DIE MOMENTSUCHER
Aufsatz über die Flüchtigkeit des Daseins auf ein ihnen im Stroh quasi zu Füßen liegendes, schwer bebrütetes Ei, aus dem plötzlich, wie aus dem Hinterhalt heraus, die feinsten Klopfzeichen kamen. Die Brüterin Namens Henne war gerade mal für einen Moment raus aus dem Stall, da auch sie dem Bedürfnis zur Verrichtung ihrer Notdurft wie selbstverständlich nachkam. Bald sagten die Herren dem Ei in ihrer Not gewisse Rissigkeiten nach, weswegen sie um so heftiger erschraken, als aus der zerplatzten Schale des Eies auf einmal ein energisch pickender Schnabel hervorlugte. Dem Schnabel folgte schnell ein Kopf, dem Kopf folgte ein feuchter Körper, dem Körper folgten kleine Füsschen, die auf der Schale des Eies herumtrampelten, als hätten sie sie gar nicht mehr nötig. Die Männer waren ungehalten, man kann fast sagen, schockiert. Entstehung von Leben neben dem Ihren, das war ja fatal. Wie gerne hätten sie jetzt, nach dem Prinzip der natürlichen Auslese gehandelt, zumal die Mutter gerade auf dem Kloh war? Die Männer indes blieben eisern und kalt wie der Schnee von gestern, der gar nicht gefallen war. Sie hoben ihre Köpfe nun dreimal hoch und taten so, als schauten sie wichtig einher. Wichtigtuerei ist eine Hexerei und schadet nur, besonders diese, obwohl den Schaden hat der Wichtige ausnahmslos selbst schon gehabt. Leider sieht er es oft nicht. Er ist und bleibt im Grunde, um nochmal IM GRUNDE zu sagen, ein Nörgler, ein Trantier, ein Kontrolleur. Die Männer wollten das Küken nur verwirren, was ihnen auch spielend gelang. Anbei bemerkt: Sie zitterten eigentlich nur vor ihrer eigenen Lebendigkeit, die sie schon im rohen Ei zu bekämpfen versuchten. Das ist die große Angst aller. Diese furchtbare Lebendigkeit. Wenn die nur nicht wär. Am Zorn dieses Gottes kam deswegen auch keiner so recht vorbei. Ich mußte oft lachen. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |