DIE LEICHE UND DAS LEBEN

eine blühende Konversation


Die Leiche:
Es ist vollbracht! Ich bin gestorben, amtlich gestorben, so wahr mir Gott nicht mehr helfen konnte. Ich sank darnieder und war tot, auf der Stelle. Nichts kümmert mich mehr, als daß ich hier so sinnentleert herumliege. Die Gedanken fressen sich wie Maden durch mein Gehirn, meine Hose rutscht verwesungsbedingt von Tag zu Tag ein wenig mehr, und die viel zu eng gebundende letzte Krawatte würgt ungemein.
Ich danke Gott auf Händen und Füßen dafür, daß mir die Etikette nun egal sein kann, -so denken zumindest herkömmliche Leichen. Daß man mir sämtliche Glieder brach, damit ich störrischer Esel nun endlich in den billigen Sarg aus Spanfasern paßte, mag ich den Bestattern noch verzeihen. Die Art, mich in einem Leichenschauhaus der Öffentlichkeit preiszugeben, hat mich allerdings zutiefst schockiert. Ich sah ja aus wie das blühende Leben! Rote Wangen, blaue Lippen, süßer Mund! Man hatte mich schön gemacht für das Fest meiner Beerdigung, aber die rutschende Hose sah keiner.
Schade, daß man nur einmal stirbt. Bei einem zweiten Tode würde ich mit Sicherheit Einfluß auf das Ritual genommen haben.

Das Leben:
Ich bin die Sonne und das Licht, ich bin die Natur und kenne den Tag, den man nie vor dem Abend loben sollte. Ich bin das Leben und darum bin ich weise, weil ich das Leben bin.

Das ewige Leben:
Ihr kotzt mich alle an mit eueren tiefsinnigen Gedanken. Vor lauter Toten seht ihr nicht mal das Leben, geschweige denn mich.

Das noch ewigere Leben:
Ich kann über all diese Dinge nur lachen. Dies tue ich herzhaft und ohne jede Scham. Wer lebt, wird sterben; keine Frage.

Die Leiche:
Das haben Sie aber klug sinniert. Nun bin ich tot, und was ist jetzt?

Das ewige Leben:
Ihre Weiterverwertung wird natürlich streng kontrolliert. Im Extremfall landen Sie, als Brühwürfel für eine exotische Suppenfabrik, mitunter hohe Einschaltquoten im privaten Werbefernsehen.

Das noch ewigere Leben:
Des Pudels Kern zu treffen, hat noch kaum je einem Menschen davon Kunde getan, wie verschieden das Leben eigentlich sein kann.

Die Leiche:
Scheiden muß nicht unbedingt weh tun. Oft ist man froh, wenn quälende Geister sich für immer verabschieden, aber eigentlich meint man das nur für sich selbst. Ich bin ja schließlich auch nicht von gestern...

Der Tod:
Halt! Ich bin sehr froh, daß Sie mich zu Wort lassen, schließlich bin ich die Ursache allen Übels.

Die Leiche:
Du bist ein sehr stummer Vertreter. Wir Leichen kommen über dich kaum hinaus.

Das ewige Leben:
Hauptsache der Glaube an mich versetzt Berge. Wer sich im Leben übel fühlt, sollte mir schnell folgen, um mögliche Nachteile zu vermeiden.

Der Tod:
Nein Gevatter Ewigkeit! Mir zu folgen, erscheint mir als die sinnvollste aller Lösungen, zumal es nur diese eine gibt. Tot ist schließlich tot. Vor - und Nachteile sind somit ausgeschlossen und zwar völlig.

Die Leiche: (ungeduldig)
Und was, und was ist nun nach dem Tod?

Das ewige Leben: (Zitat)
Und der Herr sprach: "Ihr seid der Scheffel und das Licht! Von Würmern zerfressen zu sein, ist heute keine Schande mehr. So stehet denn auf, zersprengt den Deckel eueres Sarges und grabt euch heran an die Oberflächlichkeit des modernen Seins! Lasst euch nur treiben von Termin zu Termin, und verliert um Himmelswillen nicht den Glauben an euere ungeheuere Wichtigkeit!"

Das noch ewigere Leben:
Hopp hopp!

Die Leiche:
Aber, ich liebe ein Mädchen!

Das ewige Leben:
Liebende sollten besser tief unten im Grab verscharrt bleiben. Das erspart einem den Stress des Alltags, und vor allen Dingen ist man jederzeit erreichbar für sein "Liebelein".

Das Mädchen:
Wie aber soll ich zu ihm gelangen? Ich kaufte mir eine Schüppe und begann zu graben. Ich war etwa einen Meter tief vorgedrungen, als mich zwei Mitarbeiter des Friedhofamtes beherzt aus dem Loch zogen.

Der Tod:
Wahre Liebe geht tief, - aber da versteh ich nichts von.

Die Leiche:
Du hättest dich nur durchsetzen müssen! Wir waren weniger als einen halben Meter voneinander entfernt! Gern hätte ich dir all meine Würmer gezeigt, die allesamt, namentlich erwähnt, in mir herumkriechen.

Das Mädchen:
Die Liebe ist allumfassend! Was kümmern mich da deine Würmer!

Die Leiche:
Ich merke schon, du liebst mich nicht, - läßt sich von zwei dämlichen Forstbeamten davon abhalten, mir zu begegnen!, - puh!

Eine Leiche aus der Nachbarschaft:
Ich habe für meine Totenruhe teuer bezahlt! Jahrzehnte lang bewunderte ich als lebendiges Wesen stolz meine Gruft, in welcher ich nun, ohne große Worte zu verlieren, hinabgestiegen bin. Die meisten Versprechen, für die ich im Leben viel Geld bezahlt hatte, erfüllten sich allerings nicht. Man versprach RUHE und ABGESCHIEDENHEIT. aber ich glaube, man hatte sich da versprochen. Stattdessen warf man mich in eine Art Reihengrab an einer vielbefahrenen Verkehrsstraße gelegen, wodurch ich früh erweckt werde und erst spät wieder einschlafe.

Noch eine Leiche (rechts von der Gruft):
Ich bin schon mit 18 gestorben und habe noch viel auf der "Tasche". Leider musste ich, nach einem Verkehrsunfall mein Leben lassen. Ein schöner Grund hier nun zu liegen, ohne Wasser und Brot.

Das Mädchen:
Oh Liebster, mein Liebster! Warum starbest du! Wer bügelt dir nun die Wäsche, wer hilft dir nun haushalten in diesem Loch? Du wirst mir nicht doch nicht ganz und gar verkommen?

Die Leiche:
Spar dir deine Träne auf für bessere Zeiten mein Kind, denn die wird es sobald nicht mehr geben. Hier, ich schenke dir eine Made als Zeichen meiner irdischen Verbundenheit.

Das ewige Leben:
Und der Tag wird kommen, da es sich der wolkenverhangene Himmel überlegt, endlich aufzureißen. Das gleißende Licht einer sprühenden Sonne wird sich über die Erde ergießen, aus denen Kinder wie Blumen hervorsprießen werden. Und die Kinder werden heranwachsen, sich zu wahren Lebemännern, bzw. Frauen entwickeln, und so wird es weitergehen bis ans Ende aller Tage.

Der Tod:
Aber diese Kinder müssen doch irgendwann auch einmal sterben. So gesehen lohnte sich das Leben eigentlich nicht.

Die Leiche:
Mich interessiert das alles nicht mehr.

Das ewige Leben:
Und man wird Brücken schlagen kreuz und quer durch die Welt. So wird man sich finden, egal wo man ist auf diesem Scheiß Planeten.

Das Mädchen:
Ich glaub, ich muß kotzen.

Die Leiche:
Kotzen ist gut für die Umwelt. Einen besseren Dung gibt es kaum.

Der Tod:
Ich habe noch nie gekotzt, - warum ich reden kann ist sowieso ein ungeklärtes Rätsel der Natur.

Ein zufällig herbeigeeilter Herzschrittmacher,
(der allerdings auch nichts mehr ausrichten konnte):
Sie bringen mich mit Ihrer Diskussion ganz aus dem Takt. Manchmal, wenn ich meine, es hat keinen Zweck mehr mit meinem Probanden, stelle ich den Betrieb vorläufig ein. Von nachläufigen Ausfällen ist mir allerdings nichts bekannt, - um so besser.

Das Mädchen:
Herr, unser Gott!, wen hast du da geboren!

Die Leiche:
Ich war ein kritischer Mensch. Stets alle Regeln beachtend, fuhr ich wie eine Dampfwalze durch die Welt und stach potentielle Gegner sofort nieder.

Das Mädchen:
Und?, ehrte dich dein Verhalten?

Die Leiche:
Das Verhalten der Welt ehrte mich sehr, solange ich im Stande war, der "Herr" zu bleiben. Nun suche ich den Herrn "neben mir" und finde bloß Fratzen, die mich nur noch herrischer machen. Ich komme mir so elend vor mit all meiner Weisheit und all meinem Wissen, das ich tief mit ins Grab nahm!



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