MÜCKE AHOIEine Mücke Namens Theobald wohnte auf der Spitze eines Leuchtturmes. Dass der ringsum von Wasser umgeben war, brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen. Nun gut, ich sag noch was dazu: Blau kräuselte sich das weite Meer. Die Wipfel der Wellen zischelten und schäumten weiß auf wie die Mützen von Schnee auf den Köpfen der Achttausender des Himalaya. Dieser Theobald nun, war in Wirklichkeit ein Elefant, den man nur zur Mücke gemacht hatte, ein unfreiwilliger Eingriff, der außerdem einer Masseverminderung um 99,9999 Prozent in, grob geschätzt, 24 Sekunden entsprach. Wo sollte er die bloß so schnell hinstecken? "Mit nur einem Auge könnte ich gut leben Selbst den Rüssel könnte man mir unbedenklich stutzen. Um zu trinken, bräuchte ich mich dann bloß noch zu bücken. Was wollte ich außerdem mit vier Beinen? Eines täte es zur Not doch auch! Der Aufwand für die lästige Fußnagelmaniküre verringerte sich um drei, auf ein Viertel. (Über den Faktor ZEIT reden wir die Tage nochmal ausführlich. Prost Theobald!) Und schneidet mir um Himmelswillen den Schwanz ab! Ich liebe das Kitzeln der Schmeißfliegen auf meinem Po! Kastriert mich von mir aus, bringt mich um meine Lust! Wer sieht diesen Biss? Was der Elefant Theobald nicht im Kopf hatte, das hatte die Mücke jetzt an den Beinen: Haare, entsätzlich viele Haare. Der Rüssel war ihm aber erhalten geblieben, wenngleich seine Ernährungsgewohnheiten sich drastisch veränderten. Anstatt Wasser trank er jetzt Blut. Logisch. Die Verwandlung vom Säuger zum Insekt hatte ihn doch arg geschwächt. Da mußte er notgedrungen auf nährstoffreiche Kost ausweichen, um wieder zu Kräften zu kommen. Jetzt kam es aber so, dass diese Rechnung nicht ganz aufging. Theobald hatte zwar die Statur einer Mücke, aber das Gewicht eines Elefanten wurde ihm auch weiterhin zugestanden. Darüber war er erstmal froh. Wer nicht die Wahl hat, der hat die Qual. Das fiel Jahrzehnte lang selbst ihm nicht auf, auch weil er gesellige Veranstaltungen wie das allabendliche Mückenschwärmen zum Verrecken mied, da selbst zentnerschwere Äste unter der Last seines abnormen Gewichtes abknickten wie der schwächste Halm des Hafers im Haferkombinat es nicht hätte besser machen können. So, konnte er sich unmöglich unter seinesgleichen begeben. Theobald war eben anders als seine gigantischen Artgenossen. Ja und? Ist nicht jeder anders, nicht wenigstens ein bischen? Theobald fühlte sich allerdings ein wenig sehr aus der Art geschlagen, obwohl, unter all diesen Trampeltieren, als Mücke angesehen zu werden, darauf war er wiederum stolz. (ein merkwürdig erfolgreiches Leben führte er). Das Gesetz der natürlichen Auslese besagte, dass letztendlich nur der Starke des Überlebens fähig sei. Theobald erkannte bald, dass Stärke und Stärke nicht gleich Stärke war. Ihm konnte man in dieser Hinsicht nichts vormachen. Seit er klar dachte, trieb es ihn hin zu den Wäscheleinen der Hinterhöfe, an denen, wohl sortiert, gebleichte Hemden geklammert waren, wovon einige, rein subjektiv gesehen, die Faust machten. Es gab ja so viele verschiedene Stärken! Was wollte er, beispielsweise, auf dem Kongress der Egel? Was interessierte ihn die Chemie des Blutes, obwohl er nur satt werden wollte? Was kam er auf Dinge zu sprechen, die jeglicher Sprache entbehrten? Auf weiche Herzen kann ich nicht auch noch Rücksicht nehmen. Das würde mich zu sehr an mich erinnern. Marzipan, ja! Auf geschmolzene Schokolade im Körbchen meiner Mutter, sie hatte Körbchengrösse 99, hatte ich allerdings keinen Appetitt. Hatten Sie schonmal Hunger und wurden nicht satt? Waren Sie je verzweifelt oder mimten entsprechend den Clown? Gut, dann liegen Sie mit dieser Literartur goldrichtig! Haben Sie schon mal etwas von "Unzulänglichkeit" gehört? Sie sind gar nicht bei der Sache. Sie sind nur ein feiger "Schönredner", der wirklich sehr schön redet. Nichts interessiert mich, als Darstellung. Was geht mir im Kopf herum? Haben Sie das gesagt? Ach nein, ich habs in Sie hineingedacht, damit`s halt wieder zum Weltbild passt. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Ist doch verdammt heiß heute. Den Glühwein, mit Zitrone? Bittesehr, nehmen Sie doch Platz. Ich heiße Sie herzlich willkommen! Mir kam übrigens unlängst zu Ohren, Sie seien ein eher kantiger Mensch, der es mit der Moral nicht so genau nimmt. Sie liefen herum, als versuchten Sie, mit ihr zu hadern. Was ist denn an dieser Moral so sträflich? Wieviele Tode muß man noch sterben, bevor man ins Reich der Lebenden gelassen wird? Wo ich auch hinschaue, sehe ich nur Angst und Tod und Tod und Angst. Was wollt ihr von mir? Mir Angst machen, mir den Tot wünschen? Mich wegreden, weil ich sehe, wer ihr wirklich seid? Was wir wollen, wissen wir nicht. Wir können wohl lieb sein, nicht können wir lieben. Im tiefsten Inneren sind wir böse Menschen und irgendwo muß das Böse schließlich hin in dieser friedlichen Zeit des Liebseins. Man traf Sie oft wild fluchend an, obwohl es nur Grund zur Freude gab. Und wenn es wirklich Grund zum Hadern gab, dann feierten Sie Feste. Das streiten Sie bis heute ab. Obwohl Sie, lieber Theobald, längst wissen müssten, dass mein Bart falsch ist, dass man mich im wirklichen Leben HORST ruft, ringen Sie noch mit der Wahrheit. Ich bin dein Onkel. Aber halt um Himmelswillen die Schnauze, schweige dich aus! Der mit dem kohlrabenschwarzen Anzug und der Rute in der Hand, ist kein Geringerer als mein Bruder, Leo. Leo verkörpert heute abend das Böse in Dir. Ich, Horst, bin der gute NIKOLAUS. Dem sollst du nun RESPEKT zollen. Horst ist nicht Horst und Leo nicht Leo. Klar? Ich, der reine, allwissende Nikolaus, der selbst Schlittenhunden das Fliegen lehrt, habe nun das Böse in mir ausquartiert. Was habe ich mit meiner Hölle am Kopf? Wer meint, es gäbe sie nicht, geht in die Kirche. Wer sie freilich ahnt, erntet oft nur den Spott seiner Artgenossen. Ich radiere das bewußt nicht aus, sondern verlagere es, auf Leo, fast so, wie im echten Leben. Feinde hängen sehr voneinander ab, sonst würde man sich aus dem Weg gehen und basta. Nie würde ich es über mein Herz bringen, dich zu schlagen. So Rupprecht, jetzt gib ihm, was er verdient hat. Das Böse wird ihm gut tun. Ich hätte an dieser Stelle fast gesagt: Tradition verpflichtet! So kam es schließlich zu aufregenden Szenen wie dieser: Rupprecht, von dem ich nicht wissen durfte, dass er der Leo war, sprang auf mich zu, beugte sich auf mein Niveau hinab, sah mir scharf in die Augen und schwang seine Rute durch die Luft, dass dem Nikolaus der Bart ins Wallen geriet. Ein frischer Wind wehte durchs Haus. Mir stockte jedenfalls der Atem. Dieser Rupprecht trug einen roten Schal um den Hals. Der Schal war sehr lang geraten, weswegen man auch sagen kann, dass er darunter einen eng anliegenden schwarzen Trainingsanzug der Nobelmarke adidas trug, wie Leo sie zu Tausenden im Schrank hängen hatte. Der schwarze Mann begann einen irren Tanz aufzuführen. Wie aufgebracht stampfte er von einem Bein aufs andere, unterdessen mich die Rute bisweilen hart am Kopf traf. Mir versagte jegliches Mittel des Ausdrucks meiner wahren Gefühle. Mich überkam ein widerwärtiger Stumpfsinn, eine klirrende Kälte fuhr lawinenartig durch meine geschmeidige Seele. Mein unschuldiger Blick wurde starr und schneidend. Die Tarnung Leos war also insofern perfekt, als dass ich mich tatsächlich bedroht fühlte, denn vor Leo fürchtete ich mich keineswegs. Wie oft schloss er mich in seine Arme! Wie selbstverständlich hatte ich ihn durchschaut. Ich erinnere mich noch haarklein daran, wie ich mich damals damit abquälte, nicht Leo, sondern Rupprecht als meinen Peiniger zu sehen. Wie sollte ich ihm noch offen begegnen können, zumal Leo im echten Leben mein großes Vorbild war? Jetzt hatte ich einen Feind und konnte das nicht sagen. Er strafte mich, ich lobte ihn. Er schlug mich auf die linke Wange, ich hielt ihm brav auch die rechte hin. Verständnis immer, und zu jeder Zeit ein wohlwollendes Lächeln auf den Lippen, Selbst sein, niemals! Echte Zweifel, die ich hegte, gingen im Lärm dieser zwiespältigen Welt unter. Das sage ich frei heraus, obwohl ich kein Philosoph bin. Was war, war gut, was sollten dann Blitz und Donnerwetter? Nach diesem gelungenen Verwirrspiel, ich mußte mich bei den Hauptdarstellern, auch im Namen meiner Eltern, recht herzlich bedanken, bekam ich den so wohlverdienten zuckergussverzierten Stiefel. Ich war, egal was man auch mit mir anstellte, in letzter Instanz, grundsätzlich der Gewinner. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |