ERNST KOCH AUF REISEN

Der Koffer



Koch war kein Unmensch. Er war ein Mensch von der Sorte, die nicht wirklich NEIN sagen können.
Das sind diese zumeist etwas verzettelten Typen, denen die Kollör ihres Wagens wichtiger ist, als die Kollör der Lippen ihrer Frauen.
Sie sehen sich auch gerne als Vertreter einer geduldeten Opposition, die notwendig im Geschlecht begründet liegt.
Bremsbacken waren ihm beispielsweise wichtiger als Arschbacken. Im Grunde aber war er todunglücklich wie viele seiner Artgenossen auch.
Diesen Umstand versuchte er durch regelmäßige Einnahme von Anabolika zu kompensieren.
An Wochenenden besuchte er neuerdings lieber Lachgaspartys, nachdem ein guter Freund während einer Propangasparty aus heiterem Himmel explodiert war.
Man sagt, er hätte damals kurz vor dem Inhalieren einen Feuersalamander verschluckt.
Koch galt im Bekanntenkreis als Choleriker, dessen Unfähigkeit zur Abgrenzung ihn schon früh in die Sucht trieb.
Bereits mit 4 trug er seinen Maulkorb mit dem Stolz eines blutrünstigen Rottweilers.
Die Sehnsucht nach dem Leben geriet für ihn zum Desaster. Wo immer man ihn auch sah, sah man ihn aufbegehren, im Kaufhaus, im Park wie im Freudenhaus. Irgendetwas störte ihn immer, auf das er, für alle sichtbar, energisch mit dem Finger zeigte. Selbst noch im Traum strampelte er oft wild mit den Beinen und schrie wie am Spieß nach dem Nuckel, den man ihm gerne ins zahnlose Mündchen stopfte, in der Hoffnung, er möge nun endlich still sein.
Wirklich kritisch sein, sah man ihn indes nie...
Egal, in welchen Kreisen er auch ver-kehrte, überall fühlte er sich angekettet wie am Ursprung seines Lebens. Wen er auch traf, sofort begann er seinen Kampf um die Befreiung aus dem Joch der Unterdrückung, dabei unterdrückte man ihn gar nicht mehr. Im Gegenteil! Sie drückten ihn!
Das warf natürlich noch mehr Fragen in ihm auf.
Koch wähnte sich seit er denken konnte als Akteur eines Drahtseilaktes hoch oben über den Dächern einer unheimlichen Stadt.
Zur Linken wehte die Fahne der Freiheit, zur Rechten loderte drohend das Feuer der Hölle und ganz hinten, am anderen Ende des Seiles stand seine Liebste eher etwas zögernd herum.
Warum nur so schwer? Warum? Oh Liebelein! Siehst du nicht, wie ich mich über diesen Abgrund quälen muß!? Ist er das, dieser heimtückische Weg zu dir, den ihr so schön und unkompliziert Ziel nennt?
Niemals kann er das sein, denn es ist dein ureigenes Labyrinth, in das du mich, den Ahnungslosen hineingestürzt hast! Muß ja schon, denn am Anfang ist jeder noch er selbst.
Das Leben ist ein Drahtseilakt auf dem Weg zur nie gehabten Symbiose und so gesehen ein Irrweg. Aber wir gehen ihn gerne, weil alle ihn gehen. Da ist der Untergrund wenigstens fest. Man fällt halt weniger hin und schont die Sohle. Das spart Zeit und vor Allem Geld.
Da steigt halt manchmal etwas auf in mir, so etwas wie die letzte Kraft der Galle, wenngleich ich sie noch nie gespürt habe. Ein Aufbäumen, ein schreien wollen! Ein langsames Ersticken jedweden Gefühls mit der anschließenden Bitte um Ermordung. Das ist schlimmer wie der Tod im Reisfeld von Peter Scholl Latour, auch so ein Buch mit sieben Siegeln. Ich war ja schließlich nie im Krieg.
Woher sollte ich also wissen, was es heißt, einen Menschen zu ermorden. Man müßte es, bei Gott, schon selber tun.
Verflucht!, was hab ich nur gedacht, mein liebes Liebelein. Bitte verzeih! Ich könnte dir nicht die Fliege zuleide tun!
Und jetzt: Trink das, du Luder! Es wird ein schöner Tot durch Tabletten sein. Du schläfst plötzlich ein und wachst nie wieder auf wie die Maus in der Falle. Ein herrlicher Tod. Kurz und schmerzlos. Du hast dir die ewige Ruhe redlich verdient!
Warum schickst du mich bitte auf dieses Seil, während du im selben Atemzug deine Liebe zu mir beteuerst? Das kann doch nicht auf Gegenseitigkeit beruhen! Warum muß ich wortlos durch das Feuer gehen, warum mir das Fell versengen wie ein streunender Kater, der zufällig unter das Gehölz des Martinsfeuers geraten ist?
zeitlebens stand ich vor der Wahl:
Die Freiheit
Die Hölle
oder die Überwindung der Durststrecke
Sind wir hier im Hexenwald?!
Bitte sag, daß es nicht wahr ist, was ich hier für dich empfinde, denn so kann ich unmöglich bestehen. Welch kühle Distanz uns doch trennt in diesem fruchtbaren Land der eingefrorenen Schmerzen.
Schon halb verwirrt entschwand ich deinem Bauch
Ich habe mich für dich dann schließlich ganz verzehrt
zurück blieben nur die Knochen, die in Ermangelung eines Magens auch kaum zu verdauen gewesen wären
da habt ihr dann Mehl draus gemacht
Ich bin jetzt stolzer Inhalt einer Schütte und stehe, wenn Gott will, bei euch im Schrank
Es war ein Wagnis sondersgleichen
eine Reise durch die lodernde Glut der gutbürgerlichen Hölle!
METT-WURST, rot weiß!
Welche Wahl hatte ich denn?
Mich fröstelt so in deinen Armen.
Wie quält doch der Schrei eines Säuglings die verunsicherte Mutter! Für sie ist es das Gebrüll eines hungrigen Löwen, der sie fressen möchte und nicht der ungestillte Hunger eines Kindes nach Nähe.
Er nahm, was er bekommen konnte. Am Anfang die Flasche, am Ende die Flasche. Mitunter lutschte er begierig das Blei aus den Stiften, mit denen er malte oder schrieb.
Sein Herz war, nach eigenem Bekunden, bis zur Hälfte schwarz.



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