DRAUSSEN VOR DER TÜRE



Der betrunkene Clown Ich saß im Cafe um die Ecke. Die Sonne schien. Zwei Amseln pfiffen ihr Liebeslied in den Straßenlärm. Im Geldinstitut, gegenüber prügelte sich ein Angestellter mit einem verkleideten Bankräuber. Als ich gerade gehen wollte, kotzte mir zu allem Überfluß auch noch ein betrunkener Matrose auf die Hose.
Draußen herrschte reges Treiben. Man tanzte, lachte, trank oder zündete aus lauter Freude einige geparkte Fahrzeuge an. Vorbeikommende Passanten klatschten laut Beifall. Hin und wieder fielen Blumenvasen, Stereoanlagen, verbeulte Ehefrauen oder andere Einrichtungsgegenstände aus den Fenstern der Häuser. Dazu spielten Blaskapellen kräftig auf. Einige Damen und Herren, die, bunt geschminkt, auf festlich geschmückten Wagen vorbeifuhren, warfen Bonbons in die weit geöffneten Fenster, was immer das auch heißen mochte.

Auch auf dem Gehsteig herrschte dichtes Gedränge. Das Publikum war von internationalem Rang. Vom Astronauten bis zum Marienkäfer war fast alles vertreten. Man war allgemein viel kontaktfreudiger als sonst, das fiel mir direkt auf. Überall lagen gebrauchte Kondome, Binden und Tampons herum, die auch teilweise von den Wagen geworfen wurden. Man schien etwas nachholen zu wollen, oder holte es gerade nach. Das war nichts mehr für mich, ich war zu alt für derartige Exzesse. Ich stand kurz vor der Midlife-Krise, die ich mit Grauen erwartete.
Ich wollte mich gerade dem Trubel entziehen, als mich von hinten eine krallige Hand beim Kragen packte. Sie gehörte zu einem schwer identifizierbaren Geschöpf, dem auch eine Hand am Kragen hing, die zu einem weiteren Geschöpf führte, dem auch wieder eine Hand am Kragen hing, und so weiter. Auf diese Art waren bestimmt fünfunddreißig seltsame Geschöpfe miteinander verbunden. Man zog mich auf die Straße. Ich verstand überhaupt nichts mehr. Was sollte das?! Voran ging ein Harlekin, der eine Trommel schlug. Ein anderer Mann wirbelte ein leichtes Mädchen zehn Meter hoch durch die Luft. Der Harlekin schrie oft: "Bösinger Raupe!, Bösinger Raupe!", was von der am Straßenrand versammelten Menge sofort mit einem schallenden: "Helauuu!", quittiert wurde. Das mir am Kragen hängende Geschöpf entpuppte sich nach einiger Zeit als Mensch männlichen Geschlechts, mittleren Alters, der mich als Flaschenhalter benutzte. Obwohl er nicht mehr ansprechbar war, entglitt ihm oft der geschichtsträchtige Reim:

"Aus Raupen werde Schmeddelinge
drum tun wir heude kräftisch singe!"

Auch derartige Ausrufe wurden mit einem kräftigen: "Helauuu!" aus der Menge quittiert. Das war ja einfach. Ich versuchte es auch mal.

"Dä Mensch ist oft zu doof zum scheise
drum sollt äh sisch zesammereise!"

Es klappte, - tatsächlich. Man konnte sagen, was man wollte. Es kam nur auf den Rhythmus an. Ein besonderer Inhalt wurde weder verlangt, noch war er Voraussetzung für ein derartiges Treiben. Anerkennung war einem so gut wie sicher hier, egal was man machte. Hier hätte ich viele Freunde finden können. Allein, ich wollte es nicht.



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