FREMDE FEDERN
" Warum wollen Sie sich mit fremden Federn schmücken?
Rupfen Sie nicht viel zu oft ein argloses Huhn, um sich an dessen Fleisch
zu bereichern?", gackerte der in panischer Angst vor dem Bauern fliehende
Hahn um Hilfe flehend vor sich hin, während unzählige seiner tierischen
Kollegen sich schon knuspernd um den Spieß drehten."Du bist mir wahrlich ein komisches Hähnchen", entegnete, die Sense schwingend, der Herr des Hofes, - "dir werde ich den Hals auch noch abschneiden, warts nur ab!" "Du gibst mir also eine Frist?", fragte der Hahn verwundert. "Warum rennst du dann mit der Sense hinter mir her? Wenn du mir eine Galgenfrist einräumst, dann können wir doch einen Termin ausmachen, was uns außerdem diese elende Herumrennerei ersparte." "Was den Termin angeht", begann hächelnd der Bauer, -"so glaube ich nicht, daß du dich daran hieltest, und was die Frist betrifft, so ist sie von nun an durch die Zeit, bis ich dich gefangen habe definiert. Du hast es also selbst in der Hand, sie zu verlängern. Ich bin ein demokratischer Schlächter. Das Wort Tierquälerei ist mir fremd, also bleibe endlich stehen, daß ich dir den Hals abschneiden kann, und quäle mich um Himmelswillen nicht länger." Der Hahn war noch jung, daher schnell, wendig und vor allem geistreich. Der Bauer war schon alt, daher weniger schnell, weniger wendig und vor allem hatte er es auch noch mit dem Herzen. Es begann ein irrsinniges Rennen um den Hof, und obwohl der Bauer nach wenigen Tagen einem Infarkt erlag, rast der Hahn selbst heute noch im Stundenrhythmus an dessen Grab vorbei. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |