MÄRCHEN

(eine wahre Geschichte)

Der Hexenwald In einem gar sehr düsteren Walde - was stand da?- Klar, eine vermoderte Holzhütte. Und wer hauste da? - Klar, eine alte, verschrumpelte Hexe, die wie könnte es auch anders sein, natürlich nichts anderes im Sinn hatte als kleine, wehrlose Kinder in ihren Kochtopf zu stecken. Eine schwarze Katze durfte selbstverständlich auch nicht fehlen und ein Besen, ein Besen! Jetzt saß da also die alte, böse, verschrumpelte Kochtopfhexe auf einem hinkelsteinartigen Gebilde, nur nicht so spitz ,in Gestalt eines armen pilzesuchenden Mädels und wartete gespannt auf neue Opfer.

Aha!, Holla! - da kamen auch schon zwei völlig ahnungslose Rotzgören angewatschelt! Die alte Hexe, das unschuldige Mädel, weinte bitterlich. Das machte natürlich Eindruck auf die Rotzgören, - schon kletterten sie den Stein hinauf und fragten, was das Mädchen denn so bedrücke. Das arme Mädchen konnte nicht lügen, - es mußte ihnen die ganze Wahrheit, ihr Schicksal, offen ausbreiten! Was sie das überhaupt anginge, sagte das Mädchen, - da könne ja schließlich jeder kommen und nachfragen was man hätte, und außerdem hätte man nichts mehr, alles sei verloren, die Pilze, die Hütte und der unterste Knopf an der Bluse, das sei dann schon die ganze Taktik...ääh Tragik. Außerdem sollten sich die Kindlein zum Teufel scheren, denn hier in diesem düsteren Märchenwald triebe sich eine böse Hexe in Gestalt eines armen, Pilze suchenden Mädels herum, ganz so wie sie, ganz so wie sie.
Da mußten sich die Kindlein aber tief ins Gesicht schauen! Eine echte Hexe gab es hier also, und ganz so wie sie sah sie aus. Auch bekamen es die Kindlein mit der Angst zu tun und fragten das Mädel, ob es ihnen die Hexe nicht vielleicht einmal zeigen könne.
Außgeschlossen!, brüllte das zarte Geschöpf daraufhin, daß die Zapfen reihenweise von den Tannen fielen. Die Kindlein machten große Gluppschaugen als sie das sahen. Sie glaubten noch an Wunder, und hier hatte jetzt gerade eben eines stattgefunden, da waren sie sich ganz sicher. Das Mädel mußte von Gott geschickt worden sein! Einen Engel hatten sie also vor sich, am Ende gar den Erlöser der Neuzeit! - mein Gott , war das aufregend! Die kleinen, unschuldigen Kinderherzchen wackelten aufgebracht in ihren Rippenkäfigen. Die Kindlein hatten mitunter den Eindruck,daß die unschuldigen Herzen sich schon an ihren Rippchen zu schaffen machten. Diese Vermutung bestätigte sich aber nicht, so daß die beiden wieder Hoffnung schöpften, die Hexe doch noch sehen zu können.

Ach liebes allerliebstes Mütterlein! - wir wissen nun, daß du von Gott geschickt bist, denn mit Staunen haben wir dein Wunder betrachtet! Du ließest die Zapfen von den Tannen fallen! - wie gütig mußt du sein,wie gütig! Bitte bitte, liebes, allerliebstes Mütterlein, so tue deiner Güte keinen Bruch! Bitte zeige uns doch die Hexe! Wie schrecklich wäre es für uns, eine faule Stelle deines Charakters bemäkeln zu müssen!

Das klappt ja ausgezeichnet,dachte die Hexe und rieb sich die Hände weil es so kalt war. Oh, wie recht ihr doch habt ihr lieben Kindlein! Ich bin eine Abgesandte des heiligen Petrus und zur Erde hinabgestiegen, den göttlichen PH-Wert des nahegelegenen Weihers zu ermitteln, ja ja. Ihr habt schon recht,eine echte Abgesandte des heiligen Petrus ist vor Güte kaum lebensfähig. Als kommt denn, folgt mir, ich will euch nun zur alten Hexenhütte führen. Besonders der Kochtopf dürfte euch interessieren, wo das Wasser doch schon siedet! Ha ha!, lachten da die Kindlein und waren gespannt, was auf sie zukäme.
Und wie sie durch den Wald marschierten, da fiel den beiden auf, daß die Eichhörnchen sich ängstlich versteckten, die Wildschweine und Rehe wild durcheinander liefen und einige Tannen und Sträucher sich in Windeseile entwurzelten und das Weite suchten.
Die Tiere kennen mich,beruhigte die Alte ihre ein wenig verwundert dreinschauende Mahlzeit, - sie begreifen die Autorität des Schöpfers nicht. Eigentlich seltsam, wo der Herr doch auch sie geschaffen hat. Vermutlich sind die Tiere des Waldes allesamt Heiden, nicht wahr meine Kindlein? Da durchströmte die Kindlein ein tiefer Friede und Glück und neue Kräfte taten sich ihnen, ganz wie von Automatenhand geschaffen auf. Oh Mütterlein, wie können wir es dir jemals danken!, piepsten die Kindlein und sangen und frohlockten, daß es kaum anzuhören war.
Kinder, oh ihr meine Kinder!, grölte die Hexe, - so tuet den Buße zum Dank, denn es ist, wahrlich, höchste Zeit. Die Kindlein knieten sich auf dem vermatschten Waldweg nieder und flehten und erbaten sich Gnade beim Herrn. So ists recht, grunzte die Hexe - aber jetzt müssen wir weiter, ich habe Kohldampf wie ein Scheunendrescher.
Was gibt es denn leckeres bei der Hexe zu essen?, fragten die Kinder. Ähh...es gibt Erdbären in Fliegenpilzsoße, rettete sich die Hexe. Das hört sich aber lecker an, sangen die beiden da im Chor.

Nach einer Weile erreichten sie die Hütte, ein moderner Fertigbungalow von Neckermann, mit Garage, Einbauküche, Videorecorder, und allem, was sonst noch so dazugehört. Die Kinder waren enttäuscht: Das ist ja wie bei uns zu Hause!, riefen sie, - und hier soll die Hexe wohnen?! Doch doch, sagte die Hexe, sie wohnt hier. Hexen gehen auch mit der Zeit, sie ist auch hier im Wald nicht stehengeblieben wie ihr seht. Und kaum hatte sie diesen Satz ausgesprochen, da packte sie die beiden beim Wickel und tat, was man lieber nicht beschreibt.



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