EIN ZWEIFACHER MORD



"Wir sind allesamt fahrende Händler!", brüllte der kleine, rotbäckige Gnom auf der hell erleuchteten Bühne, unbändig herumzappelnd, -er besaß auch privat nicht gerade das ruhigste Gemüt, -in die verwundert zu ihm hinaufstarrende Menge.
"Unser Gut ist die Phantasie, die Immagination! Wir Handeln im Geiste der Sonne! Wir krächtzen mit den Hähnen um die Wette, noch bevor der rotglühende Ball am Horizont erschienen ist!.... Hey!, was glotzt ihr mich so ungläubig an, ja ja, tatsächlich! Wir hüpfen schon durchs feuchte Gras, während ihr noch mit eueren morgendlichen Alpträumen beschäftigt seid!... Hört her ihr Leute!... Ich will euch was von der Freiheit auf dem Lande erzählen, die Freiheit der fahrenden Händler blas ich euch ins Ohr, ob ihr nun wollt oder nicht!
Hört her ihr Leute! -des morgens geht die Sonne auf, im Osten, im Osten, ganz groß ist sie und rot und rund, und hell sind ihre saftigen Strahlen. Abertausende kleiner Tautröpfchen haften an Grashalmen, an Blumen und Bäumen. Die Kühe räkeln sich im Grase; einer der Unsrigen hustet kräftig weil er einen schweren Traum hat!...
Minuten später schon dämmert es. Der Hahn begibt sich stolzen Hauptes auf den Misthaufen, während unsere Frauen bereits den Kaffee aufgießen! Hm.. wie das duftet, wie köstlich, welch traumlösende Wirkung doch hiervon ausgeht!
Wir Männer wandern derweil hinunter zum Fluß! Wir brauchen keine Badehose.. nein nein, wir machen das so, jeden Morgen machen wir das so, einfach so springen wir in die Fluten! Unsere Kleider trocknen wieselflink an unseren warmen Künstlerleibern!...
Leute, Leute, hört mir zu, denn um die Mittagszeit hat die Sonne bereits die Hälfte ihres beschwerlichen Weges zurückgelegt! Sie ist sehr froh und lacht vergnügt, weils von nun an nur noch abwärts mit ihr geht! Die Frauen sind derweil fleißig dabei, Kartoffeln zu schälen, -wir Männer proben für die Abendvorstellung!
Hört her ihr lieben Leute! Wir sind eine fahrende Künstlerfamilie! Unsere bunt verzierten Wagen blinken in der Sonne; Pferde schnaufen; Kinder hüpfen, einen zierlichen Reigen bildend um die Ställe und singen ihre Lieder! Wir sind fünfundzwanzig an der Zahl; zehn Pferde haben wir auch und einen Hahn; zwei Katzen und vier Hunde zählen wir zu unserem Inventar noch hinzu!"

"Ach", sank seine erhabene Stimme nun plötzlich in die Knie..."ach, wir könnten so glücklich sein, wenn uns nicht Schrecklichstes wiederfahren wäre. Nicht, daß ihr denkt, ich sei nicht mehr fähig, auf dem Kopf zu stehen, nicht daß ihr das denkt, nein nein, seht her, ich kann es immer noch."

Mit einem Riesensatz sprang er in die Höhe, bis knapp unter das Bühnendach. Dort angekommen verharrte er frei schwebend etwa vier Sekunden lang...ein sanfter Ruck, schon drehte sich sein Körper um, -kopfüber stürzte er in die Tiefe! Krachend zog sich sein Köpflein an dem hölzernen Bühnenbelag eine mächtige Beule zu.
Das waren spannende Momente. Das Publikum wollte seinen Augen kaum mehr Vertrauen schenken, aber...Tausend Augen konnten sich unmöglich täuschen. Ein kräftiges "Huuuuuu!!", machte die Runde, nachdem der kleine Gnom so unsanft gelandet war.
Da hockte er nun, auf dem Kopf, und das auch noch mit verschränkten Armen. Ein grimmiges Gesicht machte er; ach nein, er lachte ja, denn, bei »auf dem Kopf stehen«, bedeutet grimmig nämlich fröhlich. Was?, ihr glaubt mir nicht?... Dreht euch doch einfach um, dann seht auch ihr den kleinen Gnom fröhlich sein.

"Ach so", krächtzte das Männlein jetzt, "ich wollte euch doch von unserem schrecklichen Unglück erzählen. Wir fahrenden Leute, ach, ihr wißt es sicher schon, man kann es allein aus unseren Gesichtern herauslesen, ja ja, wir sind Zigeuner, allesamt....allesamt sind wir Zigeuner. Ja, wir sind »Fremde«

"Zigeuner?....Zigeuner!, natürlich sind es Zigeuner. Ich habe mir gleich gedacht, daß hier etwas nicht in Ordnung sein kann.", flüsterte eine Frau einer anderen ins Ohr. Manche packten auch sofort ihre Kinder fest bei der Hand, und schleiften sie, auf der Suche nach einem Fluchtweg, hinter sich her. Man wollte den Ort des manifesten Grauens so schnell wie möglich verlassen.

Der kleine Gnom stellte sich wieder auf seine Beinchen, kratzte sich an seinem mittlerweile rot angelaufenen Köpflein, raste förmlich ins linke Bühneneck, kramte dort herum, und kehrte mit einer alten Drehorgel ins Zentrum der Bühne zurück. Mächtig dröhnten ihre Lieder über den Platz. Das hielt wenigstens einige davon ab, sich Hals über Kopf von dannen zu schleichen.

Na ja, Musik ist eben international, da ist es halt nicht so schlimm, wenn Zigeuner daran beteiligt sind; das kann man sich mal unverbindlich anhören, zumindest aus der ferne, obgleich ihre Worte hingegen allein vom Ansatz her schon verbilden könnten, weilman nämlich höllisch darauf achtgeben muß, daß Gefühle, wie etwa Zuneigung oder Solidarität nicht an die Oberfläche treten.

"Das ist ja noch nicht alles!", blökte der Zwerg, nachdem die Lochkarte aus der Orgel gefallen war. "Es geht sich hier um einen unaufgeklärten Mordfall; eine der Unsrigen, ich fand sie vor einer Woche, erstochen, unten am Fluß! Neben der Leiche fand ich einen Schuh, sowie einige Geldmünzen, die eindeutig zu einem der Eurigen gehören, ja ja. Sie war so schön, -die beste Geigenspielerin weit und breit. Langes, glänzendschwarzes Haar bedeckte ihren Kopf, legte sich sanft um ihre Hüften. Eine Stimme hatte sie, so so rein, so klar, so schön. Überdies war sie ein unschuldiges Mädchen! Erst fünfundzwanzig Jahre alt war sie! Ist es nicht eine Schande?! Vorige Woche sah ich sie zum letzten mal; sie ging hinunter zum Fluß, ihrem Tode geradewegs entgegen. Ich muß gestehen, daß ich in sie verliebt war, ganz schrecklich verliebt war ich sogar, -und so geschah es, daß ich ihr, wenngleich in großem Abstand, dorthin folgte. Schon auf dem Weg, kurz vor dem Wald wähnte ich mich verfolgt. Ich schaute mich oft um, konnte aber niemanden entdecken. Ich dachte schließlich, es seien die Rehe....

Der Weg führte uns tief in den Wald hinein, kein Wunder, denn der Fluß lag ja am anderen Ende desselben...

Wieder und wieder blickte ich mich um, weil ab und an einige Äste knarrten oder Blätter so heimtückisch raschelten. Ich versuchte mich unter allen Umständen so zu verhalten, daß sie mich nicht als Verfolger entlarven konnte. Gerade solchen Abstand hielt ich, als ob wir uns nie zuvor gesehen hätten.

Plötzlich sah ich »IHN«, er huschte schwebend hinter einen mächtigen Baumstamm, ging also links von mir, -auf gleicher Höhe hielt er sich. So hatte ich auch gedacht. Er konnte sich überhaupt nicht anders verhalten. Außerdem war er sehr auffällig bekleidet, -er trug schwarz, die Farbe der Trauernden, und wenn mich nicht alles täuschte, dann bedeckte eine hellrote Mütze seinen Kopf.

Schau immer geradeaus kleiner Mann!, dachte ich bei mir, -und für den Fall, daß er sich mit dir anlegen sollte, -gibs ihm kräftig, gibs ihm nur kräftig! Diese Gedanken milderten meine große Angst ein wenig...

Fest entschlossen, der Ahnung kommenden Unheils bestärkt, marschierte ich ihr wie ein kleiner Held hinterher. Ich war immer auf der Hut, daß er ihr nicht zu nah kam. Wenn er sie auch nur angerührt hätte, dann würde ich mich mit aller Kraft dazwischengeworfen haben.

Dieser Mann konnte unmöglich Gutes im Schilde führen. -wer sich verbergen muß, der hütet ein Geheimnis.

Wie plump und unbeholfen er sich doch anstellte! Manchmal hustete er sogar so laut und eindringlich, daß SIE, die sich weit vorne befand, erschrocken zusammenfuhr.

Nach einer langen Wanderung beugte sie sich endlich über die Böschung... Ihr Haar fiel auseinander, -es reichte fast bis zur Wasseroberfläche.

Den Wäschekorb hatte sie beiseite gestellt,- kristallklares Flußwasser rann aus ihren zu einer Schale geformten Händchen, während sie es schlürfend in sich hineinsaugte.

Ich hüpfte derweil ein wenig herum, -ich sprang von einem Ast auf den anderen, bevor ich ihr frohen Mutes um den Hals fiel. Den fremden Mann hatte ich irgendwie völlig vergessen. Ich weiß selber nicht mehr wie es geschehen konnte, daß ich mich so plötzlich in Sicherheit wähnte. Ich lief ahnungslos pfeifend auf sie zu. Sie erkannte mich gleich und lachte. Lange schauten wir uns an. Es war sehr schön. Dieser fesselnde Blick. Sie empfand wohl ähnliches dabei.

Liebe Leute, kennt ihr auch dieses eigenartige Gefühl, der größte Künstler der Welt zu sein, Direktor eines riesengroßen, prächtigen Zirkus, obwohl man eigentlich bloß einen kleinen Wagen, eine winzige Bühne, ja fast nichts besitzt? Man ist tagein tagaus damit beschäftigt sein Publikum fröhlich zu stimmen, selbst an Tagen, an denen man sich nicht gerade wohl in seiner eigenen Haut fühlt. Unser Beruf verpflichtet uns deswegen oft zur Lüge, aber wir müssen ja lügen, um unser schmales Brot zu verdienen. Das, was in jenen Augenblicken dort unten am Fluß geschah war nicht im Geringsten Lüge. Die Dinge dieser Welt waren all ihrer Schwere enthoben. In der Lebendigkeit lag eine Leichtigkeit, die ich nie zuvor erlebt hatte. Unser kleiner Zirkus durfte ruhig so klein bleiben, für mich war er der größte, ja der allerschönste Zirkus der Welt.

Wir setzten uns auf einen Felsbrocken am Ufer und sahen den Schwalben zu. Die Sonne lachte kräftig, ein Spaziergänger winkte uns fröhlich zu. Wir küßten uns, unsere Arme verstrickten sich ineinander, -bald fielen wir ins weiche Gras."

Der kleine Gnom war ganz erschöpft vor lauter Aufregung. Selbst das Publikum erkannte nun die Ursache seiner Erregung, einige weinten, andere wiederum klatschten laut Beifall. Manche fühlten gar eine Mitschuld am Tode des jungen Mädchens. Eine Welle der Solidarität ging um in der Menge.

"Und was geschah dann, erzähle doch bitte weiter, wie ist es passiert?!", rief ein junger Mann dem Gnom ins Gesicht, der mittlerweile am Bühnenrand Platz genommen hatte.

"Ich weiß auch nicht mehr wie lange wir uns wie trunken im Gras wälzten. Derartige Trunkenheit läßt einen die Zeit vergessen. Es muß wohl um die Mittagszeit geschehen sein...

Die Sonne stand schon hoch am Himmel. Wir saßen eng umschlungen auf der Wiese, als ich plötzlich hinter uns leises Blätterrascheln vernahm. Ich dachte mir zunächst nichts dabei. Auf einmal wurde mir klar, daß alleine er der Urheber dieses Raschelns war. Ich wandte mich um; er war schon ganz nah, zu spät!...zu spät! Der lange Dolch blitzte kurz auf, fuhr wieder und wieder und immer aufs Neue in sie hinein, zerfetzte ihre Kleider und ihren Körper. Fontänenartig spritzte ihr Blut durch die Luft. Sie starb einen qualvollen Tod. Ich sprang auf, zückte mein Stilett und brachte diesem Ungeheuer eine kräftige Stichwunde am linken Arm bei. Er konnte aber fliehen. Wie angewurzelt stand ich da, hilflos, allein, von allen guten Geistern verlassen. Ich beugte mich über ihren leblosen Körper, nichts und niemand konnte ihr mehr helfen, sie war und blieb tot. Der seltsame Mann hatte die Mütze über sein Gesicht gezogen; ich sah nur kurz seine gierigen, leuchtenden Augen. Es gab auch keinen Zeugen, zumindest niemand, der sich meldete. Bis zum heutigen Tag war ich alleine mit dieser mit dieser schweren Last. Ich mußte es euch einfach sagen. Ich muß den Täter finden! Ich werde ihn vor ein ordentliches Gericht stellen, dort wird er nach ordentlichem Recht verurteilt werden!"

"Jawohl!", schrieen die Leute; die Menge tobte; die kleine Bühne schwankte auf und ab. "Wir werden dir dabei behilflich sein. Er braucht einen Richter, ja, ja, er muß vor ein Gericht gestellt werden, vor ein ordentliches Gericht! Du darfst ihn nicht selbst richten kleiner Mann, das mußt du uns versprechen."

"Nein nein", erwiederte der Gnom, "ihr habt mein Wort darauf; wenn wir ihn erst gefunden haben, dann wird er bereuen, daß ihm Hören und Sehen vergeht. Ich will ihn hängen sehen!", prasselte es aus seinem Mund.

"Wir wollen ihn hängen sehen!", schallte es aus der Menge zurück.

"Aber was ist, wenn er nicht gesteht, obwohl ich ihn eindeutig identifizieren könnte? Vielleicht bekäme ich auch Angst vor ihm, und würde ihn aus diesem Grund nicht wiedererkennen wollen. Wie sollte ich ihn denn erkennen? Sein Gesicht war wie gesagt von einer roten Mütze bedeckt. An seinem Gang vielleicht? Ich sah ihn nicht einmal sieben Sekunden. An dieser roten Mütze? Ha!, -wieviele Männer tragen rote Mützen! Die Wahrscheinlichkeit, ihn zu finden sehr gering. Ach, es scheint aussichtslos ihn zu finden."

"Die Narbe, die Narbe! Du hast ihm doch eine Stichverletzung beigebracht. Das ist ein eindeutiger Beweis!", schallte es aus der Menge.

"Ich weiß ja nicht einmal mehr wo genau ich ihn getroffen habe", schluchtzte der kleine Gnom. "Vielleicht ist das Messer ja auch nicht durch seine Kleider hindurchgegangen. Ich kann mich nicht daran erinnern, besonders fest zugestochen zu haben."

Für einige Sekunden herrschte Totenstille auf dem Platz.

"Aber, er hat dir doch etwas angetan!", schrie plötzlich einer. "Dein Mädchen hat er vor deinen armen Augen niedergestochen! Und jetzt hast du Angst, ihn zu erkennen? Gesetzt den Fall, er stünde vor dir, er belästigte dich, er beteuerte weinend seine Unschuld, er kniete vor dir nieder, er winselte um Vergebung, -was tätest du?, -vorausgesetzt er wäre der Täter. Vielleicht sagtest du ihm: Du hast mir zwar mein Mädchen genommen, aber gehe doch bitte hin in Frieden. Vielleicht würdest du ihm auch sanft seinen Hals streicheln. Ja ist denn das nicht so, als ob du dich auf Grund deiner schweren Vorwürfe, die du gegen ihn erhebst, bei ihm entschuldigen wolltest?"

Gnom "Das wollte ich ja gerade selbst herausfinden," sprach der Gnom. "Die Ereignisse am Fluß haben mich sehr verunsichert. Warum zieht ihr mir das jetzt aus dem Mund. Laßt mich doch bitte auch einmal überlegen. Ich bin nicht dumm. Ich benötige halt etwas mehr Zeit. Wenn ihr mich nicht nachdenken laßt, dann kann ich auch nicht prüfen, ob euere Ansichten mir zusagen oder nicht. Das macht mir große Angst, weil ich so, im Endeffekt auf euere Ansichten angewiesen bleiben werde. Vielleicht könntet ihr euere Ansichten zu diesem Thema etwas leiser, sachter formulieren, ansonsten verstricke ich mich nur darin. Jede Ansicht will schließlich gewissenhaft überprüft werden."

"Was willst du denn daran noch großartig überprüfen!", grölte der selbe Mann aus dem Publikum. "Möchtest du dir vielleicht aus allen Ansichten ein Bild von dir machen? Am Ende gar den Durschschnitt der vielen Meinungen zu deiner eigenen?"

"Ich weiß es nicht; ich bin im Moment so schrecklich verwirrt wegen der Ereignisse am Fluß. Ich sagte es doch." schluchzte der kleine Gnom und fing an zu weinen.

"Nun!", kam es unerwartet hart aus der Menge. "Wie würdest du handeln, wenn du ihm gegenüberstündest? Ich will es genau wissen, ich habe leider Gottes ein Recht darauf, verstehst du kleiner Mann? Gerade noch warst du in kämpferischer Laune. Was ist bloß aus dir geworden. Ein Hampelmann ist aus dir geworden, ein lumpiger Hampelmann, dessen einzig positive Seite das Schweben an der Decke sein könnte, wenn er nicht auch diese Fähigkeit schon bald verlieren würde."

"Was willst du damit sagen?, wimmerte der kleine Gnom. "Soll ich dir beweisen, daß ich es zwei mal hintereinander schaffe?!"

"Lasse den Unsinn!", schrie der Mann. "Schau her zu mir, ich will dir etwas zeigen."

Da schaute der Gnom den Mann mit großen Augen an, sah noch dessen rote Mütze, sah noch den Dolch, wie er abermals aufblitzte, und sah noch, daß der Mann auf ihn zugerannt kam. Er sah noch sein eigenes Blut und wie sein schönes Kostüm damit getränkt wurde.



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