HERBERT DER SCHURKEHerbert der Schurke traf einmal auf Liesel die Schüchterne, eine arme Milchbäuerin aus den tasmanischen Bergen, die es, warum weiß der Teufel, auf die Nordhalbkugel verschlagen hatte. Kaum der deutschen Sprache mächtig, gelangte sie nun in die Hände jenes gefürchteten, stadtbekannten Tunichtgutes und Taugenichts, der ihr schon im Vorübergehen arg ein Beinchen stellte. Das arme verschüchterte Lieselchen hatte keine andere Wahl als Bäuchlings auf dem kalten Asphalt aufzuschlagen. Dabei verlor sie ihr Kopftuch und ihr kleines buntes Schürzchen. Wimmernd vor Angst blieb sie regungslos liegen. Des Schurken Augen begannen beim Anblick einer derartigen Hilflosigkeit wie gewohnt gierig zu leuchten. Schon blitzte ein scharfer Dolch auf, schon stürzte er sich auf sie und schaute bald hoffnungsfroh in einen Abgrund voller Angst und Panik, aus dem er nun sein Leben zu saugen begann. Welche Macht er doch hatte, welche Größe er jetzt besaß! Herbert haßte die erstarrten Blicke seiner Opfer, aber er brauchte sie, wollte etwas in ihm überleben, ohne erkannt zu werden. Oft schloß er sich für Monate ein, lag auf dem Bett und starrte die Zimmerdecke an. Manchmal sah er sich gezwungen, einen Schrei zu unterdrücken, der seine Seele gewiß zerquetscht hätte. Dann, nach Monaten sah er wieder diese Augen, vor denen er eigentlich weglaufen wollte. Woher sie kamen wußte er selbst nicht, - diese Augen projezierten sich, wie von Geisteshand geschaffen, gleich einem Dia auf die Zimmerdecke. Zwei grelle Lichtkegel entschwanden seinen Augen. Waren es vielleicht seine eigenen Augen, in die er da schaute? Diese Frage quälte Herbert sehr, so daß das Gegenteil dringlichst bewiesen werden mußte. So lag der Schurke Herbert denn im Dreck des Bordsteins und schaute sich von der Liesel die Angst ab, die er nicht haben durfte. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |