HANDYMANAls der Schriftsteller Ernst Bosewikt eines Morgens wie üblich das Cafe seiner Wahl betrat, wobei er das Privileg genoß über eine Entfernung von ca. drei Kilometern auch über sein schnurloses Telefon erreichbar zu sein, bestellte er wie gewohnt seinen Kaffee, schaltete das Telefon ein, checkte kurz seine Erreichbarkeit, die von hier aus, wie auch der Kaffee geradezu vorzüglich war, wenn ihn denn jemand anrufen würde. Sein neues, schnurloses Telefon interessierte ihn ungemein, obwohl ihn seit Jahren kaum jemand angerufen hatte. Während er seinen Kaffee mit Bedacht in sich hineinschlürfte, faszinierte ihn ausschließlich die Möglichkeit, eine klare, rauschfreie Verbindung mit seiner ca. drei Kilometer entfernten Basisstation aufbauen zu können. Bosewikt hatte die Basisstation seines Funktelefones mit einer Hochantenne versehen, die ihm diesen Komfort erst ermöglichte. Eine hübsche Kellnerin, die ihm schöne Augen machte, konnte ihm nicht imponieren. Bosewikt hätte sich auch problemlos ein echtes Handy anschaffen können, aber damit war es ja viel zu einfach. So befasste sich seine Telefonie auch nicht mit der Konversation als solcher, sondern er war vielmehr stolz darauf, daß Gespräche unter diesen Bedingungen überhaupt erst geführt werden konnten. Die Verbindung war, wie gesagt sein soll, entscheidend, nicht der Inhalt eines vermeintlichen Gespräches, das er sowieso nie führen würde. So führte denn Bosewikt das Telefon auf seinen einsamen Spaziergängen durch die Auen des Niederrheines fast ausnahmslos, wie einen Hund, dem man nicht befehlen konnte, mit. So streifte er denn oft durch die Felder und suchte das Freizeichen seiner Basisstation, warum auch nicht. Es gab schließlich auch Wissenschaftler, die sich hauptberuflich mit dem Phänomen der Ausbreitungsbedingungen im 900MHZ-Bereich auseinandersetzten. "Denen könnte ich so manchen Tip geben.", dachte Bosewikt. "Praktische Erfahrung ist allemal mehr wert, als theoretische Grübelei, die ohnehin zu nichts führt." Eines Tages, Bosewikt hatte sich aus einer Laune heraus über fünf Kilometer von seiner Basisstation entfernt, unterbrach das entsätzliche Gezirpe seines Telefons das Schweigen des Waldes, daß Bosewikt aus seinen Tagträumen geschleudert wurde. Wie konnte das geschehen? Es war theoretisch wie praktisch unmöglich, daß über diese Distanz noch eine Verbindung zur Basisstation aufgebaut werden konnte. War es vielleicht doch eine Reflektion der Funkwellen? Bestätigten Ausnahmen nicht vielleicht doch die Regel? Hastig kramte er das Handy hervor und betätigte die Sprechtaste: "Hallo?, Bosewikt hier, wer dort?" Bosewikt hörte nur ein Knacken in der Leitung, als ob der Teilnehmer am anderen Ende gerade aufgelegt hatte. Das Rätsel blieb also zunächst ungelöst. Weiter und weiter entfernte er sich von seiner Basisstation. Ein schöner Frühlingstag, sowie die herrliche Umgebung beflügelte seine Seele derart, daß er jegliches Gefühl für Raum und Zeit verlor. Apathisch grüsste er Spaziergänger, die seinen Weg kreuzten. Wie im Traum streichelte er Ponys die friedlich auf einer Weide grasten, bis Bosewikt sich ihnen schließlich genähert hatte. Die harmlosen Tiere gerieten regelrecht in Panik, als das Handy ein zweites mal zu klingeln anfing. Sie überrannten den armen Bosewikt, wobei sie ihm einige unangenehme Prellungen zufügten. Bevor er sich wieder aufrichten konnte, war der Ruf des Handys verstummt. Mit schmerzverzogener Miene setzte er seinen Spaziergang fort, bis er in Orte kam, deren Bewohner eine Sprache sprachen, die er nicht kannte. Palmen säumten die Straßenränder, zwielichtige Händler boten schreiend ihre Ware feil. Anstatt Ponys grasten Kamele in provisorisch angelegten Koppeln. Wo er sich befand, interessierte ihn scheinbar nicht im geringsten. Viel lieber betätigte er so oft als nötig die Sprechtaste seines Handys, allerdings ohne Erfolg. Eine Verbindung zu seiner Welt herzustellen, schien unmöglich. In diesem Augenblick hätte er doch lieber ein echtes Handy sein Eigen genannt. Wo war er nur gelandet? Hier kam er sich noch verlorener vor als zu Hause. Das fremde, fast tropische Klima ließ ihn unter seinem Wintermantel schwitzen, und der trübsinn stach förmlich aus seinen Augen hervor. Es ist kaum zu beschreiben, wie Bosewikt sich dafür haßte. Das machte ihn noch trübsinniger. Einen noch trübsinnigeren Trübsinn konnte er sich kaum vorstellen. Seine Trübsal zauberte etwas Wahnsinniges in sein Gesicht, dessen Züge wie gewaltige Dampflokomotiven darin herumzufahren schienen. Menschen, die ihn in diesem Zustand ernsthaft in die Augen schauten, konnten nicht umhin, schnellst als möglich wegzusehen, wollten sie nicht auch infiziert werden. Als er bemerkte, daß ihm auch hier nicht geholfen werden konnte, setzte er seinen Spaziergang fort. Nach zwei Wochen begann es merklich kälter zu werden. Der Himmel verdunkelte sich und es fielen Sturzbäche vom Himmel, während er so oft als nötig die Sprechtaste betätigte. Nicht einmal drang das mittlerweile so begehrte Freizeichen an sein Ohr, Umstände, die seinen Zustand rapide verschlechterten. Er wanderte Tage und Wochen, er wechselte die Akkus seines Handys wie andere ihre Unterwäsche. Er überquerte Gletscher und flüchtete vor Eisbären, die hier heimisch zu sein schienen. Manchmal verschluckte er selbst den einen oder anderen Akku, um sich zu reanimieren, obwohl sich Gleichspannung auf Grund ihrer stets gleichen Amplitude allerdings nur bedingt dazu eignete. Außerdem führten die Akkus in seinem Körper zu einer gänzlichen Verstimmung seiner Physis, die sich in einer Verstopfung und damit in noch größerem Unwohlsein äußerte. Bleihaltige Marmelade hatte kürzlich erst zur Ausrottung eines ganzen Landstriches geführt. Das Zeitalter der Aufklärung hatte für Bosewikt gerade erst begonnen. Aber je mehr er sich auf Grund seines Überlegenheitsanspruches spezialisierte, desto lächerlicher machte er sich vor freidenkendem Volk, desto mehr nährte er den unausgesprochenen Haß der ängstlichen und unsicheren Menschen, und je mehr ihm seine Macht bewußt wurde, desto größer fühlte er sich, desto ärmer war er. Als er ein halbes Jahr später wegen akuter Schwäche von einen Sherpa auf den Gipfel Des Nanga Parbat getragen wurde, klingelte auf einer Höhe von etwa 6000 Meter über NN. das Telefon in nie zuvor geahnter Brillanz. Bosewikt, der es geschafft hatte, sich im Himalayagebiet einen gewissen Status und damit Respekt zu verschaffen, stieß dem Sherpa hart in die Seite, womit er ihn wohl bitten wollte, eine kurze Rast einzulegen. Es hatte zunächst den Anschein, als ob er nur das Beste für seinen Sklaven wollte. Nachdem der Sherpa durch Bosewikts Schlag in dessen Rippen gestürzt war und Bosewikt sich nun mit beiden Beinen fest auf dem Erdboden befand, grub er das Handy aus seiner Tasche: "Hallo, hier Bosewikt, - wer da?" Diesmal schien tatsächlich soetwas wie eine Verbindung aufgebaut werden zu können: "Bin ich verbunden mit Bosewikt, Familie Bosewikt aus Viersen?", hörte man wie aus weiter Ferne eine Stimme aus dem Hörer, die sich schwer aber dennoch verständlich ihren Weg durch den Himalaya bohrte. "Frau Bosewikt am Apparat?", fragte der Anrufer bedacht. "Nein, ich bin der Ehemann. Aber wir sind bestimmt schon geschieden. Sie erreichen mich zur Zeit im Himalaya. Ich habe ein schnurloses Telefon mit." "Ich glaube nicht, daß sie mir weiterhelfen können", sagte die Stimme im Hörer. "Krüger, Herbert Krüger von BOFROST. Ihre Frau bestellt gewöhnlich wöchentlich bei uns." Bosewikt war verständlicherweise sehr aufgeregt ob dieses "Zeichens aus der Heimat".... "Von wo rufen Sie an?", fragte er ungläubig. "Von so soll ich schon anrufen", entgegnete Krüger. "Aus Straelen natürlich, von unserem Zentrallager. Soll das ein Verhör werden?" Frau Bosewikt, die zu Hause war, hatte das Gespräch an der Basisstation mitgehört und erkannte natürlich ganz unzweifelhaft die Stimme ihres seit Jahrzehnten vermißten Gatten. "Karl Heinz", fragte sie schüchtern, - "bist du es? Hier ist Annemi." "Ja, ich bins", sagte Bosewikt. Endlich fand seine Hoffnung, nach all diesen Jahren auf der Suche nach dem Freizeichen rund um den Globus Bestätigung. "Schön von dir zu hören", sagte Frau Bosewikt, schön, zu wissen, daß du so weit weg bist." "Ich habe auch Sehnsucht nach dir", flüsterte er. "Frau Bosewikt, eine kurze Frage", unterbrach Krüger, dem es schon peinlich war, unfreiwillig an dieser Konferenzschaltung teilzunehmen. "Aber, - geht das mit dem Hasenbraten für Mittwoch ok?" Die Verbindung in den Himalaya wurde unerwartet deutlich schlechter, zumal afgahnische Freiheitskämpfer diese Frequenz mit ihren pakistanischen Feinden zum illegalen Glücksspiel mißbrauchten. Häufig störten Kommentare wie: "Und die Superzahl ist die Sechs", das so wichtige Telefongespräch nicht unerheblich. Nachdem, warum auch immer, das Signal Bosewikts Handys plötzlich in tausende Basisstationen Westeuropas geriet,verlor er einerseits schnell den Kontakt zu seiner Frau und BOFROST, doch als es ihm schließlich gelang, seinen exotischen Standort durch Anrufe im regulären Telefonnetz schlüssig wie lückenlos zu beweisen, erlangte er, dank seiner Hartnäckigkeit, doch noch, wenn auch unausgesprochen, eine gewisse Berühmtheit. Hier ließ er sich nieder. Hier baute er sich seine Hütte. Das Telefon stand nicht mehr still bis zum jüngsten Tage. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |