MOMENTAUFNAHMEEs geschieht viel auf dieser Welt. Mir glitt am zweiten Mai des Jahres 1998 beispielsweise eine Kaffeetasse aus der Hand, während in China in der Tat ein Sack Reis umfiel. Die Tasse zerschellte am Boden, den Sack brauchte man bloß wieder aufzurichten. Just des Momentes da die Kaffetasse zerbrach, der Sack umstürzte, brach in Italien der Vesuv aus, derweil die Familie Miller in Neuseeland ahnungslos ihren Kindergeburtstag feierte. Obwohl während dieses Momentes auch eine Boeing747 an einem andalusischen Berghang zerschellte, gebar eine Frau Hartmann in einem Düsseldorfer Krankenhaus zeitgleich ein gesundes Kind, während eine Etage darunter gerade ein alter Mann gestorben war. Just des Momentes da die Kaffeetasse zerbrach, der Sack umstürzte, der Vesuv ausbrach, der Kindergeburtstag gefeiert wurde, die Boeing zerschellte, Frau Hartmann ein gesundes Kind zur Welt brachte, ein alter Mann starb, lachte David Halsted in London beim Morgentee herzhaft über einen Witz in der TIMES, - eine Schelte auf den Spießbürger, - den seine Frau allerdings makaber fand. Die Glocken des BIG BEN schlugen an. 10 Uhr. Die Glocken Europas schlugen an. 11 Uhr. Die Glocken der Welt schlugen an. 11 Uhr, 7 Uhr, 1 Uhr, 4 Uhr 30 ... Die Welt wurde von Glockenschlägen förmlich erschüttert. Die Flora stellte ihr Wachstum kurzfristig ein, Höhlentiere verkrochen sich ins schutzbietende Nest, und Kinder lutschten an einem Eis. In den Alpen schneite es, während in der südkalifornischen Wüste ein entlaufener Tourist sich den Schnee sehnsüchtig herbeiwünschte. Just des Momentes also, da die Kaffeetasse zerbrach, der Sack umstürzte, der Vesuv ausbrach, der Kindergeburtstag gefeiert wurde, die Boeing zerschellte, Frau Hartmann ein gesundes Kind zur Welt brachte, ein alter Mann starb, ein David Halsted über einen Witz lachte, die Glocken des BIG BEN 10 schlugen, die Glocken Europas es ihnen gleichtaten, - von den Glocken der Welt ganz zu schweigen -, bemühte ich mich redlich auch meinen Beitrag zum Weltgeschehen zu leisten, indem ich es mir nicht nehmen ließ, zu handeln wie ich wollte, zumal es, (wie gesagt), in den Alpen schneite und der Tourist soeben vertrocknet war. Unterdessen wusch eine Inderin im trüben Wasser des Ganges, Laken, Tücher, sowie einen Teppich, der in Ermangelung einer Schwimmfähigkeit allerdings plötzlich davonflog. In Husum überfuhr ein Lastkraftwagen eine trächtige Kröte auf ihrer Wanderung zu ihrem Laichplatz, der somit unbesetzt blieb. Zwei Burschen spielten mit ihrem Gameboy um ihre Leben. Sieben dergleichen hatten sie, nur zwei waren noch zu verlieren. Gott sei Dank konnte man durch unermüdlichen Fleiß aber auch Leben hinzugewinnen. Mal eben zu sterben war also kein Problem. Just des Momentes also, da die Kaffeetasse zerbrach, der Sack umstürzte, der Vesuv ausbrach, der Kindergeburtstag gefeiert wurde, die Boeing zerschellte, Frau Hartmann ein gesundes Kind zur Welt brachte, ein alter Mann starb, ein David Halsted über einen Witz lachte, die Glocken des BIG BEN 10 schlugen, die Glocken Europas es ihnen gleichtaten, - von den Glocken der Welt ganz zu schweigen, - ein indischer Teppich davonflog, eine Kröte unliebsam zerquetscht wurde, zwei Burschen um ihre Leben spielten, die sie bisweilen gewannen oder verloren, erblickte eine dieser giftgrünen Eintagsfliegen in einem New Yorker Blumentopf das Licht dieser Welt. Natürlich mußte sich die Fliege beeilen. In einer halben Stunde stand die Abiturprüfung an. In den nächsten Minuten mußte unbedingt ein Studienplatz gefunden werden. Um 12 Uhr zeigten sich bereits erste Fältchen im Gesicht, und so gegen zwei Uhr am Nachmittag wurde sie in einer Feiersekunde aus dem Arbeitsleben verabschiedet, obwohl sie eigentlich gar nicht wußte, welchen Beruf sie erlernt, geschweige denn ausgeübt hatte. Schlag 16 Uhr marschierte sie gebrochen, verknittert und weise am Stock durch die Welt, die sie so gegen 18 Uhr für immer verließ. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |