HARTE SCHALE, WEICHER KERN"Die Bedienung der Maschine ist ganz einfach", sagte der freundliche Verkäufer. Ich hatte zum Geburtstag eine Kokosnuß geschenkt bekommen, deren Schale so hart war, daß beim Versuch diese zu öffnen, selbst ein schwerer Vorschlaghammer geflissentlich seinen Geist aufgab. Auch dem diensthabenden Arbeiter der örtlichen Schrottpresse verging das Lachen von einer Sekunde auf die andere, als die Hydraulikschläuche seiner Maschine Dank des hartnäckigen Widerstandes meiner Kokosnuß reihenweise zerbarsten. So ging das nicht weiter. Es mußte unbedingt ein Fachmann her, bevor der Inhalt der Nuß verdorben war. Ehrliche Geschenke läßt man schließlich nicht verkommen. Im Internet stieß ich dann endlich auf die Seiten der Firma "Guntram Knack GMBH", die sich gleich auf der ersten Seite ihrer Homepage damit rühmte, faustgroße Löcher in diamantene Ohrringe bohren zu können, ohne daß diese am Ohr dann auffielen. Diese Maschinen konnte man auch mieten oder kaufen. Die Preise waren allerdings nur auf Anfrage zu erfahren. Da die Firma im weißrussischen Kiew angesiedelt war, beantragte ich zunächst ein Visum, auf dessen Ausstellung ich 6 Monate lang geduldig wartete und erreichte Kiew ein weiteres halbes Jahr später, nach zum Teil waghalsigen Fußmärschen durch die polnische Tundra. In der weisrussischen Steppe waren mir eine ganze Zeit lang die Wölfe auf den Fersen, ein Umstand, der wesentlich zur Verkürzung meiner Reisezeit beigetragen haben dürfte. "Wenn Sie auf diesen roten Knopf drücken", sagte der Verkäufer weiter, "dann öffnet sich der Mund des Gerätes. Die Zerstörungskraft wählen Sie bitte mit dem Regler unten rechts aus." Ich war verblüfft. Die Maschine war nicht größer als eine Kaffeemühle. Die große Selbstsicherheit im Auftreten meines Gegenübers bestärkte mich aber in der Hoffnung auf einen baldigen Schluck erfrischender Kokosmilch. Über die Geschehnisse an der Schrottpresse hüllte ich mich wohlweißlich in Schweigen. Diesen freundlichen Menschen durfte ich auf keinen Fall verunsichern, er war schließlich vom Fach. "Sie müssen aber aufpassen", fuhr der Verkäufer fort, "in der Stellung "MAXIMUM" zerstört sich die Maschine selbst. Auch die Reglerstellung "MINIMUM" ist nicht ganz unkritisch. In dieser Stellung neigt die Maschine zur Produktion von Nachwuchs. Mit ein bischen Glück könnten sie morgen vielleicht sogar schon drei oder vier Maschinen ihr Eigen nennen, und das, obwohl sie nur eine gekauft hätten." Wenn "geblöfft" die Steigerung von "verblüfft" ist, dann fühlte ich mich jetzt wenigstens so. "Ich bin "verblöfft", entgegnete ich, um ihn nicht unnötig zu kränken. Noch war ja nichts unter Beweis gestellt. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |