BEGEGNUNGEN IM WALD UND ANDERSWO



Hottentotten


Ich marschierte nichts ahnend und guter Dinge, ein Bein vor das andere setzend, durch den Wald, als mir ein Reh vierbeinig entgegensprang. Verschreckt schnellte ich zur Seite, wobei ich eine achtbeinige Spinne zertrat, die gerade im Begriff war, einen Tausendfüßler, geschickt wie diese Tiere sind, auf ihre artspezifische Weise für die Ewigkeit zu konservieren.
Das Reh brach sich an einer alten Eiche das Genick. Es war ein junges, noch unerfahrenes Kitz, das vermutlich aus reinem Spieltrieb heraus aus dem Unterholz gesprungen war. Die anderen Vielbeiner starben alleine durch meinen rechten Fuß. Ich hatte zufällig eine große Jutetasche dabei. Darin steckte ich das Tier und nahm es mit. Spinne und Tausendfüßler waren bis zur Unkenntlichkeit zerquetscht. Deren Verwertung lohnte alleine schon deswegen nicht. Ich ließ sie liegen und ging, vor mich hinpfeifend, weiter.
Die Tragetasche war etwas zu klein. Der Kopf des Kitzes baumelte heraus. Die Zunge des Tieres schleifte über den laubbedeckten Waldboden und ließ eine blutige Schneise der Verwüstung hinter sich zurück.
In mir keimten unverzüglich Assoziationen an Hänsel und Gretel auf. Gretel konnte dann aber unmöglich noch Kind gewesen sein. Ich konnte mir allerdings auch nicht erklären, warum mich die Zunge des Kitzes plötzlich an eine Binde erinnerte. Einmal hatte ich mich auf eine Damentoilette verirrt. Aus dem Mülleimer hing eine blutige Binde heraus. Vielleicht war das der Grund.
Und wie ich so ziellos durch das Gehölz streifte, mich verschlafene Eulen zum Gott grüßten, wie ich das eine Bein beschwingter denn je vors andere setzte, wie ich in Gegenden kam, in denen mächtige Agaven zum Teil prächtig erblühten, - ja, nachdem ich das alles gesehen hatte, begann es allmählich zu dämmern. Ich war so froh, daß ich meine Gretel dabei hatte, die für mich eine Landkarte in den Boden pflügte. Nach Hause sollte ich schon irgendwie kommen.
Als es schon dunkel war, kam ich in eine Stadt. Ich hatte Hunger und war deswegen froh darüber, im Bahnhof ein kleines Restaurant gefunden zu haben. Dort setzte ich mich an einen Tisch, nachdem ich mich der Jutetasche am Kleiderhaken entledigt hatte, an dem auch eine Person am Hosengürtel hing. Da ich hier fremd war, ließ ich den Mann hängen, obwohl er sich gegen seine mir merkwürdig erscheinende Haft am Haken, doch arg zu sträuben schien. Damit er mir das Tier mit seinen wild umherschlagenden Armen nicht auch noch zerdäpperte, plazierte ich den Mann zunächst ganz links am Bügel. Die Tasche fand am rechten Haken einen vorzüglichen Halt.
Wie sich später herausstellen sollte, war der Mann ein stadtbekannter Zechpreller Namens Kurt Kulschewski, dem man, behördlich erwirkt, erstmalig die neue Hakenfessel verpasst hatte. Wie ich auch noch erfuhr, (ich unterhielt mich lange mit dem Wirt), sollte diese neuartige Methode des modernen Strafvollzuges, einer Überbelegung der Haftanstalten entgegenwirken, zumal der Gesetzgeber die Vergabe von Mahlzeiten im monatlichen Turnus ausdrücklich beschlossen hatte. Auf diese Weise war der Staat zum Einen in der Lage, Geld zu sparen und so gleichzeitig berechtigt, die Bedingungen der Häftlinge auf ihre Grundbedürfnisse zu reduzieren. Eine derartige Argumentation leuchtete mir natürlich schnell ein. Außerdem liebte ich den Zirkus in all seinen Ebenen. Selbst mein Großvater war Gedankenakrobat. Ich habe ihm viel zu verdanken. Er hat meinen Vater stark gemacht für das Leben, der mich wiederum das Visionieren lehrte.
Kulschewski wurde ruhig, als er meine Gretel entdeckte, deren leblose Augen ihn anzustarren schienen. Bald versuchte er, nach dem Kadaver zu greifen, wobei er in eine gefährliche Schräglage geriet, die ihn binnen Sekundenfrist kopfüber an seinem Haken baumeln ließ. Sein Gürtel verdrehte sich und schnürte seine Taille bedenklich ein. Kulschewskis Atem wurde schwer. Sein Kopf lief rot an. Der Mann tat mir leid. Ich stand auf, um ihn wieder in die richtige Position zu bringen. Das verbot mir der Wirt jedoch energisch, indem er mich beim Kragen packte und mich auf meinen Stuhl zurückschleuderte. Der Täter habe das Tier essen wollen, meinte der Wirt, obwohl ihm vor drei Wochen schon ein Teller Erbsensuppe eingeflößt worden sei. Erst nachdem Kulschewski vor Schmerzen einnäßte, sein Kopf violett angelaufen war, hatte der Wirt ein Einsehen und brachte den Häftling wieder in die rechte Lage. Nachdem ich ein vorzügliches Mal genießen durfte, setzte ich meinen Spaziergang fort. Bald erreichte ich die Wüste Gobi. Das Gretel kam ob der Hitze schnell in die Leichenstarre. Ihr Kopf ragte nun steil aus der Tasche heraus. Das Tier wurde mir, ehrlich gesagt, ein wenig lästig, zumal ich mit dem Verwesungsgeruch nur schlecht zurechtkam. An einer Oase Names Souha del Sol traf ich auf eine gewaltige Karawane. Hunderte von Kamelen grasten schwer beladen auf saftigen Wiesen. Frauen wuschen schmutzige Kleider am Ufer eines großen, kristallklaren Sees. Kinder sprangen von einem Felsen klatschend ins Wasser. Palmen bewegten sanft ihre Wedel im Wind. Von dieser Landschaft mußte man fasziniert sein. So sah also das Paradies aus.
Bei meinem Spaziergang um den See, näherten sich mir plötzlich zwei Männer, deren Gesichter bis auf die Augen von schwarzen Tüchern bedeckt waren. Sie trugen lange schwarze Kutten und Gewehre um ihre Schultern. Die Männer erinnerten mich entfernt an freiheitsliebende Nonnen. Sie stellten sich mir in den Weg. Einer der Männer deutete auf meine Umhängetasche. Sie schienen sich nicht für mich, sondern für das Gretchen zu interessieren. Der andere Mann stand mir bald Aug in Aug gegenüber, schlug mir seinen Gewehrkolben ins Gesicht, während der eine mir die Tasche mit dem Gretchen entriß. Es handelte sich nicht um Nonnen, sondern um Straßenräuber. Wie man sich doch irren kann. Dann schwanden mir die Sinne.
Ich weiß nicht, wie lange ich im Koma gelegen hatte. Irgendwann erwachte ich, auf einer Bastmatte ruhend. Rings um mich brannten mächtige Fackeln, die reichlich Licht spendeten. Ein bunt bemalter schwarzhäutiger Mann von gewaltigen Ausmaßen massierte eine übelriechende Salbe in meinen Körper. Neben jeder Fackel hockte im Schneidersitz ein pygmäenähnlicher Zwerg. Der Männer Münder entschwand ein merkwürdiges gleichklingendes murmeln. Es war eher ein dumpfer dröhnender Ton, der mich an das Nebelhorn der Queen Elizabeth erinnerte, und über mir baumelten die sterblichen Überreste meines Gretchens, das mir jetzt ihre Zunge ausstreckte. Ein beißender Qualm, der von den Fackeln ausging, stach in meine Augen. Wo um Himmelswillen war ich? Hatte man mich nach Afrika verschifft? War ich in Tasmanien? Was wollten die Männer von mir? Wollten sie mich bestrafen, weil ich das Gretchen bei mir führte? Aber ich hatte das Gretchen doch gar nicht getötet! Es war doch aus Unerfahrenheit gegen den Baum gesprungen, ganz ohne mein Dazutun! Ich geriet in Panik, wollte davonlaufen, aber ich war an Händen und Füßen gefesselt. Nicht einen Millimeter konnte ich mich bewegen.
Zu meiner großen Verwunderung näherte sich mir aus dem Dunkel der Nacht eine weißverschleierte Frau. Sie legte sanft ihre Hand auf meine Schulter. Sie beugte sich über mich und sagte: "Nun sag doch, daß du das Gretchen getötet hast. Mehr wollen wir nicht von dir wissen. Es kann doch nicht so schwer sein, die Wahrheit zu sagen." Mir trat der Angstschweiß auf die Stirne: "Aber nein, aber nein, ich habe das Gretchen nicht getötet! Ihr könnt mich doch nicht zur Lüge zwingen!"
"Ha", lachte die Frau, "zur Lüge zwingen, - wir, dich? Das würden wir nie übers Herz bringen. Also sag schon, daß du sie getötet hast!"
Der gewaltige schwarze Mann zückte ein Messer, und ließ es im Schein der Fackeln kunstvoll funkeln. Ich mußte lügen. Mir blieb keine andere Wahl. Selbst wenn ich die Wahrheit gesagt hätte, hätten sie mich getötet.
"Also gut, ich habe sie umgebracht", erwiederte ich, "für euch habe ich das getan, nur für euch, weil ich euch liebe, - versteht ihr?" Die Frau fuhr mir mit ihrer Hand durchs Haar: "Fein wie du das gemacht hast mein Junge, siehst du, es geht ja doch. Nach meinem Geständnis erhoben sich die Pygmäen wie Synchronschwimmerinnen es nicht besser gemacht hätten. Ganz langsam näherten sie sich Schritt für Schritt kreisförmig der Bahre. In Erwartung der Vollstreckung meines Todesurteils, schloß ich vorsorglich meine Augen. Doch, oh Gott, anstatt mich zu töten, banden sie mich los. Zuguterletzt half mir die Frau sogar auf die Beine, gab mir einen Klaps auf den Po, als wolle sie sagen: "Nun gehe spielen, mein Junge."



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