
Irgendwann bin ich auch wieder zu Hause angekommen, denn sonst hätte ich das hier nicht aufschreiben können.
Es war einmal ein Engel. Es war eher ein Engelchen. Es war November und sehr kalt. Ich fand ihn im Schaufenster des teuersten Juweliers der Stadt.
Das Engelchen war geschlechtslos und nackt.
In demut küsste es eine goldene Kette, die der Juwelier ihm um die Pfoten geschlungen hatte.
Ein Onkel des Juweliers war Perlentaucher, dessen Frau, fast notwendigerweise, Haubentaucherin, (zumindest beim Friseur). Ihr gemeinsamer Sohn hatte deswegen auch schwer einen am Kürbis. Zu dünn war nämlich sein Haar, als das er der Haube würdig gewesen wäre. Tauchen war so, gar nicht erst drin. Fluch, oder Segen?
Sie versorgten den Juwelier mit Perlen, Hauben und, logischerweise, auch mit Kür - bissen.
Pflicht - Bisse gabs allerdings nur auf Rezept.

Den Kürbis fand ich zwei Schritte weiter im Fenster eines Weingeschäftes. Er weinte aber gerade nicht, sondern leuchtete aus Augen und Mund.
Ich lichtete ihn, von argwöhnischen Passanten beobachtet, ab, soweit mir das möglich war. Ich kann es nämlich auf den Tod nicht ab, bei der Arbeit beobachtet zu werden. Da fällt mir das Lichten besonders schwer.
Flugs ließ ich meine Kamera in der Jackentasche verschwinden und rannte los, mich den mißtrauischen Blicken dieser Neider zu entziehen.
Ach wie war ich froh, als ich plötzlich unverhofft vor einer kleinen, freundlich lächelnden Loko - Motive stand.
REITE MICH! forderte das Lök - chen in forschem Ton. EINE MAAK - fuff - zisch!
Ich stutzte...
REITEN SOLL ICH DICH? WIE SOLL MAN EINE LOKOMOTIVE REITEN KÖNNEN?
DAS WEISS ICH AUCH NICHT, entgegnete die kleine Lok. ICH HAB WOHL DEN FALSCHEN PROZESSOR DRIN. ES GIBT MICH NÄMLICH NICHT NUR ALS LOK, SONDERN AUCH ALS PFERD.
REITE MICH! EINE MAAK - fuff - zisch!
DANN STECKST DU QUASI IM FALSCHEN KÖRPER, meinte ich besorgt.
MUSS WOHL, sagte die Lok. SCHAU MAL SCHRÄG GEGENÜBER BEIM FENSTER DES PFERDEMETZGERS VORBEI. DORT STEHT MEIN ELEKTRONISCHES PENDANT IN GESTALT EINES PFERDES AUF DEM FLUR.
Interessant, dachte ich, bedankte mich für den Tipp und schlenderte schluffend zum Geschäft besagten Schlächters.
Dort stand tatsächlich ein Pferd auf dem Flur.
Als ich mich dem Gerät bis auf wenige Schritte genähert hatte, begann es zu schnaufen wie eine alte Dampflok.
TUUT TUUT! Kams aus seinem Maul. ICH BIN DER ORIENT EXPRESS!
Hernach machte der Gaul Geräusche wie ein entgleisender ICE sie nicht besser realisiert hätte.
DU STECKST WOHL AUCH IM FALSCHEN KORPUS, entglitt es mir.
ICH BIN DAS OPFER EINER FEHLPROGRAMMIERUNG, sagte das Perd. SCHULD DARAN SIND AUSSCHLIESSLICH DIE MITARBEITER VON PLUG AND PLAY. SIE KÖNNEN ZWISCHEN LOK UND PFERD PAR - TUUT! NICHT MEHR UNTERSCHEIDEN. SIE SIND EINFACH ÜBERFORDERT!
ISTANBUUUUL! EINE MAAK - fuff - zisch!
Das fand ich in der Tat interessant.
Ich bedankte mich auch bei dem Lokomo - Gaul und ging, eine Erfahrung reicher, meines Weges.
Vor einem Spielwarengeschäft stand eine abgeschaltete Donald Duck Maschine, auf der man wohl auch reiten gekonnt hätte, wenn sie nicht soeben auf EURO umgestellt wurde. Ach, wie laut schrien die Kinder! Ach wie sehr waren verzweifelte Mütter bemüht, ihnen die bevorstehende Währungsumstellung zu erklären!
Mit fortschreitender Dunkelheit stolperte ich versehentlich über einen lebendigen Dackel, in den man kein Geld einwerfen konnte. Sein Herrchen, der ihn an einer dieser etwa 50 Meter langen Drachenschnüre hinaus in die Einsamkeit geschickt hatte, schallt mich verwünschend TALIBAN. Jetzt bekam mein Spaziergang ganz unfreiwillig auch noch einen politischen Aspekt. Meine Mütze, sowie mein Spitzbart waren ihm Beweis genug. Außerdem war ich auf seinen Dackel getreten und hatte mich im Stolpern recht ungünstig in seiner Drachenschnur verfangen. Ich zog wie ein Hecht an der Angel.
Wie durch ein Wunder kam ich schnell frei. Ich flüchtete mich in das Schaufenster eines Optikers und blieb unentdeckt.
