DAS GRAB

(Briefe von der Front)

Was mir das Schweigen meiner Eltern sagen möchte
und wo diese "LIEBE" letztendlich hinführt

Versuch einer Annäherung an die verbotene Vergangenheit meiner Großeltern

(Für meine Mutter)

1914 - 1918


Im Grab(en)


Einleitende Worte des Verfassers:
Nun, die Dinge wiegen schwer, schwerer zumindest, als zuvor angenommen. Es geht sich im Grunde um nichts, wenngleich um ein bischen. Aber das, was wir wirklich über die Vorkommnisse wissen, reicht nicht aus, sie literarisch so darzustellen, als beträfen sie uns wirklich. Die Seele loszulassen und auf die Reise zu schicken war, persönlich gesehen, ein Fehler, aber, wenn man sie aus der Ferne so schreien hört und noch nicht ganz verloren ist, dann kann das, was gehört wird, gebündelt, und letztendlich doch noch durch Niederschrift fixiert werden.

(Herbert Bolte, Wahrsager, 1812-1917)




Liebe Mutter!

Laß Dich umarmen und küssen! Blumen möcht ich für dich pflücken! Naturgeschützte Pflänzchen will ich rupfen und damit einen Kranz für dich weben!, die Faust mir ins Gesicht schlagen vor lauter Selbstgefälligkeit! Ja, das möchte ich. Und nichts liegt mir ferner als dieser Wunsch, dir zu erzählen: Hallo, ich bin auch noch da. Es ist wie ein Schock, und das, was ich hier beschreibe, ist nichts als die Nachwirkung dieses Schocks.
Wir haben die Westfront der Unendlichkeit erreicht! Ein bischen müde sind wir, ein wenig erschöpft noch von der langen Reise. Wir könnten Ruhe gut gebrauchen, gerade jetzt, bevor es dann wohl endlich losgehen wird. Mir fehlt die Meditation vor deinem geöffneten Bauchnabel! Ich bekomme kaum Luft. Das mag auch an den Breiten liegen. Der Norden ist von der Witterung her oft rauh.
Wir schlafen zur Zeit noch unter freiem Himmel, das soll sich allerdings in den nächsten Tagen ändern. Wenn wir nicht nachrückten, würden wir immer weniger. Im Moment sind wohl zu Viele nachgerückt. Das Geld für neue Zelte fehlt vorne und hinten. Der Feind verfehlt sein Ziel zu oft, sagt man, vor Ort täte man sich auch nicht gerade leicht mit dem STERBEN, heißt es, und da wir uns, als Neuankömmlige, eh noch schwer täten, so sollten wir doch nicht darüber jammern, mal zwei, drei Wochen im Schneegestöber nächtigen zu müssen.
So einfach kann das Leben sein.
Oberst von Brautisch verteilte im Bahnhof bereitwillig Lutscher an jeden, der vor Erschöpfung aus dem Zug gefallen war. Ein Blasorchester spielte erbärmlich das LIED VOM TOD. Geschmückte Kutschen fuhren auf. Die waren aber nicht für uns bestimmt. Das war schon ein Trost.
Es gibt fast nichts zu essen hier, aber das, was, wenn überhaupt, geboten wird, ist manchmal ganz passabel.
Sie haben ja auch gesagt, daß wir an der Front etwas kürzer treten müßten. Helden, die wir bald seien, bräuchten nichts großartig mehr zu essen. Verstehst du das?
Dann wär doch die ganze Ausbildung für die Katz gewesen, - ach was, das glaub ich nicht. Man beißt sich doch nicht ins eigene Fleisch!
Ach ja, die Reise hierher war angenehm. Wir fanden auf dem Viehwagen reichlich Schutz unter steif gefrorenen Heuballen, oder wärmten unsere bisweilen blau angelaufenen Extremitäten an den Kadavern der Viecher, die hier zuhauf herumlagen.
Wir spielten Karten, lachten, oder brachen uns die Eiszapfen gegenseitig von den Nasen ab. Es war, sinngemäss, eine schöne Zeit. Ich möchte sie bald prägend nennen.
Der Schmidtbauer, mein Freund, du kennst ihn, das ist dieser kleine Wicht mit dem Bismark-Schnauzer, der immer so agressiv bellte, bekam schon am ersten Tag Durchfall.
Stell Dir vor, er weinte schon, wenn man ihn nur scharf anblickte. Der war schon immer zu gut für diese Welt, dieses verweichlichte Unikum.
Es ist Krieg, Mutter, ja Krieg ist! - ich bin dem Vater ja so dankbar für die Abhärtung, die er mir hat zukommen lassen, so daß ich dieses Elend wenigstens nicht auch noch
miterleben muß.
Gruß, HEINER




Hallo Mutti!

Mein Maskottchen hat mir heute das Leben gerettet! Es hüpfte hin, wo die Kugel mich hätte treffen sollen. Nun ist es kaputt. Das kann kein Zufall sein.
Wir hatten Feuerpause. Während Feuerpausen kann man ohne Gefahr aus dem Graben. Die Franzosen trinken ihren Wein, oder räkeln sich im Visier des Feindes gelangweilt in Hängematten herum.
Manchmal knurren sie, dann weiß ich daß sie fest schlafen und man kann hin zu ihnen, sie sich ansehen.
Ich kann nicht sagen, daß sie sich von uns besonders unterscheiden, bis auf die Sprache vielleicht. Ihre Nasen sind womöglich etwas länger, auch trägt das Gros dieser Männer während der Feuerpausen bevorzugt Mützchen, die fast Käppchen sind. Gestern nun, ist, während ich so interessiert durch den Feindgürtel spazierte einer von denen erwacht.
In meiner Angst zog ich dem Mann so elegant, daß er es nicht bemerkte, das Käppchen vom Kopf, setzte es mir auf, und begann, in dieser urmenschlichen Not, eher minder geschickt, einen taubstummen Franzosen zu mimen.
MEINE ELTERN SIND AUS STUTTGART, sagte der Mann in akzentfreiem Deutsch. Mist, er hatte mich durchschaut!
Ich habe ihm dann noch weismachen wollen, ich sei ein echter Pariser, aber diese Äußerung hätte ich mir eigentlich ersparen können.
Der Mann zeigte mit seinem wurschtigen Finger auf mich, lachte und nahm mich tröstend in den Arm.
Wir hatten eine ganze Weile getrunken und gelacht, als plötzlich die Sirene ertönte.
Gleich wurde es Nacht. Das Heulen der Sirene machte mir drohende Gluppschaugen. Der nette Franzose zeigte mir im Gegenzug sofort seine gefletschten Zähne. Jetzt waren wir auf einmal befangen! Ein quälender Zweifel floß uns durchs Mark: Nur einer durfte überleben! Warum? Das war eben so.
Ich versuchte ihn zu beschwichtigen, indem ich ihm einen Witz erzählte, auf dessen Pointe er allerdings mit einem Wutausbruch reagierte.
Irgendwie gelang mir der Sprung zurück in den freundlichen Graben. Er schoß mir noch hinterher, wobei er dein Maskottchen traf. Dann ging die professionelle Ballerei wieder los. Zunächst feuerten wir gnadenlos die Hängematten von den Bäumen, weil wir ja wußten, daß sie noch mehr davon hatten. Hernach wurde es endgültig ernst.
War heute Morgen im Westgraben eingesetzt. Ich kann dir nur sagen: Bleib zu Hause und tu schön deine Pflicht! Ich sorge schon dafür, daß kein Fremder dir etwas antun kann. Dafür bin ich schließlich hier. Mein Leben erfährt seine glanzvolle Erfüllung!
Grüße auch an Lisa, Kurt, Ulrike und natürlich an unseren Piepmatz.
Gregor




Hallo Grete!

Es gab gestern viele Tote. Zwei Freunde waren dabei. Die Skatrunde ist somit geplatzt.
War gestern auch beim Arzt, wegen meines Augenzuckens. Weißt du, manchmal zucke ich halt mit den Augen, das habe ich doch früher auch schon immer gemacht.
Ich saß einfach da und zuckte ein bischen mit den Augen. Zwei fanden das ungewöhnlich, zwei von Sieben. Es hätte auch, genausogut, einer von Sechsen sein können, oder fünf von vieren. Das spielte keine Rolle. Der eine wars, ja, dieser austauschbare Eine, vor dem man so zitterte. Er hatte die Macht, vor der man täglich neu erstarb.
Zwei schrieben ihren Verdacht auf. Es waren Roboter. Verbliebene Fünf waren ebenfalls Roboter, obwohl selbst in Ihnen echtes Blut floß. Es hätte genausogut keiner von niemand sein können. Diese Macht war einfach da, so selbstverständlich wie das Sein, das nicht sein durfte. Dieser Rat der fünf verbliebenen Weisen bildet seit jeher das starke Fundament einer geduldeten Oposition. Sie fragt halt nie nach, im Grunde schon, aber, nie wirklich.
Manchmal stoßen sie Rauch aus, hernach es oft: KURZSCHLUSS heißt.
Den Robotern bedeutet ihr Kurzschluß viel. Zum Einen sollen die Verräter gestellt und somit hinters Licht geführt werden. Das geht aber nicht, ohne sich selbst zum Verräter zu machen. Andererseits gilt der Verrat wiederum als höchste Tugend. - ein bedauernswerter Umstand, der gleichsam als Ursache des Kurzschlusses gelten kann, aber nicht muß.
Ich bilde mir jedenfalls ein, wegen der Tugend hier zu sein. Warum verriet ich dann meinen Freund nicht? Eigentlich weiß ich überhaupt nicht, was sie von mir wollen. Es kommt mir so vor, als gehörte ich nicht im Geringsten zu ihnen. Womöglich geben sie sich nur als Freunde aus. Wen kann ich fragen?
Ich bin mir halt nicht sicher, warum ich manchmal von Schreikrämpfen geschüttelt werde, obwohl ich weiß, daß der Kampf der Massen den unbedingten Vorrang hat.
Weißt du, manchmal fühle ich mich wie der Versager schlechthin, gescheitert vor dem Gesetz. Das macht mir Kummer.
Manchmal komme ich mir vor wie die Möwe im Wind, ohne dabei sentimental wirken zu wollen. Ich habe heute im Graben, während des Kampfes ganz beiläufig ein Lied angestimmt, es war das LIED VON DEN SATTEN JAHREN.
Man stellte auf beiden Seiten kurz das Feuer ein und verprügelte mich nach Strich und Faden.
Das macht mir noch mehr Kummer, weil sie sich doch im Grunde nur bekämpfen, um sich von mir abzulenken, womit sie in mir den Eindruck erwecken, ich trüge die Schuld an diesem Krieg.
Weißt du, wie oft ich mit erhobenen Händen aus dem Graben springen möchte, das Gewehr im Anschlag, wie immer das auch gehen mag, und dann, ja und dann, wenn sich einer von diesen Bestien wirklich zeigte, ich ihn doch glatt erschießen würde, ICH?!, - und all dies täte ich nur, um die Schuld zu töten, die zwar existent sein mag, aber überhaupt nicht in diese Zeit gehört.
Ich grüße Euch!
Knut


Moin Lisa!

Morgen ist FEDERBOA - ABEND im Zelt des Kommandanten. Dieser LUDWIG ist ein netter Kerl. Ich gehe aber nur wegen Graf von Auersberg hin.
Die Nutten?, na ja, mal sehen. Ich denke sowieso nur an dich, da man, als Majorette, hier eh nur den Kürzeren ziehen kann. Unser Leben hängt an seidenen Fäden, die so seiden sind, daß man sie nicht sieht!
(Fragen Sie mal bei der Puppenkiste nach, - dort wird man Ihnen das womöglich bestätigen, mein Schatz! - ha ha!)
Wie schauts denn so aus an der Hanse. Was machen die Kinder? Ich hoffe, sie sind brav. Bitte, lass sie nicht verkommen. Ich weiß ja, daß es schwer ist, ohne meine Herr-lichkeit. Sieh also zu, daß sie sich keine Gedanken machen, denn wichtig bin nur ich. Was wäre diese Welt ohne die beschützende Autorität ihres Erschaffers?
Wir waren vorige Woche endlich mal draußen auf den Bestattungsfeldern. Hier türmen sich die Gebeine auf wie die Pyramiden von Gizeh.
Schön aneinandergereiht türmt sich Knochen auf Knochen, Hemd auf Hose, Uniform auf Unterhemd.
Den Gestank möchte ich an dieser Stelle lieber nicht beschreiben. Für diese wunderschöne Ruhe ist außerdem jedes Wort zu laut.
Ich lasse Symbolisch eine Leerzeile.
***symbolische Leerzeile***
Und?, hast du sie gespürt, mein Kleines?
Doch ich rieche es, ich rieche MENSCHENFLEISCH!
Dein Bömmel




Lieber Wolle

Deine Mutter war immer so lieb zu mir.
Einmal backte sie mir Reibekuchen. Einmal kackte sie mir in den Schoß. Das werde ich nie vergessen.
Ich rieche noch heute diesen Duft in der Küche!
VORFREUDE!
Das ist der Seele höchster Genuß!
Ach herrlich schien sie mir, diese lodrige Glut unter teigigem Sud in der Pfanne, der wohlige Gestank des blubbernden Fettes.
Die Kruste, die Kruste! Ich wollte unbedingt das Verbrannte am Rand haben.
Eucharistie des Geistes, wenn ich denn endlich kaute! Mit dem Knirschen kam der Geschmack. Das Schwarze am Rand war in Wirklichkeit das Ergebnis jahrhundertelanger Forschung. Besondere Bemühungen in diese Richtung gerieten schnell in den Bereich des Absurden und wurden deswegen gar nicht mehr aufgegriffen oder als falsches Weltwunder abgetan.
Und dann die liebe Mutter vor dem offenen Feuer des Ofens, ganz in schweres Schwarz gehüllt, und listig quirlend in der Brühe!
Die Kinder, die, per Handschlag, hergerufen wurden, weil sie Äpfel zu feinem Muß zertrampeln sollten, obwohl sie doch soeben noch barfuß den Kohleberg beim Heizwerk bestiegen hatten.
Das mag der Grund dafür sein, daß der Apfelmus fast immer aussah, wie schwarze "RABARBEREI". Unendlich viele bunte Stricknadeln staken oft aus dem Kopf der deinen Mutter hervor. Bei Gott!, das waren noch Locken! Wie Hundekörbchen! Zu groß für einen Dobermann!
Deine Mutter ist eine gepflegte Frau. Das laß dir gesagt sein, mein lieber Wolle.
Oft fiel ihr das Atmen schwer, weil sie sich immer so sehr um uns bemühte.
Weißt du, daß ich oft den Eindruck hatte, sie sei auf unsichtbare Weise an ihren Ofen gefesselt?
Ich lag, als kleiner Bub mal in ihren Armen, weiß nicht, ich hatte wohl Kummer. Da war es mir, als käme aus ihrer Brust ganz leise, ein Schrei. Es war kein bestimmtes Gefühl, es war zunächst eher ein Ahnen. Ich traute meinen Sinnen nicht, doch je mehr ich mir mißtraute, desto deutlicher, klarer zeichnete sich dieses furchtbare Geräusch in mir ab.
Mich hatte es bald ganz ergriffen. Sie hütete ein schreckliches Geheimnis, einem Dämon gewährte sie Unterschlupf, der wiederum einem Dämon unterstellt war.
Dieser Dämon hörte natürlich auf einen anderen Dämon, wobei ein wieder anderer einem noch anderen unterstellt war.
es war eine einzige Unterstellung, die jetzt nonverbal auf mich gerichtet schien.
Ich komme mir hier vor, wie damals. All das ist mir so bekannt, daß es mir schon gar nicht mehr auffällt. Es ist der sinnlose Kampf der Befreiung aus dem Joch, wie früher, er wird nur fortgesetzt...
Nur darum gibt es diesen Krieg.
Krieg ist die Sprache der Schweiger, das Portal der ewigen Nichts-Sager, der schuldigen Bestien, der frommen Söldner und Bestrafen-Woller. Das sagt euch einer von diesen feigen Hunden, diesen Schwaatlappen, die Sprache zum Sein machen, die Weltbilder des Grauens forcieren, indem sie nur mit dem Finger schnippen. Soweit sind wir also schon, dass wir selbst verachten. Hosenscheißer sind wir. Nur ein Beispiel. Nichtsnutzige Nutznießer sind wir, oder Menschen, die einfach herkommen. Das sind ja alles Dahergekommene! Wo kämen wir hin, wenn wir einfach herkämen!? Wo stünden wir, wenn nicht auf der Erde? Ja wo denn dann? Well done! Wo werden wir enden, wenn nicht im Grab? Ich seh uns schon liegen! Ja liegen wir nicht schon? Was ist abends im Bett? Werden wir je wieder erwachen?
Ich weiß nicht, warum ich gerade jetzt darauf komme, aber, bitte glaube mir, das hat schon seinen Grund.
Peter ist tot, Walli, Hans und Jürgen, Hermann und Gerd, Sigfried wie Olaf. Man wird ihren Tod feiern. Wann ich dir nicht mehr werde schreiben können, ist nur eine Frage der Zeit.
Ich dachte immer, das Schrecklichste bereits erlebt zu haben. Ich fand in meiner Jugend viel Trost bei diesem Gedanken der ÜBERWUNDENHEIT irdischer Schwere, aber nachdem mir gewahr worden ist, daß es manchmal Köpfe sind, die zuhauf in unseren Schützengraben kullern, Arme,aus denen warmes Blut spritzt, Beine, an denen unten verkohlte Stiefel hängen, wage ich an dem Sinn dieses Krieges zu zweifeln.
Ich selber kann dir, wie gesagt, zwar noch schreiben und ich bin froh über diese mir noch erhalten gebliebene Fähigkeit, doch wirst du mich, im Falle der Heimkehr wohl kaum wiedererkennen, denn mein Gesicht ist durch eine Handgranate schwer entstellt und meine Beine sind durch Prothesen aus Fichte-furniertem Span ersetzt worden. Ich kann schlecht laufen, höchstens zwei Schritte, bevor ich unter dem tosenden Gelächter der Kameraden erschöpft zusammenbreche.
So sehr ich mich auch bemühe, dem Standard gerecht zu werden, so sehr quäle ich mich durch dieses Leben, so sehr versuche ich freundlich zu bleiben, stets zu Diensten einer fremden Macht.
Trotz alledem schickt man mich noch in den Kampf, womöglich als Köder. Aber warum beklage ich mich. Man würde mir ja doch nicht glauben.
Am liebsten würde ich gar nicht mehr heimkehren, denn, was du zurückbekämest, das wäre nur noch ein Krüppel, das hilflose Kind.
Ich habe mich notgedrungen zum Gedankenakrobaten gemausert. Architekt des Geistes bin ich geworden. Ich bau Gebäude um den Schmerz. Es ist ein Schloß so wie im Märchen. Hohe Mauern, mächtige Türme und Rapunzel wohnt drinnen. In meiner Phantasie bin ich seit Jahren ein erfolgreicher Schlagersänger. Ich hasse dieses wehleidige Gebrüll wie die Pest. Nicht besser hätte man mich impfen können. Ich tappe hellwach, fast blind wie im Traum durch diese Welt.
Ich......

(im Kampf um die Freiheit verstorben am 27.6.1916)




Liebe Sigrid

Gerade hat die Offensive des vermeintlichen Feindes begonnen. Ich bin nicht an der Front. Nicht, daß ich ein Feigling wäre, aber ich schreibe dir hier tatsächlich aus dem Bestattungszelt, liege neben lose aneinandergereihten Händen und Füßen, die um nichts mehr ringen und machs mir bequem, so gut es eben geht.
Briefe bekommt man hier gut raus. Besonders als mehr oder minder vollständig erhaltenes Relikt.
Man zwinkert dem Bestatter oder dem Messdiener zu, und er versteht sofort, nimmt den Brief entgegen und leitet ihn weiter. So kommen auch die Briefe von dir hier an, mein Liebelein.
Ich friste hier, unter Blumen und Kränzen begraben, wohl den ersten Teil meines Heldentodes und muß sagen, daß er so schlecht ja gar nicht ist.
Ich wünsche Dir alles Gute, und halt durch!




Liebste Mutter!

Bitte bete für uns, Tag und Nacht! Wir haben es so dringend nötig! Hier tobt ein schrecklicher Krieg.
Habe ich dir schon erzählt, daß man sich hier draußen ungefragt totschießt? Nicht? Dann sollst du es jetzt wissen.
Und?, weißt du es jetzt? Natürlich nicht. Woher solltest du auch wissen. Du kennst nichts Anderes.
Es gibt nichts Schrecklicheres als den Schützengraben bei Nacht, wenn einem jäh die Blitze des Artelleriefeuers um die Ohren schlagen, wenn zentnerschwere Brocken aus Granit einem den so majestätischen Helm vom Kopf schleudern, wenn Tote schreien: ICH BIN TOT!, wenn manch armes Würstchen zitternd um die Hand seiner phantasierten Braut anhält, wenn Vorgesetzte, die gerade den Marschbefehl geben aus heiterem Himmel explodieren, wenn somit jeglicher Halt in der Truppe für immer verloren ist, ja, liebes Mütterlein, dann solltest du für uns beten.
Manchmal hilft es, wir werden die Hoffnung nicht aufgeben!
Lieb Vaterland, Lieb Vaterland, wir sind dir treu!
Ingo




Hallo mein lieber Detlef!

Seit gestern gibt es wieder Zigaretten aus Pferdemist, von denen man kotzen muß. Egal, sie sehen jedenfalls aus wie Zigaretten und qualmen tun sie auch.
Heute Morgen haben sie Heiner exekutiert. Warum, das wissen selbst die nicht, die das befohlen haben. Es geht das Gerücht um, man wolle damit ein Exempel statuiert haben.
Nun gut, ich kann das verstehen. Die Angst vor dem Graben ist groß. Heiner wußte das. Er machte keinen Hehl daraus.
Gestern nun, als er wieder mit raus sollte, ist er winselnd zusammengebrochen. Er lag gekrümmt auf dem Boden und bat den Herrn Offizier um Vergebung seiner Sünden.
Dieser aber packte sich den Armen Wicht, zog ihn zu sich hinauf, dass sie sich Aug in Aug gegenüberstanden und betäubte ihn vollends durch seine plötzliche Nähe...

WAS MUSS ICH DA SEHEN?, Bürschchen!
ER WILL NICHT IN DEN GRABEN?
JA WOZU HEISST ER DENN, SCHÜTZENGRABEN!?
WEIL ER DICH TÖTET?
NEIN, DU IDIOT!...
WEIL ER DICH SCHÜTZT!
PLASCHEWSKI!, DENK NACH!

Dann hat er den armen Plaschewski an den Haaren in seine Baracke geschleift, wo er wohl bewustlos sein Urteil unterschrieben haben muß.
Wir hörten noch die Schüsse.
Gruß, euer Lümmel




Hallo liebe Else!

Ich weiß nur eines: Ich muß hier raus, komme, was da wolle. Ich halte das nicht mehr lange aus.
Was ist das, Leben!? Diese Frage stellt man sich hier, allgemein, gern.
Ich kann nicht mehr wachen, geschweige denn schlafen. Sobald ich die Augen schließe sehe ich loderndes Feuer am Horizont und höre Stimmen aus einer anderen Welt.
Von überall her kommen in panischer Angst Menschen angelaufen und fragen, was sie nun machen sollen, um diesem Wahnsinn Einhalt zu gebieten. Es ist mir, als wollten sie mich alle erwürgen. Was weiß denn ich? Ich bin nie alleine, so einsam bin ich hier in diesem verdammten Loch mit diesen verdammten Kameraden. Dieser schreckliche Hunger forciert den Wahnsinn noch. Manchmal träume ich von Engeln, die an Schnüren vom Himmel fallen, ja liebe Else, manchmal träume ich von der Wahrheit, doch das ist nur die Sehnsucht nach dem ewigen Frieden und kann deswegen unmöglich die Wahrheit sein.

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