ANSICHTEN EINES HUPF-DOLL

Feucht

Fotografie von
Matthias von Schramm, Hamburg
© by Matthias von Schramm 1999


Gestatten, Muskin mein Name, Bertram Muskin. Meine Eltern sind deutschstämmig.
Isoliert stehe ich da wie der Fels in sogenannter Brandung. Ich höre noch das Rauschen der Wellen- etwas schroff vielleicht, ein wenig verbogen, bestimmt, die Krümmung der Erdachse beschreibend, wahrscheinlich. Ich für meine Wenigkeit komme allerdings ganz aus Polen, von der Schüppe auf sozusagen. Trotzdem ist es mir bisher nicht gelungen so etwas Erstrebenswertes wie ein Nationalgefühl zu entwickeln. Das große Gehabe einer zwanghaften Zugehörigkeit ist mir fremd geblieben. Allenfalls bemühe ich mich darum so zu sein, wie es die Zeit verlangt. Ein bischen Deutscher bleibt man immer.
Diesen Text kann man auch ganz unpolitisch verstehen und so sollte er auch verstanden werden. Sind Sie auch nur eine SORTE? Sind Ihnen Menschen bekannt, die selbst unter Ihnen wählen könnten? Welche Wahl hätten Sie dann? Könnte man Sie an Ihrem Hemdsärmel einwandfrei identifizieren? Ist Redlichkeit verletzend? Warum darf ich nicht traurig sein? Ein ganz klein wenig rollen doch die Tränen, weil man im Grunde keine echte Heimat hat. Oft steht man arg verstohlen da und wagt schüchtern den Blick über die Grenze, sieht all die freien Menschen im Einklang mit sich selbst hantieren und versucht noch einen draufzusetzen.
( Der Kaffee gerade war bestimmt vergiftet. Muß schon, - sonst könnte man das ja nicht ertragen.) Ein bischen deutsches Blut auf polnischem Boden scheint also geneigt dazu, Gärblasen ins Volk zu treiben.
Verloren sind viele, frei nur die Wenigsten. Der Sinn so mancher Tradition erschließt sich oft erst im Schicksal des Einzelnen. Wie gerne hätte ich im Schützenverein den Vogel abgeschossen und anschließend im Suff auf offener Strasse meine Frau verprügelt. Wie gerne hätte ich dabei geschriehen: "Mutter, Mutter!, warum liebst du mich nicht?! Meine Liebe zu dir ist unermeßlich, offen, frei und einfach da! Wie soll ich dich auch lieben können, wenn du verlangst, daß ich dich lieben soll, weil du meine Liebe brauchst? Du lebst doch nur das Verlangen nach Liebe, weil du gar nicht weißt, was Liebe ist. Was verlangst du da von mir? Du bist in tiefster Not und brauchst meine Hilfe, ich brauche sie doch auch und kann sie dir nicht geben, so sehr ich mich auch bemühe! Du malst nur wirre Kreise in die Luft, die selbst Zeppeline am tiefblauen Herbsthimmel in ihrer deutlichen Langsamkeit unlängst nicht besser beschrieben! Zu weit geht mein Blick, als daß ich dich vergessen könnte. Ich muß zu dir und will doch weg!

(für Matthias)


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