MAROK



Es war Nacht, tiefe Nacht. Der Nebel lag dicht über den Feldern. Ein fahles Mondlicht färbte ihn gelb. Zwei Hunde bellten, zuerst der eine, dann der andere, dann antwortete wieder der eine dem anderen. Es war, als telefonierten sie miteinander, ganz ohne Leitung und ohne aufwendige Satellitentechnik. In der Natur war das noch möglich - ein schöner Gedanke.
Zwei Fledermäuse umschwirrten meinen Kopf - ich ging im Wald spazieren. Ich hatte schlecht geträumt und mußte mal raus an die frische Luft, auf das die Gedanken sich wieder ordneten.

Die Tiere des Waldes säumten den Weg und winkten mir zu. Es war auch ein entlaufener Löwe dabei, der hier im Wald eine Siamkatze geehelicht hatte, die auch von zu Hause weggelaufen war. Sie lebten glücklich und in zäher Eintracht auf einem alten Hochstand, den die Förster so gut getarnt hatten, daß sie ihn nicht wiederfanden.
Prompt wurde ich von dem Löwen zum Kaffee eingeladen. Die Siamkatze mochte mich aber nicht leiden. Sie fauchte auf und verdrehte die Augen, als sie Kaffee für mich aufschüttete. Sie tat es mit spürbarem Widerwillen und verbrannte sich deswegen auch gründlich die Pfoten an dem heißen Gesöff. Der Löwe entschuldigte sich unten an der Treppe nachdrücklich für das taktlose Verhalten seiner Gattin mir gegenüber. Er lud mich für nächste Woche Löwenjoker Dienstag zum Skat ein. Ich konnte unmöglich absagen, zumal der Löwe mir noch ein halbes Rind für die Tiefkühltruhe in die Hand gedrückt hatte.

Wir trafen uns an einem kleinen Teich, der von vielen Skatbegeisterten Fröschen bewohnt wurde, die allesamt Zigarre rauchten und Unmengen Schnaps tranken. Manche aßen auch Kaulquappen, die, wie Erdnüsse, in einem Schälchen serviert wurden. Es war ein großer, runder Eichentisch an dem man sich zur Skatrunde zusammenfand. Den hatten die Tiere, auf Anraten des Löwen und einer einflußreichen Hirschkuh, von einem Bauernhof gestohlen. Als Stühle fanden Strohballen, Holzscheite und aufgestapelte Rinderknochen eine phantasievolle Zweckentfremdung. Nur kleine Tiere, wie Frösche, Ameisen oder Feldmäuse, durften auch direkt auf der Tischplatte Platz nehmen.
Auch die Waldküche bot die ganze Palette der heimischen Speisen feil; die Speisekarte pries Gerichte wie Wildbeerenkompott, Ameisenkaltschale, Würmer de la saison oder Tierkadaver a la carte, fast selbstverständlich an; Delikatessen, die man in einem deutschen Spielkasino nur suchen kann.

Es war ein langer, schöner Abend, obwohl auf Teufel komm raus geschummelt wurde. Erwartungsgemäß gewann immer der Löwe. Nur einmal durfte auch eine Waldameise gewinnen, als Tarnung, damit der Schwindel nicht aufflog.
Ein Förster, der vor einigen Monaten zu der illustren Gesellschaft gefunden hatte, verlor an diesem Abend Haus und Hof. Zwölf Frösche wurden das Opfer mitspielender Klapperstörche, und gleich zehntausend Waldameisen wurden von einem einzigen Bären, nach und nach aber zügig, aus dem Spiel genommen.

Ich gewann aufschlußreiche Erkenntnisse über das Geschehen in der freien Wildbahn und konnte somit gleichzeitig einige Geheimnisse der Natur enträtseln. Ich schreibe das hier nieder, im Dienste der Forschung und Wissenschaft, so wahr ich hier stehe.



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