VERLOCKUNG



Die Verlockung ist groß. Als rechtmäßig verurteilter Mörder, fiel mir, warum und woher auch immer, eine vergilbte Zeitung, datiert vom 16.2.1957 in die Hände. Da ich seit 150 Jahren inhaftiert bin und man mich außerdem zu 12 mal lebenslänglich mit anschließender Sicherheitsverwahrung im geschlossenen Sarg verknackt hat, ist die Hoffnung auf ein Leben in Freiheit natürlich verschwindend gering. Es kann im Angesicht dieser Tatsachen nicht verwundern, wenn man sich in jeden noch so kleinen Strohhalm förmlich verbeißt. Gesetzt den Fall, man kommt an Informationen aus der freien Welt heran, egal, aus welcher Zeit diese auch stammen mögen, so ist es doch immer noch besser, tag täglich, diesen 16.2.57 nachzuerleben, als gegen die Zellendecke zu starren, und letztendlich ganz zu verkommen.

Der 16.2.57 ist kein schöner Tag. Wirbelnde Winde zausen zart die Blüten des Wachholder, so heißt es zumindest im Fölletong. Jeden Morgen treffe ich auch auf das Kochrezept einer gewissen Irmtraud Schmitz, deren Kohlrouladen im Lokalteil mitunter mal herrlich duften, mal erste Anzeichen derber Fäulnis in mir hervorrufen. In der "POLITISCHEN UMSCHAU" spricht man, dem Naturell der Witterung gemäß, von einem kalten Krieg, und über den "WITZ DES TAGES" weine ich oft.

Gerne suche ich auch Trost bei meiner allmorgendlichen Lektüre dieses vergilbten Blattes. Der Kindesmörder Herbert Z. ist noch immer auf der Flucht. - ich drücke ihm, als Kollege, täglich die Daumen. Eine Haft wie diese ist schließlich kein Zuckerschlecken.

Freigang lehne ich allerdings strikt ab.



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