DAS GEFÄNGNISEs ist ein kleines Gefängnis in dem man mich untergebracht hat. Nur ab und an fällt der Putz von den Wänden, und auch die Räume beben nur an Wochenenden so seltsam. Alles ist dann von einem eigenartigen Vibrieren erfüllt. Das liegt wohl daran, das gleich im Nebenraum die Folterkammer eingerichtet worden ist. Durch das vergitterte Fensterchen hat man einen wunderschönen Ausblick auf den Hof, den ich immer wieder genieße. Weit hinten, im Schatten der mächtigen Gefängnismauer baumelt der Strick an einem blitzblanken, verchromten Galgen modernster Bauart.
Zu den Hinrichtungen lud man die
Dorfbevölkerung schon vor hundert Jahren zumeist schriftlich ein, und viele
kamen und kommen noch heute, - zum einen, weil sie die Verurteilten
so gerne baumeln sehen, zum anderen schätzen sie den Freibierstand
der ortsansässigen Brauerei.Manche kommen auch von weither angereist, denn >unser< Pfarrer - tja, ich fühle mich beinahe heimisch hier - ist ganz vom Pathos der Erlösung ergriffen. In dem Gefängnis hier sitzen ausschließlich Todeskandidaten ein. So hat man denn auch keine Probleme, sich mit den Heiminsassen solidarisch zu fühlen. Wann man an der Reihe ist steht in den Sternen. Hier wird, nach altem Brauch, gewürfelt. Das ist äußerst demokratisch und tut keinem weh. Die Schuld an seinem Tod nimmt der Verurteilte gerne auf sich. Er entlastet somit seinen Mörder, den Henker, nicht unerheblich. Ein jeder dieser Henker bleibt aus Gewissensgründen nur drei Jahre im Amt. Er darf während dieser Zeit höchstens eintausend Menschen die Schlinge um den Hals legen. Überschreitet er diese Zahl, so macht er sich automatisch eines Mordes schuldig und gehört ebenfalls an den Galgen. Das kommt Gott sei Dank nur selten vor, denn Henker sind im Allgemeinen gewissenhafte Persönlichkeiten, dem Staate dienlich bis auf die Knochen ihrer Existenz. Darüberhinaus zeichnet sie zumeist ein goldiger Humor aus, den sie vorzugsweise bei Tisch auf beinah geniale Weise zu äußern pflegen. Ich bin nun schon über sieben Jahre hier. Der Tod ist für mich nichts Ungewöhnliches oder gar Grausames mehr. Man sieht die Kameraden baumeln und denkt sich nichts Böses dabei. Man hat sich sozusagen daran gewöhnt. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |