DIE BÜROKLAMMERDüsseldorf City, ein Bürokomplex irgendwann im Januar. Es regnet in Strömen; 15 Grad plus. Fünfte Etage: VDA, Versicherungsgesellschaft der Außergewöhnlichen, spezialisiert, auf jeden Fall. Eine Büroklammer fällt zu Boden. Die Sekretärin kann sie nicht wiederfinden, - blauer Teppich, blaue Klammer, - ein schwieriger Fall, - kann man nichts machen. "Können Sie nicht aufpassen, wo sie hinfallen!", fährt der Diktator eben jener klammerabkömmlichen Sekretärin diese äußerst unsanft an. "Sie fallen wohin sie wollen, wenn sie denn fallen", versucht die Sekretärin sich zu entschuldigen. "Bitte schreiben Sie: Klammer auf, Die Pfändung des SCHWARZWÄLDER HOFES ist hiermit gesetzlich beschlossene Sache." Die Sekretärin ist derart verwirrt, daß sie zunächst eine grüne Büroklammer öffnet, bevor sie zu schreiben beginnt. Noch immer fährt ihr Blick, die blaue Büroklammer suchend, über den Teppich. "Klammer zu!", schreit der Diktator nach einer ebenso gesetzlich vorgeschriebenen Frühstückspause, die sowohl die Sekretärin, als auch der Diktator sichtlich genossen haben. Die Auftragsbücher sind voll, Freiräume knapp. Gut, das es verbindliche Tarifverträge gibt. Verstohlen schließt die Sekretärin die grüne Büroklammer, bevor sie zu schreiben fortfährt. Wo mag nur diese eine blaue Büroklammer hingefallen sein? Gerade diese Klammer ist ihr besonders ans Herz gewachsen. Mit den Jahren hier im Büro hat sich ein regelrechtes Verhältnis platonischer Natur zwischen ihnen entwickelt, - ja ja, der leichte Rostansatz oben, kurz vor dem ersten Knick, macht sie einmalig. Aus einem Haufen von tausenden Büroklammern würde sie diese ihre geliebte blaue in Sekundenschnelle herausgefischt haben. Jetzt liegt sie, als Einzelstück, unauffindbar ihr sogar zu Füßen, - ein Liebesbeweis der ganz besonderen Art, wie man zunächst meinen möchte, - aber wer die Vorgeschichte kennt, weiß das anders zu deuten. Obwohl die Tage erst langsam länger werden, wird am heutigen Mittwoch ungewöhnlich viel diktiert. Die Sekretärin wird bald müde. Privat ist ihr das Schreiben verhaßt, selbst beruflich zwingt sie sich dazu. Und sie zwingt sich in der Tat seit 25 Jahren nicht schlecht. "Klammer zu!", schreit der Diktator mechanisch. Die Sekretärin erwacht, sie kann sich kurz im Büro umsehen, erkennt ihren Chef, bevor ihr Blick schließlich auf einen ungepflegten Gummibaum fällt, der völlig ahnungslos am Fenster steht und sich, den Umständen entsprechend, seines Lebens erfreut. Was ist das?, - was glänzt sie da aus dem Blumentopf in altbekanter Weise an? Die Sekretärin traut ihren Augen nicht, - die Büroklammer, tatsächlich, es ist ihre kleine, über alles geliebte Klammer! "Klammer auf!", schreit der Diktator mechanisch. Das läßt sich unsere Sekretärin nicht zweimal sagen. Sie springt auf, reißt den Monitor mit in die Untiefen des Büros, krabbelt auf allen Vieren hin zu dem Gummibaum und nimmt sich schließlich der Klammer an. Die Welt ist wieder in Ordnung, auch weil gleich Feierabend ist. |