FILMRISS



Stump kam aus dem Kino. Er hatte sich einen Liebesfilm mit tragischem Ende angesehen. Der Held des Streifens, ein Buhler höchsten Ranges, der auch im Rotlichtmilieu kein unbeschriebenes Blatt war, eine muskulöse Erscheinung kriminellster Natur, der man die Mordlust förmlich ansah, hatte sich unglücklicherweise in eine seiner ihm unterstellten Straßenmädels verliebt. Das war sehr schlecht. Diese Liebe schadete seinem Ansehen sehr. Er, der die Liebe eigentlich bis auf den Tod haßte, er, der seit Jahren erfolgreich Angst und Schrecken verbreitete, ausgerechnet er war der Liebe verfallen. Es ging bergab mit ihm. Es ging sogar soweit, daß er sich weigerte seinem ihm unterstellten Killer Mordaufträge zu erteilen.

Der Held des Filmes wurde in der Folge schwer krank. Sein Einfluß schwand mehr und mehr, nur, weil ihn die scharfen Krallen der Sanftmut gepackt hatten. Er ertappte sich in letzter Zeit auch oft dabei, wie er Todfeinde grüßte, oder Blinden über die Straße half. Normalerweise hätte er diesem Personenkreis grundsätzlich Beinchen gestellt.

Mehrere hochinteressante Bettszenen, - Stump gefiel hierbei besonders die Kameraführung - , veranschaulichten den inneren Konflikt des Helden auch visuell. Oft fiel dieser stöhnend von der Bettkante.
Eine zwölfminütige Werbepause gab außerdem Anlaß zu anregendem Plausch. Ein Glas Bier kostete fünf Mark, die Würstchen waren ausverkauft und Rauchen durfte man wegen der komplizierten Technik selbst im Foyer nicht.

Das Foyer glich während der Werbepause einem Bienenstock, jeder Zweite verlangte wegen dem vergessenen Portemonnaie nach seiner Garderobe, jeder erste hatte sein Bier zuerst. Leider konnte nur der Erste Erster sein.

Obwohl alle Gläser gleich aussahen, obwohl selbst der Fußboden von zertretenen Biergläsern übersät war, und obwohl man einfach nur ein Glas hätte ergreifen müssen um "satt" zu werden, kam es oft zum handfesten Streit zwischen Stuhlnachbarn, weil fast ein Jeder das vollste Glas für sich beanspruchte. Mehrere, dem Vernehmen nach hochkarätige Filmkritiker heimsten sich Prellungen oder Knochenbrüche ein. Eine schmächtige Person mittleren Alters verstreute Reis, der in hohem Bogen auch in so manches Bier geriet. Das besonders dieser Mensch auf der falschen Hochzeit tanzte,war den Anwesenden natürlich sofort klar, zumal sich ihre Biere, Dank des Reises, leicht naturtrübten. Man war ja schließlich nicht in Bayern, - im Rheinland trank man ALT. Nie wurde ein Bayer derart verprügelt, vielleicht auch, weil er in Wirklichkeit ein Hamburger war.

Stump war dieser Bayer. Er kam tatsächlich aus Hamburg und war in der Ausübung der Rheinischen Traditionen folglich noch recht ungeübt. Er kannte das Rheinland zwar aus dem Fernsehen; Westfalen, sowie besonders der Nordrhein waren ihm also nicht grundsätzlich fremd. Dennoch zeigte er sich von einer derartig strengen Prinzipientreue des Rheinländers merklich überrascht.

So wird wohl niemals das zusammenwachsen, was zusammen gehört.



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