WAISENKINDER



Waisenkinder sind oft auch Weise. Das Leben Kaspar Hausers beispielsweise geriet als Film zum Bestseller. Der Regisseur des Filmes hieß allerdings Wiese, kein Grund jedoch, den Film zu scheuen.

Wer den Streifen gesehen hat, macht sich Gedanken.

Auch Wiese, ein hochbegabtes Waisenkind, befasste sich schon seit frühester Jugend mit dem Leben Hausers und kam im blühenden Alter von erst 16 Jahren zu dem Schluß, daß er selbst der besagte Kaspar sei.

Er mußte dieser Hauser sein, unbedingt.

Wuchs er nicht auch im feuchten Gewölbekeller des stiefmütterlichen Hauses auf, bei Wasser und Brot, zudem in tiefster Dunkelheit? Aus welchem anderen Grunde sollte er sich vom Tageslicht so entsätzlich geblendet fühlen? Weshalb sonst sehnte er sich nach deftigem Schweinefleisch und Bier?

Verrieten die tiefen Vernarbungen an seinen Handgelenken nicht, daß er einst in Ketten gelegen haben mußte? Weshalb sonst sehnte er sich so sehr nach Freiheit?

Er, der Waise Wiese war Kaspar Hauser, das war ihm mit einem Male klar. Der Umstand, daß er im Gegensatz zu Hauser die Sprache in Wort und Schrift nahezu perfekt beherrschte störte ihn nicht, sondern war ihm bei der Erstellung eines Drehbuches sogar eine ungemein nützliche Hilfe.

Vermutlich wollte dieser in vielen Abhandlungen beschriebene Hauser sich ja auch nicht äußern. Er konnte es, das stand unumstößlich fest.

Nun würde dieser Kaspar im Gewande Wieses endlich den Mund aufmachen. Dieses Kapitel der Geschichte mußte völlig neu geschrieben werden. Auch das war Wiese klar.

So saß er denn Nacht für Nacht an seinem Computer und fütterte ihn mit geschichtsträchtigen Daten zum Leben Hausers.

Und wie er dieses Leben beschrieb!!
Minutiös, auf den Punkt genau. Sein Werk nahm schon bald die Form eines visuellen Tagebuches an, die Hausers tiefgreifende Monologe während seiner 24 stündigen Spaziergänge von Kellerwandwand zu Kellerwandwand, optisch wie akustisch, das heißt "auch vom sprachlichen Vermögen her", in betäubender Weise aufzeigten.

Laut Wiese sah man zuerst eine weiße Wand, die sich dem Betrachter langsam näherte. Sogleich folgte der Vorspann des Filmes, ebenfalls in weiß, da man diesen nicht sehen sollte. (Wiese wollte den Film um dessen Authenzität wegen so anonym wie nur eben möglich halten).

Während man auf der Leinwand das sich Nähern der Kellerwand gut verfolgen konnte, ließen erste akustische Eindrücke auf Schritte schließen, die jemand auf steinigem Boden macht.

Plötzlich sollte es laut Drehbuch stockfinster werden.

Schade, denn gerade bevor es dunkel wurde, war der aufmerksame Betrachter im Stande, endlich einige, wenn auch undeutliche Strukturen, die einer Tapete glichen, mehr oder minder deutlich zu erkennen.

In kurzer Zeit verflüchtigte sich aber die Finsternis und wurde durch eine andere, entfernte Tapete ersetzt, die sich dem Betrachter wiederum merklich zu nähern begann, bis man schließlich wieder auf diese merkwürdigen Strukturen stieß, bevor es abermals dunkel wurde.

Diese Sequenz wiederholte sich, lediglich unterbrochen durch 20 Werbespots, nun auch ungefähr 20 mal.

Plötzlich verfärbte sich die Leinwand in das schillerndste Grün aller Zeiten.

"SCHWEIGEN IST AUCH EINE SPRACHE", war außerdem zu lesen.

Das war die Botschaft und gleichzeitig das Ende des Filmes.

Es folgte ein Spot der deutschen Lebensmüdenhilfe e.V.



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