daß sie gekommen wäre, hätte sie nicht das Rascheln der Geldscheine vernommen, die, wie es eine Zählmaschine nicht hätte besser machen können, blitzschnell zwischen meinen Fingern hin und hergeschleudert wurden. Diese Bewegung führte ich derart rasant aus, daß nur geschulte Augen sie noch als solche wahrzunehmen vermochten. Darauf setzte ich, das war meine Taktik. Allein diesem Kunststück war es zu verdanken, daß die Frau mir den Hundertmarkschein zum denkbar ungünstigsten Kurs wechselte. Es schien mir so, als hätte sie dessen Wert halbiert. Als Entschädigung händigte sie mir allerdings drei Scheine aus. Mein Gott war ich froh. Es war die Befreiung aus einem Verlies, das Ende einer Haftstrafe bei Wasser und Brot. Für meinen köstlichen Schmauß suchte ich mir das gemütliche "PETITE CAFE " aus. Für umgerechnet 32 Mark bekam ich zwei kleine Spiegeleier mit zerstochenem Dotter, die zischend auf einer halben Scheibe versalzenem Schinken ruhten, 12 winzige Pommes Frittes, hübsch zurechtgelegt, eine viertel Tomate, sowie etwas undeffinierbares Braunes, das auf der Speisekarte als "Salade extraordinaire" angepriesen wurde, serviert. Wer Bier trinken wollte, bezahlte für ein Weinglas Heineken umgerechnet Vier Mark fünfzig. Obwohl ich, ehrlich gesagt, nicht so recht satt wurde, waren die 150 Francs schneller halbiert als die Spiegeleier auf dem Teller, da der Wirt vorab kassierte. Wenn nach dem Essen der Hunger immer noch nicht verschwunden ist, wenn der Magen unverholen nach mehr lechtzt, dann muß das unweigerlich zu einer nervösen Verstimmung führen, vergleichbar jener eines Goldhamsters, der nach Mitternacht wie aufgebracht durch sein quietschendes Rädchen rast. Kaum war das Gericht vom Teller in meinen Magen gerutscht, sprang ich erregt auf. Ich wollte doch heute unbedingt noch auf das Eiland! Der Stuhl, auf dem ich vor Sekunden noch so unauffällig gesessen hatte, stürzte krachend in die "Soupe de gocke" an Tisch "trois", deren Eigner sich gerade auf der "Toilette des hommes" befand. Eine beschwichtigende Geste des Oberkellners reichte Gott sei Dank aus, diese prekäre Situation zu aller Gunsten zu verharmlosen, womit ich sagen möchte, daß die Gäste ruhig weiter essen und ich mich endlich nervöser denn je in Richtung Fährhafen aufmachen konnte, denn es war schon spät. Als Fußgänger ist es oft schwer, der weit gestreuten Beschilderung zu einem bestimmten Ort fehlerfrei zu folgen. Wie oft kommt es vor, daß ein Schild nach geradeaus weist, und dann, nachdem man dieser Fährte vielleicht vier oder fünf Kilometer weit gefolgt ist, sich einfach kein weiterer Hinweis auf das begehrte Ziel zeigen will. Zweifel kommen auf. Man ist zwar noch gut zu Fuß, aber praktisches Denken kann vor Umwegen schützen.. Soll man fünf oder sechs Kilometer weiter laufen, oder lieber noch mal von vorne beginnen, dorthin gehen, wo man den letzten Hinweis vorfand. Womöglich kommt ja gleich an der nächsten Ecke ein Schild. Womöglich hat ein böser Bub das Schild eingangs ja auch nur verdreht. Vielleicht hätte ich nach rechts, nach links, am Ende gar in die entgegengesetzte Richtung laufen müssen. Zeigte der Pfeil nicht nach oben? Als Fremder in einem fremden Land sind Zweifel, gleich welcher Art in jedem Fall angebracht, obwohl derartige Probleme selbst dem geneigten Autofahrer von Großstädten wie Hamburg oder München bekannt sein dürften. Wie sinnvoll kann hier das Befragen der einheimischen Bevölkerung sein! Wer Zeit seines Lebens hier wohnte, der sollte doch wohl wissen, und erklären können, wie man zum Fährhafen kommt. Das war ja mal wieder eine klasse Idee von mir. Der Mensch, als hochsoziale Einrichtung, hat mit der Evolution nämlich nicht nur Geschichte geschrieben, sondern, wie ich, realisiert, daß es von Nöten sein kann, seinen Sozius in sein ureigenes Problem mit einzubeziehen. Als Schreibkundiger Deutscher war es mir, wie erwähnt, zwar gelungen wenigstens bis nach Calais zu reisen, aber ich sah, außer diesem einen Schild, nur riesenhafte Kräne, Märchenhafte Industrietürme, aus denen lieblich ein gelblicher Rauch entwich, sowie einen Kreisverkehr, der seine Arme tentakelartig in alle Richtungen ausstreckte, die einen bang machten. Am Straßenrand stand einsam ein Haus, in dem eine Pizzeria untergebracht war, wie gemacht dafür, meinem so dringenden Anliegen Gehör zu verschaffen. Als Teil der besagten, hochsozialen Einrichtung faßte ich all meinen Mut beim Schopf und ging hinein. An der Wand hing das Schwert Julius Cäsars, das er nach der Eroberung Roms immer so gerne getragen hatte. Zwei Gäste kämpften analog dazu mit ihrer Portion Spagetti Bolognese. Hinter der Theke saß, konzentriert telefonierend, ein breitschultriger, bärtiger Mann, dem mein unverhofftes Erscheinen sichtlich lästig war. Er verwies mich kurzerhand an die Wirtin. Die Wirtin wußte auch keinen Rat und verwies mich wieder an ihn. Der Mann tat zwar so, als führte er das Gespräch ungestört weiter - Ich bemerkte jedoch, daß er nichts Gutes mit mir im Schilde führte. Ich ging aber nicht weg, es gab ja weit und breit nur ihn, den ich hätte fragen können. Ich studierte das Gesicht des telefonierenden Mannes genau. Ich forschte intensiv nach Gesprächslücken, die meine Frage nach dem Fährhafen ermöglichen würden, und als es mir dann schließlich zu bunt wurde, achtete ich auf nichts mehr. Ruhig stellte ich ihm meine Frage. Größten Wert legte ich auch darauf, ihm mimisch klarzumachen, mir zu sagen, wie lange es "zu Fuß" zum Fährhafen dauern würde. Seinen nächsten Satz wollte ich als gültige Antwort auf meine Frage werten. Ich war es einfach leid. "Call you back in 15 Minutes.", sagte der Mann, während der Zeigefinger seiner rechten Hand merkwürdige Kreise in die Luft schrieb, die mich entfernt an das Vermächtnis der Inkas erinnerten. Ach, das ging ja. In 15 Minuten würde ich auf der Fähre sein. Hoffnung keimte auf. Also machte ich mich erneut auf den Weg. Nach zweieinhalbstündigem Fußmarsch hörte der Gehweg auf, um nahtlos in den Standstreifen einer Autobahn überzugehen. Ich geriet unweigerlich vor eine Warntafel, die einen überfahrenen Fußgänger zeigte, was wohl so etwas wie ein Verbot darstellen sollte. Manchmal sind die Sprachbarrieren doch sehr hoch, ein Umstand, der seinen Ursprung im biblischen Turmbau zu Babel hat. Da wollte ich jetzt natürlich nicht unbedingt dran rütteln, sonst wäre der Turm womöglich noch eingestürzt. Die geistreiche Symbolik der Franzosen hatte ich noch nie so recht verstanden. Trotz alledem ging ich noch weiter. Als ich hinter einer Biegung auf 14 Anhalter stieß, gab ich mein Ansinnen für diesen Abend erst einmal auf. Ich machte kehrt, lief all diese Kilometer wieder zurück. Ich hatte nicht erreicht, was ich an diesem Tag erreichen wollte. Den Weg nach Dover hatte mir der telefonierende Pizzabäcker heimtückisch verwehrt und meine Beine schmerzten von diesem unverhofften Dauerlauf rund um den Ärmelkanal. Den seichten Vorwurf auf meinen Lippen ließ ich an den Wänden des Restaurants vorbeigleiten. Schließlich will man gerade im Ausland Ärger unbedingt vermeiden. Man ist ja nur Gast. Fact war, daß ich diese Nacht wohl in Calais würde verbringen müssen. Hotels gab es hier wie Sand am Meer. "Wie schön!", dachte ich, "bald liegst du, warm gebettet, vor einem monumentalen Farbfernseher. Ein kurzer Griff zum Telefon genügt, - und nach wenigen Sekunden schiebt ein warzenbefleckter Buttler 25 Aliberts gefüllt mit den herrlichsten Früchten der Provence dir in die Bude. Sodann wird eine Frau mit angeklebten Flügeln in weiße Seidenstrümpfe gehüllt wie aus dem Nichts erscheinen, um dir mit den Saiten ihrer Harfe, kleine Pfeile mit Saugnäpfen an die Stirne zu schießen, bevor sie sich dann mit dir ins Bett legt. Ach, wär das schön! Und wie das klänge erst! "Poing, poing, poing." Unvergleichlich wäre sicherlich auch das Erlebnis, wenn dazu noch der Buttler dir ganze Rebstöcke vors Gesicht baumeln ließe, von denen du nur abzubeißen bräuchtest. Daß sich zuoberst beschriebene Illusionen wohl nur im Holiday Inn oder im Astor verwirklichen lassen würden, war mir schon vor Antritt der Reise klar. Warum also nicht dorthin? Schließlich lebt man nur einmal. Die anonymen Erotiker haben seit Jahr und Tag Spaß an dieser Einrichtung! Jetzt konnte ich das mir auch einmal leisten, warum also nicht jetzt, sofort? All meinen Mut zusammenfassend, raffte ich mich auf. Natürlich traute ich mich nicht, dort hineinzugehen, da mich allein das prunkvolle Eingangsportal des Astor ohnmächtig beeindruckte. Was da nicht alles geschrieben stand! Man akzeptierte fast alle einschlägig bekannten Kreditkarten, aber meine Telefonkarte, die ich immer bei mir trug, war leider nicht dabei. Was sollte das jetzt wieder? Meine Hoffnung schwand. Merkwürdig erschien mir auch ein sehr auffälig angebrachter Hinweis, der. "VACANCIES" lautete. VAKANTIE?, das hieß im Holländischen doch FERIEN. Ich verstand auch nicht genau, warum gerade das Astor während der Hauptsaison Ferien machte, aber die Gewinneinbußen, die sich wohl oder übel daraus ergeben mußten, gingen ja schließlich nicht zu meinen Lasten. Wenn es in Calais Hotels gab, die Ferien machten, dann konnte ich nicht umhin, zu behaupten, daß es wohl auch welche gab, die keinen Urlaub eingeplant hatten. Welcher Widersinn! , gesehen an einer Stadt wie dieser. Dieser Widersinn schien sich tatsächlich zu bestätigen. An vielen Hoteltüren klebte ein Schild, auf dem eindeutig "NO VACANCIES" (also, keine Ferien) geschrieben stand. Dort mußte ich ansetzen, - bei diesen Hotels versuchte ich mein Glück, - vergebens! Ich wurde grundsätzlich abgewiesen. Entweder lag es an meinem Kulturbeutel, den ich als Reisekoffer zweckentfremdet hatte, oder an einem grundsätzlichen Mißverständnis, das mir noch nicht so recht klar war. Anscheinend bereitete sich Calais darauf vor, den Tourismus aus der Stadt zu verbannen, und das, obwohl sie davon lebte! Das wollte mir partout nicht in den Kopf. Später, als man mir erklärte, daß "VACANCIES" übersetzt so etwas wie "ZIMMER FREI" heißt, verstand ich auch das "NO" und hielt mich vorerst geschlossen. Ich fand kein Hotel. Calais war ausgebucht. Da ich aber lebte, mußte ich selbst diese Nacht irgendwo verbringen. Es war die bewußteste Nacht meines Lebens. Ich schleppte mich von Kneipe zu Kneipe, ich trank zwei, drei Bier pro Kneipe. Die Kneipen machten zu. Ich dachte an Petra (eine Freundin aus Georgia), dann dachte ich an Büffelherden und Sitting Bull. Mein Gott, wen ich nich nicht schon alles kannte. Es half aber nichts. Ich war in Calais am Ärmelkanal. Damit mußte ich mich abfinden. Um Fünf Uhr morgens weckte mich der Busfahrer durch mehrmaliges kurzes Hupen Ich war an der Bushaltestelle eingenickt. Das Abenteuer England begann. Heißa!, war das schön in diesem Bus zu sitzen, obwohl man gar nicht wußte, was auf einen zukommen würde. Ein seltsames Gefühl von Fernweh ergriff mich, obwohl ich nach dieser Nacht schon eigentlich wieder Heimweh hatte. Der Fahrer brachte mich, trotz Dunkelheit sicher ans Ziel. Statt mich zu rasieren lud ich, im Terminal angekommen, auf der Toilette an der Rasierapparatsteckdose mein Handy auf. Lieber mit Stoppeln im Gesicht kommunizieren, als rasiert zu schweigen, dann mußte ich pissen. "BING BONG BOIIING... Ladys and Gentlemen. Last Call for our SEA- FRANCE Passengers, travelling to Dover ..." Jetzt wurde es ernst. In der Wartehalle keimte Leben auf. Menschen, die lesend auf Blumenkübeln saßen, Menschen, die vier Stühle und einen für ihren Rucksack für sich beanspruchten, weil sie der Schlaf eingeholt hatte, Menschen, die an ihrem Kaffebecher nippten, ihrer Müdigkeit ein Schnippchen zu schlagen, und welche, die Karten oder Schach spielten, - sie alle waren sich einig, wurden wach, beendeten ihre Lesung, ihr Spiel, um sich geschlossen zum Checkpoint zu begeben. Bald gähnte nur noch der Kassierer hinter der Panzerglasscheibe. Ich schloß mich dem Strom der Menschen an, wobei ich nicht sicher war, ob die Leute, mit denen ich jetzt lief, auch auf die "richtige" Fähre gingen. Aber die Leute hatten Glück. Ich war auf der richtigen Fähre. Eine Fähre literarisch zu beschreiben ist nicht einfach. Zu gewaltig sind ihre Außmaße, als daß man sie relevant zu Papier bringen könnte. Einen Versuch ist es allemal wert. Die Fähre hatte einen Schornstein, aus dem es qualmte. Die Fähre hatte einen Duty Free Shop, ein Restaurant, eine Bar und vier Toiletten. Hunderte von Schulkindern traten mir beim Treppenaufgang von Dock 3 nach 4 kreischend auf die Füße. Geldwechselautomaten sind meist "out of order" und die teueren Baguettes lassen sich ziehen wie Kaugummi. Fähren zwischen Ländern mit unterschiedlicher Währung sind eigentlich nur gigantische Münzwechselautomaten. Das fremde Münzgeld muß raus. Ich trank 7 Kaffee, aß ein scheinbar belegtes Brötchen, setzte mich an ein Fenster und schaute den Möwen auf ihrer Jagd nach Essbarem zu. Romantik pur. Und während ich so vor mich hinsaß, näherten sich mir unverofft die Kreidefelsen von Dover in ihrer unvergleichlichen Schönheit. Die Fähre spuckte uns aus. Viele Menschen liefen in alle Richtungen davon. Bald war das Terminal leergefegt. Ich war in England. Mehr wollte ich nicht. Eigentlich wollte ich nur schlafen. Ich sehnte mich nach meinem Bett. Es war noch früh am Morgen, kurz vor sieben, als ich mich zu Fuß in Richtung City aufmachte. Es war Sonntag. Selbst Dover lag noch in seichtem Schlaf. Mein Erscheinen schien hier niemand Beachtung zu schenken. Ich kam mir vor wie ein "Rucksackdeutscher", aber, damit fand ich mich schnell ab, weil ich ja nur eine Umhängetasche bei mir führte. Dover zu beschreiben, ist eine Angelegenheit, die man lieber den "Proffessionals" überlassen sollte. Dover ist viel größer als eine Fähre. Beginnen könnte man beispielsweise bei der Biologie. Stichwort: Möwe. Möwen im Park, Möwen auf der Fußgängerzone, Möwen auf dem Kirchturm, Möwen bei MC Donalds, Möwen, Möwen, Möwen. Möwen sind die Tauben von Dover. Ihre Integration in die Gesellschaft geht hier soweit, daß man hilflos zusehen muß, wie diese intelligenten Tiere einem die Pommes Frittes vom Teller picken. Möwen sind in dieser Hinsicht Überlebenskünstler, - sie sterben nicht zwangsläufig nach dem Verzehr englischer Speisen. Mit einer dieser Möwen freundete ich mich an. Es war mittlerweile halb acht geworden. Das Tier hatte sich auf meiner Schulter niedergelassen. Es zupfte mich am Ohr, als wollte es sagen, wohin ich zu gehen hätte, ein freies Zimmer zu finden. Zupfte die Möwe an meinem rechten Ohr, hielt ich mich rechts, zupfte sie an meinem linken, scherte ich bei nächster Gelegenheit links ein, und zupfte sie an beiden Ohren gleichzeitig, so blieb ich stehen und schaute mich um, mich zu vergewissern wo ich war. Beim zweiten mal hatte ich Glück. Die Möwe flog davon. Das Hotel hieß BLIND STORM. Eine uralte englische Hofdame, die geschickt Teebeutel über ihre Tränensäcke gelegt hatte, empfing mich so herzlich, als sei ich ihr eigener Sohn. Da mir in meiner Situation Bettruhe wichtiger war, als gesundes Mißtrauen, nahm ich das Zimmer 8B für umgerechnet 70 Mark, ohne mit der Wimper zu zucken, wobei ich auch nicht näher auf die Mütterlichkeit der alten Dame eingehen wollte. Ich war nur froh, endlich schlafen zu können. Das Zimmer war sehr klein, zwei Meter breit und fünf Meter lang, dritte Etage, nur schwer über eine baufällige Wendeltrreppe zu erreichen. Im Zimmer standen zwei Betten. Warum hatte ich keinen mitgenommen? Den außergewöhnlich hohen Preis des Zimmers konnte ich mir nur damit erklären, daß der Boden auf dessen Breitseite ungefähr 25cm Gefälle aufwies. Ich brauchte selbst im Bett fast zwei Stunden, bis ich mich an diesen Zustand gewöhnt hatte. Man kam sich vor, als sei man betrunken. Als ich Nachts nach Hause kam, potenzierte sich dieser Effekt noch, so daß ich, sprichwörtlich, ins Bett fiel. Der Fernseher im Zimmer hatte nur Ton. Ein Bild konnte ich mir immer noch machen. Ich verbrachte eine traumlose aber dennoch unruhige Nacht. Oft wurde ich wach, oft klopften Möwen ans Fenster, die mir den Weg weisen wollten. Einmal pisste ich ins Waschbecken. Die Toilette war im Keller. Ich kam mir vor wie auf der Titanic während ihres Untergangs. Am nächsten Morgen ging ich auf die Straße. Alles war eigentlich wie zu Hause, bis auf die Tauben, die hier Möwen waren. Es gab eine Bank, es gab viele Shops, und es gab einen Brunnen in der Stadt, an dem sich die Leute trafen. Man quatschte, witzelte, war guter Dinge. Ich setzte mich neben diese "Quatscher" und blieb allein. Natürlich bin ich irgendwann nach Hause zurückgekommen. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |