DER KOFFERWas sich nicht alles so findet! In alten Koffern zum Beispiel. Bei mir auf dem Speicher steht, seit ich denken kann, ein verstaubter Koffer herum. Wem er gehört, kann ich nicht sagen. Ich weiß es leider nicht. Ob er von meinem Vormieter ist? Kann sein. Möglich ist aber auch, daß er dem Vormieter meines Vormieters gehört. Von meinem Nachmieter kann er nicht sein, nein nein, der wohnt ja noch nicht hier. Vielleicht gehört er ja auch meinem Vermieter, oder einer Mietpartei hier im Haus. Nun, das Haus ist groß. Hier wohnen fünfzehn Familien. Da kann es doch durchaus sein, daß der Koffer Eigentum einer dieser im Hause wohnenden Familien ist. Wir haben ja nur einen Speicher, oben unterm Dach. Fünfzehn Familien stellen ihre Sachen, die sie nicht mehr, oder nur selten brauchen, hier ab. Den Koffer braucht keiner mehr. Er fault still vor sich hin, einer ungewissen Zukunft entgegen. Dabei ist es ein sehr schöner Koffer. Er ist zwar alt, aber bezahlt, ha! Was drin ist, weiß auch keiner. Vielleicht ist er ja leer. Ein leerer Koffer auf dem Speicher eines Hauses, in dem fünfzehn Familien wohnen? Ausgeschlossen, nein nein, das kann nicht sein. Sie glauben gar nicht, was sich, mit den Jahren, bei mir so angesammelt hat. Alleine ich habe fünf Koffer auf dem Speicher stehen, prallgefüllte Koffer wohlgemerkt. Die Wenzels von Unten, eine zwölfköpfige Familie, -was glauben Sie, wieviele Koffer die auf dem Speicher deponiert haben. Ich habe mal versucht, sie zu zählen. Bei sechsunddreißig habe ich aufgehört, -warum zähle ich die Koffer meiner Nachbarn?, so ein Unsinn! Da kann doch wieder bloß der pure Neid dahinter stecken. Was soll das? Ich brauche mich, mit meinen Koffern, vor den Wenzels nicht zu verstecken, schließlich sind sie zu zwölft, und ich bin alleine, mit meinen fünf Koffern. Aber, dieser eine, verstaubte, seit Jahrzehnten unberührte Koffer, der hats mir irgendwie angetan. Ich weiß nicht, warum, ich kann es nicht sagen. Er hat irgendwie Ähnlichkeit mit einer Schatztruhe, oder bilde ich mir das nur ein. Wenn ich nur wüßte, was drin ist. Ein Öffnen des Koffers kommt für mich aber nicht in Frage. Dann wäre das Geheimnis um ihn ja gelüftet. Nein, das möchte ich nicht. Der Koffer darf sein Geheimnis nicht preisgeben, auf gar keinen Fall. Ich wäre totunglücklich, wenn jemand ihn öffnete. Drum laß ich ihn fein in seiner Ecke stehen, als letztes, ungelüftetes Geheimnis der Menschheit. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |