DIE GESCHICHTE VON
HUGO FRIEDENSREICH DUNSE
Als Hugo Friedensreich Dunse das Haus verließ war es schon dunkel draußen.
Ein eisiger Nordwind zauste seinen Bart und brachte ihm außerdem einige
an die Pest erinnernde Frostbeulen bei. Die mächtigen Eichen am Straßenrand
verneigten sich ihm wie zum Gruße. Die gewaltige Kraft des Windes beugte
deren Kronen bis auf den Gehsteig herab und stellten sich Dunse gleich den
Tentakeln eines riesenhaften Oktupus in den Weg.
Sein langer Lodenmantel, der ihn vor der eisigen Kälte schützen sollte, hing
bald nur noch in Fetzen über seinem Körper, den sonst nur ein T-Shirt sowie
eine billige Schlafanzughose verhüllte.
Oft stolperte er auch über umgestürzte Parkuhren, heruntergefallene Dachziegel
oder andere Gebrauchsgegenstände des täglichen Bedarfs.
Einem herrenlosen Kinderwagen, der aus dem Nichts der Dunkelheit in rasendem
Tempo auf ihn zugeschossen kam, konnte er nur durch einen waghalsigen
Sprung
in den Straßengraben entkommen.
Der Wind frischte merklich auf, geriet zum Orkan nie geahnter Heftigkeit.
Bald gesellte sich ein zunehmend unangenehmer Eisregen hinzu, der so
manche Frostbeule in Dunses entstelltem Gesicht mühelos zum Platzen brachte.
Er wollte mal eben Zigaretten holen gehen. Seit Stunden schon kaute er auf
einem verbrauchten Nikotinpflaster herum, ohne Erfolg.
Dunse war von dem Schlage eines Menschen, den man in dieser Hinsicht, ohne
dabei gelogen zu haben, als besonders stur bezeichnen konnte. Wenn der
unbedingte Zwang zur Zigarette ihn erst einmal überwältigt hatte,
konnte ihn Nichts und Niemand halten, selbst die schrecklichste
Naturkatastrophe nicht.
Vorausgesetzt dem störrischsten Maultier dieses Planeten wäre die Gabe
des menschlichen Verstandes zuteil geworden, so hätte dieses Tier
sich bestimmt zutiefst schockiert über eine derartige Sturheit gezeigt.
In dieser Hinsicht war unser Dunse also geradeaus wie ein erfahrener Esel.
Zuweilen hing Dunse im Astwerk der Bäume fest, zuweilen kam er mitunter
einen Schritt voran. Trotz seines schlimmen Datterichs, den er sich auf Grund
seines mittlerweile vierstündigen Nikotinentzuges eingeheimst hatte, kämpfte
er wie ein Löwe. Selbst eine vom Wind aufgewirbelte Dachziegel, die krachend
an seinem Schädel zerschellte, konnte ihn in seinem Irrsinn nicht aufhalten,
obwohl er eigentlich auf der Stelle tot hätte niedersinken müssen.
Dunse hatte sich über den Tod erhoben. Rauchen war jetzt wichtiger. Sterben
konnte er immer noch.
Als er den Automaten nach dreistündigem Kampf mit den Urgewalten der Natur
endlich erreicht hatte, mußte er zu allem Unglück feststellen, daß lediglich
die Stelle, an der man einst diesen Zigarettenautomaten aufgehangen hatte,
erhalten geblieben war. Der Automat selbst war verschwunden.
Vier Dübel sowie zwei verbogene Schrauben erinnerten noch schwach an dessen
Existenz.
Dunse hatte viel getrunken, er hatte sogar sehr viel getrunken. Sein
Blick fiel auf den Boden, der sich Sekunden später gleich
einer Falltüre vor seinen Entsetzten Augen öffnete und ihn mit Haut
und Haaren förmlich verschlang.
Nicht allein sein Blick fiel also tief, sondern auch er selbst fand
sich schon bald in einem hell erleuchteten Kellerraum wieder.
Er lag in einem Bett, sein linker Arm, sein rechtes Bein sowie der kleine
Zeh seines linken Beines lagen in Gips.
Als er bemerkte, daß er auch seinen Kopf nicht bewegen konnte, wurde ihm
Angst und Bange. Die böse Vorahnung, auch sein Kopf läge in Gips, bestätigte
sich nur allzu rasch.
Wo um Himmelswillen war er? Was war mit ihm geschehen? Er konnte sich an
nichts mehr erinnern. Doch, eines wußte er noch, hm - diese Falltüre, ja ja,
dieses Bild zauberte sein Gedächtnis brillant und klar aus seinem
vernebeltem Unterbewußtsein hervor. Ansonsten waren keine Bilder mehr
in seinem Kopf. Alles in ihm hatte sich verdunkelt. Er verglich sich
treffend mit einem scharzen Loch hoch droben in den unendlichen Weiten
des Weltalls schwebend, auf bessere Zeiten wartend, obwohl Däumchendrehen
konnte er in seinem Zustand nun auch wieder nicht.
Dunse mochte so zwei, drei Stunden hier gelegen haben, als sich ihm erstmalig
wieder Leben zeigte. Eine kleinwüchsige Frau trat an die Schwelle seines
Bettlagers und erschrak heftig, als sie ihn sah. Ein Blumenstrauß entglitt
ihren Händen, und sie begann, zu weinen. Dann stürzte sie sich krampfartig
auf ihn, schrie ihn an und stieß sich dabei mehrfach heftig ihren Kopf
an Dunses stahlharter Gipsmaske.
Wer war diese Frau?, er kannte sie nicht. Nie zuvor hatte er sie gesehen.
Sie konnte freilich nicht erkennen wer er war. Eine Verwechslung hielt Dunse
deshalb eher für wahrscheinlicher als ausgeschlossen.
Zu allem Unglück hatte man ihm noch den Mund zugegipst, ein Umstand, der
ihn nicht gerade gesprächiger machte. So war es ihm denn leider auch nicht
möglich, die Verwechslung aufzulösen.
Wie sollte er sich außerdem ernähren? Auch hatte er Schmacht nach einer
Zigarette.
Zigarette?, - ach ja, jetzt erinnerte er sich wieder, - er wollte Zigaretten
holen gehen. Die Dachziegel hatte der Befriedigung seines unbedingten
Ansinnens wohl doch einen Strich durch die Rechnung gemacht. Er war froh,
sich dessen wieder bewußt geworden zu sein. Nun, da er diesen Drang zur
Zigarette endlich zurückerlangt hatte, fühlte er sich schon viel besser.
Außer einem zünftigen Bier, einer deftigen Brotzeit, sowie der Möglichket
des Genusses besagter Mittel, fehlte fast nichts zur Verlebung eines
wunderschönen Abends.
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