DER ENTENWEIHER



Es flog mal ein Geier über einen Weiher

Das sah eine Ente, die immer verpennte

Die Wellen des Weihers klatschten ans Ufer

Das sah auch ein Junge Namens Hans Hufer

Der Junge Hans Hufer schoß mit dem Bogen

der Geier kam auf ihn zugeflogen

und auch die Ente ließ ihn nicht kalt

auch die schoß er tot und aß sie bald

Und die Moral von der Geschicht

Fliege über Weiher nicht



Eine Interpretation von Harald Bentenbein, UNI Hamburg:

Nun, das vorliegende Werk ist zu allererst mal ein Gedicht, nicht Prosa, welche ja alle Ungereimtheiten dieser Welt zusammenfasst, nein, ein Gedicht im allerwahrsten Sinn des Wortes. Das vorliegende Gedicht DER ENTENWEIHER ist kurz, pointenreich und klar gegliedert in sich paarende Reime. Es beschreibt in knapper Form die Aggressivität der modernen Jugend. Ein Junge namens Hans Hufer erschießt einen Geier, der zufällig über einen Weiher fliegt, auf dem eine Ente schwimmt, die immer verpennt. Der Autor beschreibt hier auf eindrucksvolle Art und Weise die Unbekümmertheit der Natur. Als durch den Flug des Geiers über den Weiher bedingt auch noch Wellen ans Ufer klatschen, wird dem konzentrierten Leser schnell klar, daß die Natur, obzwar sie Natur ist, dennoch gewissen Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Der »Geier« fliegt über den »Weiher«. Der Flügelschlag des »Geiers« erzeugt eine Bewegung der Luft, die sich schon seit Urzeiten »Wind« nennt. Dieser »Wind« bewirkt nun die Entstehung der Wellen im Wasser des Weihers und löst schließlich die »Katastrophe« aus, die im unfreiwilligen Tode zweier unschuldiger Tiere gipfelt. Der Junge Hans Hufer ist zufällig in der Nähe. Sieht er diese Wellen?, hört er sie vielleicht? Der Autor läßt uns im Unklaren darüber, ob Hans Hufer die Wellen hört.


Wir lesen:

Die Wellen des Weihers klatschten ans Ufer

Das sah auch ein Junge Namens Hans Hufer


Hufer sieht also die Wellen, aber hört er sie auch? Nun, sie »klatschen« ans Ufer... also ich denke schon, daß Hufer die Wellen auch hört. Sei es drum... Hufer wird hellhörig. Die Wellen deuten auf Bewegung hin. Hufers Vater ist Jäger mit Leib und Seele. Schon früh hat er sich mit dem Verhalten der Tiere des Waldes vertraut machen können. Nur - erschossen worden ist er selber noch nie....
Selbst Hufers Ur Ur-Großvater war nachweislich ein begabter Jägersmann. Die Jägerstradition der Familie läßt sich neuerdings auch bis in die Steinzeit zurückverfolgen, denn vor einigen Wochen fand man bei Grabungsarbeiten im Keller einen Faustkeil, an dem ein Fuchsschwanz hing.

Der Junge Hans Hufer sieht und hört also die Wellen. Natürlich wittert sein Jägerinstinkt gleich »Fährte« Er schaut sofort in den Himmel und entdeckt den Geier. Hufer tötet ihn mit einem gezielten Bogenschuß ins Herz.

Aufschluß über den tragischen Tod des Geiers geben uns folgende Zeilen des Reimes:


der Junge Hans Hufer schoß mit dem Bogen

der Geier kam auf ihn zugeflogen


Der Geier fliegt also nicht auf Hufer zu, um ihm zu sagen, daß er ihn soeben getroffen hat, nein nein, der Vogel kann nicht mehr fliegen, stürzt also mausetot auf Huber zu, weil er schon erschossen ist. Welche Rolle spielt aber nun die Ente? Warum mußte auch sie sterben? Was hat sie der Welt nur angetan? Warum verpennte sie immer?

Fest steht, daß die Ente auf dem Weiher schwamm, als der Geier vorüber flog. Der Autor sagt es uns zwar nicht, aber, - wo wird sich eine Ente befinden, wenn in einem Gedicht von einem Weiher die Rede ist.

Aber keinem ist bisher aufgefallen, daß eigentlich der Geier nicht so recht in diesen Reim paßt. Der Reim spielt in unseren Breiten; hier gibt es keine Geier, die über Weiher fliegen könnten. Trotzdem spielt gerade der Geier im Reim eine der wenigen Hauptrollen, wenn er auch unglücklich endet.

Welche Rolle spielt die Ente?...


AUSZUG
AUS EINEM INTERVIEW
MIT DEM AUTOR

Hokus:
Welchen Stellenwert beansprucht die Ente in ihrem geschichtsträchtigen Reim?

Pokus:
Die Ente verwendete ich als Sinnbild für Anonymität. Sie schwimmt einfach nur auf dem Wasser, sieht den Geier, wird von Hufer erschossen. Sie ist anonym, sie bleibt anonym, - scheißegal. Ich habe die Ente nur erfunden, damit ich mit dem Reim weiterkomme. Sie spielt also lediglich die Rolle einer hilfreichen Statistin.

Hokus:
Aha, sehr interessant. Um aber auf die Moral ihrer Geschichte zurückzukommen, ich denke daß wir über die Physik und Chemie ihres Reimes schon zur Genüge phantasiert haben:

»Fliege über Weiher nicht«

Was soll das bedeuten, was wollen Sie uns damit sagen...

Pokus:
Was wollen Sie von mir, ich bin sensibel, ich schreibe Gedichte. Wollen Sie, daß ich Ihnen die Welt erkläre?

Hokus:
Sie sollen mir nicht die Welt sondern ihr Gedicht erklären Herr Pokus. Vielleicht erklärt sich für mich die Welt ja schon von selbst.

Pokus:
Das kann ich nicht glauben; die Welt erklärt sich durch mein Gedicht.

Hokus:
Na, dann wird man doch wenigstens nach der Pointe fragen dürfen.

Pokus:
Fragen ist sinnlos, - man könnte auf Antworten stoßen. Mensch!, -reiß doch mal die Augen auf! Der Hufer hat ja in dem Gedicht diese ans Ufer klatschende Welle gesehen. Mach doch mal die Augen auf!, -das will ich damit sagen.

Hokus:
Ok!, werden wir machen! Cheers and beers! Thanks for the nice Interview!....



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