HURRA, ICH BIN KRANK
Artwork by HARRY KRIPPNER Stellt euch vor, ich bin gestern mit einem Kühlschrank unterm linken und einer Waschmaschine unterm rechten Arm vom Balkon eines Hochhauses gefallen. Siebter Stock. Und wie ich so fiel und fiel, immer tiefer sauste und wie der Wind mir die Augen verdrehte und wie mir die Schreie der Passanten erst auf den Keks gingen, da stellte ich zu all diesem Übel fest, daß ich meine Chipkarte zur automatischen Erfassung beim Hausarzt nicht dabei hatte. Das war ja ein dicker Hund, der meinen freien Fall weich auffing. Es war ein Rüde Names Rambo, eine gelungene Kreuzung aus Pekinese und Bulldogge, wie immer sie auch entstanden sein mochte, mit Sicherheit jedenfalls nicht auf natürliche Weise. Der Kopf des Tieres sah aus, als hätten zwölf zornige Hausfrauen ihn von Kindesbeinen an mit der Bratpfanne bearbeitet. Das feine Näschen war tief in sein Gehirn eingedrungen, aus seinen Augen quoll Literweise der Eiter heraus und das, was früher einmal seine Schnauze gewesen sein mochte, war nichts als verkrustetes Blut, das zu einem riesigen Klumpen mutiert, ihm ein Fortkommen beinahe unmöglich machte. Das Tier machte auf den zweiten Blick hin einen stark frisierten Eindruck. Von dieser Kultur zeugte auch zwingend eine gigantische mit edelsten Perlen besetzte Schleife, die, als packte es jemand arg beim Schopf, seine Kopfhaut doch sehr zu überdehnen schien. Der Körper des Hundes war groß wie ein Kalb. Es hatte Tatzen wie ein Löwe. Seinen Pferdeschwanz hatte man ihm allerdings gestutzt, weil er nun gar nicht so recht in die Natürlichkeit dieser Rasse passen wollte. Um nun das Verhältnis zwischen Kopf und Körper noch genauer aufeinander abzustimmen, (man sprach allgemein von Wiederherstellung), hatte man ihm schon in jungen Jahren die Beine abgeschnitten und die Tatzen direkt an seinen Körper geklebt. Das Tier fiel hernach kaum noch aus der Rolle, war endlich in der Lage, wie jeder normale Hund aus einem Napf zu fressen und wurde so anhänglich wie man dies kaum beschreiben könnte. Der Besitzer des Hundes war eifriges Mitglied im Stutzclub der Pekingdoggen. Auch hielt er sich für den Verfasser des Buches ROBBEN STATT SPRINGEN (ein Versuch über die All - Gemeinheit des Pekinesen), obwohl nachweislich davon ausgegangen werden kann, dass der Verfasser des Buches ein ganz Anderer war. Über den Verfasser schwieg man sich, obwohl alle ihn kannten, geflissentlich aus. Schließlich wollte man nicht den Hund in der Literatur, sondern den Hund fürs Leben. Ja, nur diesen liebte man geradezu so abgöttisch, dass der Abgott nicht minder dazu bereit gewesen wäre, aus dem Fenster zu springen oder ins Wasser zu gehen, oder sich notfalls auch zu erschießen. Für wen? Es kam der Tag der Hasenjagd. Der war immer im März. Dann rammelten die Rammler die Häsinnen auf Teufel komm raus im Zustand von geistiger Verwirrung, der sich bei jedweder trieblicher Abfuhr so gerne einstellt. In diesen Augenblicken waren die rammelnden Hasen schutzlos und somit ihrem Feind, der Pekingdogge völlig ausgeliefert. Um sechs Uhr dreißig blies der Kommandant zwei mal das große Hallotria. Die Jagd war eröffnet. DIE LEINEN LOS! DIE LEINEN LOS!, schrie der wilde Mob und tausend Leinen wurden losgemacht und tausend Pekingdoggen hüpften wie aufgezogene Spielzeughunde weinend durch die Felder. Dies sahen natürlich auch die Rammler. Sie stürzten sich auf die verzüchteten Tiere, die gar nicht wußten, wozu sie hier herumhüpften und zermalmten sie allein unter Zuhilfenahme ihrer riesigen Löffel. Diese Geschichte habe ich übrigens im Krankenhaus geschrieben. Ich möchte mich bei allen Hunden herzlichst für mein Überleben bedanken, besonders bei dem, der meinen Sturz so sachte aufgefangen hat und dafür sein Leben lassen mußte. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |