ENTFALTUNG



Ich kannte einen sehr religiösen Mann. Er verstand es sehr wohl, seine Hände gleich einer wunderschön hergerichteten Serviette, hochkompliziert ineinander zu verschlingen.

"Wenn man betet, dann faltet man die Hände", gab der Mann erklärend zum Besten.

Meine Mutter hatte mir früher die Hemden und Pullover gefaltet, ich kannte also etwas davon. Von daher muß ich sagen, daß der Mann die Finger seiner Hände derart ineinander verstrickt hatte, wie ich heute, ohne Mutters Hilfe, meine gesamte Wäsche, den zur Ordnung so dringend erforderlichen Schritt der Faltung unterlassend, so wie sie mir in die Hände fällt, in meinem schmalen, eintürigen Kleiderschrank, den ich damals sehr preisgünstig erstanden hatte, da schon dem Vorbesitzer die Einlegeböden fehlten, eben nicht falte, sondern sehr hoch stapele, so daß die Kleidungsstücke, gleich den Händen des Beters, bald einen fast unzertrennlichen Verbund eingingen, der ein Tragen derart gelagerter Wäsche oft unmöglich macht.

"Der Glaube ist unfassbar", flüsterte der Beter, dem die krampfartige Verschlingung seiner zur Entfaltung so dringend benötigten Glieder sehr schmerzte. "Ich lebe den Glauben nun schon seit meiner frühesten Zeit sehr intensiv, gerade weil ich ahne, daß etwas faul an ihm ist. Stets zu Diensten stehe ich im faulen Dienste dieser Welt."

Während ich aus der unendlichen Schlange verzwirrlter Kleidungsstücke, die ich in der Absicht, eine angemessene Garderobe für den kommenden Samstagabend zu finden, einige aus meinem Schrank herauszog, hatte ich ein wenig Zeit und sinnierte göttlich über den faulen Dienst des religiösen Mannes nach.

"Das Falten meiner Hände macht irgendwie keinen Sinn mehr", sagte der Beter mit ein wenig bedrückter Stimme, "wie denn soll ich mich entfalten, wenn die schwere Last einer sinnlosen Schuld, die man mir "wie einen Bären" aufgebunden hat, jedwede Energie schon im Keime erstickt?

Endlich hatte ich die unpassende Hose, die doch arg verklebt mit dem auserwählten Hemd war, aus dem Stoffknäuel ausgeschnitten. Zur Sicherheit rasierte ich mir noch die Unterarme, - man weiß schließlich nie, wofür etwas gut ist.

Ich bin Geschäftsmann, keine Frage. Wunden klaffen überall, man muß es nur verstehen lernen, in diese Lücken zu fallen. Nur so können diese Räume auch noch geschlossen werden.

Der Beter schloß seine Augen und schaute empor in eine sternenklare Nacht.

"Schön, daß wir nicht alleine im Kosmos sind", hob er an, "sonst machte das Leben doch keinen Sinn!"

Ich war natürlich kein Geringer. Als einer dieser Menschen, die sich im Leben erfolgreich "verdingten", erschien mir das allgemeine Bewußtsein von der Sinnlosigkeit des irdischen Daseins nur als Mittel zum Zweck.

Ich studierte Theologie und war schon bald mit der Welt im Klaren, - Menschen, die ich haßte, lernte ich, zu lieben.

Ich studierte Philosophie, wodurch die Welt allerdings wieder aus ihrem geordneten Rahmen geworfen wurde, da in der Philosophie auch oft die Verschiedenheit der Götter der Stein des Anstoßes war.

Ich studierte Mathematik und verlor mich in den Weiten einer nie geahnten Logik.

Obwohl mich derartige Ergebnisse oft verblüfften, ließen sie mich im Grunde kalt.

Sich selbst zu studieren ist eine Kunst, die niemand so recht beherrschen will.



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