KNICKEREin Knicker (das sind diese kleinen, magischen, mitunter buntverzierten Glaskügelchen, welche oft von Kindern zum gemeinsamen Spiel verwendet werden), geriet auf seinem Weg ins Ziel, dieser kleinen Vertiefung, die man, allgemein üblich, mit bloßen Händen ins Erdreich gräbt, von seinem vorbestimmten Wege ab. Ein Umstand, der an und für sich nicht ungewöhnlich, ja sogar eher Regel als Ausnahme ist. Gerade dieser Knicker sollte nun den Weg unter die Schuhsohle eines gewissen "Bocker" finden, ein Mensch, der ungewöhnlich halblange Hosen trug und der das Spiel der Kinder offensichtlich nicht verstand, obwohl er seit über zwanzig Jahren in einem wohlgeregelten Verein das Skatblatt schwang. Bockers Schuh aus reinem Krododilsleder schnappte zu wie es das gleichnamige Reptil nicht hätte besser machen können. Die schöne Murmel zerbarst knirschend unter der Last eines monumentalen über einhundertfünfzig Kilogramm schweren menschlichen Körpers, dessen Augen aus einem entsätzlich entstellten Gesicht geradezu triumphierend hervorquollen. Bocker war Hausmeister einer heruntergekommenen Mietkaserne am Rande der Stadt. Als Herr über zerbrochene Fensterscheiben, herabgefallene Dachrinnen nie funktionierende Aufzüge und spielende Kinder, verbrachte er täglich fast 18 Stunden damit, die Kinder vom Hof zu vertreiben, die nie funktionierenden Aufzüge auf ihre Nichtfunktionalität hin zu überprüfen, sowie herabgefallene Dachrinnen oder Glassplitter fachgerecht zu entsorgen. Die halbjährlich anfallenden Schadensberichte an die Hausgenossenschaft verfasste er zwar immer noch akribisch, heftete diese nach peinlicher Durchsicht auf grammatikalische Ungereimtheiten dann aber nur ab. Das ging schon seit dreißig Jahren so, und es ging gut. Bocker verfasste halbjährlich einen weiteren, kurzen Bericht mit folgendem Wortlaut an die Hausgenossenschaft: Geehrte Damen und Herren! Wie nicht anders zu erwarten, ist es mir auch in den vergangenen sechs Monaten wieder gelungen, die angefallenen Schäden am Hause Waldgasse 25a-d fachgerecht zu eliminieren. Der Hof ist sauber, fast rein, (anbei schicke ich ihnen eine Bodenprobe von der Garageneinfahrt), die Mieter sind still, unauffällig und bescheiden, was ihre Rechte betrifft, auch Bettler, Hausierer, sowie Reklame, werden also auch weiterhin Fremdkörper im Hause Waldgasse 25a-d bleiben. Mit ergebenstem Gruß: Erwin Bocker, ihr Mann für alle Fälle Diesen äußerst knapp gehaltenen Bericht lasen die hohen Herren von der Hausgenossenschaft seit dreißig Jahren immer wieder gerne. In ihren Augen war das Haus Waldgasse 25a-d eines der gepflegtesten des Bestandes. Bocker genoß als gewissenhafter Hüter des Objektes höchstes Ansehen bei der Genossenschaft. Eines Tages, das Haus Talstraße 25a-d war vor drei Jahren eingestürzt, erhielt Bocker, der nun alleine im Keller hauste, einen Brief, der ihn zu Tränen rührte. Der Absender war kein geringerer als Herr Dr. Wilhelm Schleim, der Geschäftsführer der Genossenschaft: Verehrter Herr Bocker! Zu Ihrem vierzigjährigen Dienstjubiläum spricht Ihnen unsere Genossenschaft hiermit die allerherzlichsten Glückwünsche aus! Für Ihre großen Dienste um den Erhalt des Hauses Waldgasse 25a-d ehren wir Sie außerdem mit der goldenen Ehrennadel unserer Firma! Wir würden uns freuen, Ihnen die Nadel im Rahmen einer kleinen Feier am 25. Februar um 10 Uhr in ihrer Wohnung persönlich überreichen zu dürfen. Bitte halten Sie diesen Termin unbedingt frei. Hochachtungsvoll Dr. Schleim Bocker hatte noch nie in seinem Leben geweint. Jetzt weinte er. Er weinte sehr lange und ausgiebig. Bald stand er kniehoch in seinen eigenen Tränen, die gleich der Quelle eines gewaltigen Stromes ihre schicksalhafte Reise zu einem unbekannten Meer antraten. Bocker lag im Bett als er diese Zeilen las. Dieser Fluß mußte demnach wohl auch Bocker heißen, - es war ja schließlich sein Bett, in dem er sich zur Zeit befand. Nachdem sich der Fluß beruhigt und schließlich mit dem unbekannten Meer versöhnt hatte, wagte Bocker den Schritt zurück in die Realität. "Sollen sie nur kommen", dachte er bei sich, "ich habe noch sechs Wochen Zeit." Und die Männer von der Genossenschaft staunten in der Tat nicht schlecht, als sie dort anstatt eines Hauses einen wunderschön blühenden Wildgarten vorfanden. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |