DER LITERATURKRITIKER



Mord Über Literatur läßt sich streiten. Was für den Einen Schund ist, mag für den Anderen geradezu Nobelpreisverdächtig erscheinen, was flach und öde klingt, kann also auch hoch und reich sein. Ganz wie mans nimmt. Literatur läßt sich eben nicht mit dem Zollstock messen. Dichtungen wie diese, erst recht nicht. Ok, Zeile 4, Spalte 54, das lasse ich noch gelten.
Moderne Literatur ist oft reine Schreibleistung. Inhalte fehlen ganz oder sind teilweise nur bruchstückhaft vorhanden. Es soll einen Dichter gegeben haben, der eine ganze Enzyklopädie über einen einzigen Schritt eines Menschen verfasste, den dieser am 26ten November 1978 um 3:57 Uhr, auf dem Gehweg vor der Bonner Hauptpost fast unbemerkt tätigte. Derartige Schreibleistung setzt eine gesteigerte Sensibilität für den Moment voraus. Die Fähigkeit, Denkleistung auf zwei Sätze zu reduzieren, um diese dann wie einen Kaugummi durch 1200 Seiten im Ledereinband zu ziehen, zeichnet die moderne Literatur seit jeher besonders aus.
Frech und ketzerisch kommt sie daher, im Gewande der Minimierung geistiger Inhalte, fast beschränkt auf das unbewältigte Sein, den Augenblick.


Zitat:

Der Kronkorken:
Warum bin ich ein Kronkorken?

Die Flasche:
Weil du ein Kronkorken bist.
Warum bin ich eine Flasche?

Der Kronkorken:
Weil du eine Flasche bist.

(Zitat Ende)


Politische Reden sind oft ähnlich strukturiert, wenngleich hierbei die Entschlüsselung der Reduzierung ungleich schwieriger ist, als im zuoberst Zitierten. Die politische Rede bedarf zunächst eines politischen Redners, dem mimisches Talent mit in die Wiege gelegt worden sein muß, weiterhin bedarf die politische Rede einer Stimme, die glaubwürdig schimpfen kann, während die Hände grundsätzlich mit brachialer Gewalt auf dem Rednerpult aufschlagen sollten, ohne daß der Redner Anzeichen von Schmerzen zeigt, welche er doch so offensichtlich hegt. Ich habe Redner gesehen, die das Pult mit der flachen Hand in den Erdboden trieben, während sie, so totsicher, Meinungsbildend, agierten. Ich habe welche gesehen, die ihr Pult krampfhaft umklammerten, während ihnen fast die Tränen kamen. Manchmal schrieben Finger belehrende Kreise in die Luft, deren Radius sich bis heute nicht berechnen läßt. Oft versuchten mich hilflose Augen bevormundend anzuschauen. Und obwohl ihr Blick mich eigentlich tief hätte treffen müssen, sah ich grundsätzlich daran vorbei. Natürlich ahnte ich etwas, natürlich versuchte ich nach bestem Gewissen verzweifelt eine Relativierung des "Gesehenen" herbeizuführen, was mir allerdings nur auf Kosten meiner Lebendigkeit gelang. Ich habe Zuhörer gesehen, die verschreckt aus ihren Sitzen sprangen, die sich empörten, die den Redner anschrieen. Ich habe welche gesehen, die einfach aufstanden und den Saal traurig verließen. Es gab auch welche, die laut Beifall klatschten. Ich habe mich immer gewundert, wie solche Reaktionen möglich sein konnten.
Politische Reden bedürfen außerdem eines Verfassers. Wer glaubt, daß der Redner gleichzeitig auch Verfasser seiner Rede ist, hat sich bestimmt schon oft täuschen lassen. Wer nun meint, der Verfasser sei es, der die Politik bestimme, dem kann ich nur sagen, daß der Verfasser die Rede diktiert bekommt.
Sind es dann vielleicht die Diktatoren, die unsere Politik bestimmen?
Nein, es ist das Volk, das die Politik bestimmt. Das Volk schreibt diese Reden, wenn es auch selbst nichts davon weiß. Das Volk braucht einen starken Mann. Das Volk ist arm, es krankt an der Seele, fühlt sich eingesperrt, fühlt sich gekränkt. Es ist so hilflos, geblendet, spielt nur den starken Mann, lechtzt nach Freiheit und läßt sich im selben Atemzug die Hände binden.
Komisch, dieser seltsame Drang nach dieser seltsamen Freiheit, die gar keine ist. Nicht die Freiheit scheint wichtig zu sein, sondern der Schrei, das sich Aufbäumen, das verzweifelte greifen-Wollen nach der Freiheit. Das "nicht sehen wollen" (oder können) macht sie oft unmöglich.
Nicht ein Gott kann uns retten, sondern nur wir selbst!
Wenn wir schon nicht frei sind, dann wollen wir wenigstens von der Unfreiheit schreiben. Was haben wir nur verbrochen, daß wir Philosophen werden mußten? Beobachter des Lebens, Seismographen der Seele. Bis tief ins Mark erschüttert kämpfen wir für eine befreite Welt. Unser edeler Trotz macht uns bei den Damen beliebt. Der "Kannst du mich retten"- Blick, bewirkt oft das Wunder heftigster Zuneigung. Wir Proffessoren der Seele, wir Tiefblicker, schmiegen uns, in unserer frühkindlichen Abhängigkeit, sehr gerne an. Aber nie so ganz. Eine Möglichkeit zum Weglaufen halten wir uns immer offen. Zu bekannt ist uns das Gefühl des Ausgeliefertseins, als daß wir es noch als solches wahrnehmen. Es ist zum Selbstverständnis unseres Seins geworden und erfüllt uns mit Mißtrauen. So kann man keinen Menschen wirklich lieb gewinnen, geschweige denn das Leben. Dadurch, daß wir gelernt haben, die Gedanken den Gefühlen weit vorauseilen zu lassen, ist es uns möglich, unsere Gefühle in Schach zu halten. Das befähigt uns, Gefühle regelrecht zu betrachten, gerade so, als gehörten sie gar nicht zu uns, als wären sie ein Ding, das sich analysieren ließe.
Wenn Schmerzen nicht wehtun können, dann kann auch Freude nicht guttun. Logisch.
Die Abwesenheit von Gefühl kann in Krisengebieten oder am Seziertisch bisweilen von Vorteil sein, führt im öffentlichen wie im privaten Leben aber oft zu Totschlag, Mord, Schriftstellerei, oder anderen schrecklichen Verbrechen, Taten, die nur allzu deutlich veranschaulichen, was die Abwesenheit von Gefühl bewirken kann.

Gut, reden wir von mir:
Ich habe mir meine Unfreiheit weder aussuchen können, noch habe ich sie mir erkauft. Ich glühe vor Mordlust, (endlich mal). Ich wuchs in einer unfreien Welt auf. Meine Eltern sind als Kinder auch in dieses seelische Trudeln von Macht und Ohnmacht geraten, diesen geistigen Nebel, der ihre Identität schon früh auseinanderriß. Mutter flüchtete sich in ihre psychotischen Anfälle und Vater in die Position des Mächtigen. So stellt sich eine alle dem Anschein nach wohlbehütete Kindheit in der Regel der Öffentlichkeit dar.
(Nachdem der Vater gestorben war, lebte die Mutter auf. Das lag natürlich nicht ganz am Vater. Sie hätte ja auch aufleben können, als er noch lebte, nur traute sie es sich nicht.) Seit frühester Zeit jedoch, denke ich darüber nach, was ich wohl falsch gemacht haben könnte im Leben, für das ich mich bestrafe, als hätte ich es nur gestohlen.
Demnach halte ich mich für einen diebischen Menschen, - noch diebisch, wenn er am Abend ins Bett geht, und schon wieder diebisch, bevor er am Morgen die Augen geöffnet hat, immer und zu jeder Zeit eine kleine List gegen sich selbst parat, die eigentlich einem Anderen gilt , und die sehr wohl geeignet scheint, einem den Tag gründlich zu versauen, weil man sich ernsthaft fragt, warum man diesen Unsinn noch derart vertritt, als gäbe es nichts Anderes.
Es ist mir, als schöbe ich mein erstes Lebensjahr vor, die Welt zu sein.


Mag sein, und ich vermute, daß es im Grunde fast jedem so ist. Es kommt halt auf die Qualität der Erfahrung an. Subjektivität ist gefragt, Offenheit, HA HA!! Ich lache halt nur, weil ich eigentlich weinen möchte.

(Für Rio Reiser)


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