NEULAND



Eine Geschichte von SCHORSCH

Neuland ist ein sehr kleines Land, ganz in der Nähe von Altland gelegen. Obwohl Neuland wegen seiner wunderschönen Landschaft und der gesunden Luft schon seit Jahrhunderten als Geheimtip unter den vielen in Europa lebenden Kleinfamilien des Mittelstandes gehandelt wird, ist es kartographisch nicht erfasst. Auch Altland, das als Steuerparadies für Rentner des industriellen Hochadels den herrlichsten Zustrom erlebt, ist in keinem Atlas verzeichnet. Kein Mensch kennt diese merkwürdigen Länder, aber viele behaupten manchmal von sich, schon einmal dort gewesen zu sein. Einige betreten Neuland mit einer Theorie, andere wiederum betreten es mit einer Erfahrung oder einer inneren Eingebung. Man kann Neuland auch im Auto betreten, im Bett, im Betrieb und Sonntags auf der Straße; einer Anreise bedarf es also nicht, um dorthin zu gelangen. Das macht Neuland auch so interessant für Kleinverdiener und Tagelöhner, denn preiswerter kann man nicht reisen.

Chefarzt ? Mich erreichte Neuland einmal auf der Straße vor der Universitätsklinik, wo ich mit einem bekannten Herzspezialisten verwechselt wurde. Drei Männer zerrten mich in eine schwarze Limousine. Sie meinten, es handele sich um einen Notfall, es sei sehr dringend, es ginge um Leben und Tod. Ich beteuerte meine Unschuld, was aber nicht half; binnen zehn Minuten stand ich gebadet und frisiert im OP-Anzug als vermeintlicher Chefarzt vor meiner ersten Herztransplantation. Ein ganzer Stab von vermummten Schwestern mit grünen Sturmhauben auf den Köpfen umringte mich flehend, um Hilfe ersuchend. Der schwer verkabelte Mensch auf dem Tisch vor mir, daß war wohl der Patient, an den ich Hand anlegen sollte. Auch sah ich ringsum viele Monitore und Schaltkästen, die seltsame Bilder und Geräusche produzierten, aus denen ich schlecht schlau wurde. Ein ein rhythmisches Piepsen machte die Runde, das manchmal in einen Dauerton überging. Das kannte ich aus dem Fernsehen. Der Dauerton war etwas ganz Schlimmes. Obwohl ich den Anwesenden Grünschürzen meine Identität mehrfach preisgab, überreichte man mir ein Skalpell und deutete auf den freiliegenden Bauch des Patienten. Man schien mir allgemein zu vertrauen, was mich sehr ehrte und mir außerdem mein Selbstbewußtsein zurückgab. Ich war also jetzt Chefarzt, schön schön, ich hatte etwas erreicht und wenn ich mich auch nur im Neuland befand, im völligen, absoluten Neuland.

Das Herz des Patienten war in einer Stunde gefunden. Es schlug noch kräftig und sah gar nicht so schlecht aus. Das Spenderherz lag in einer verchromten Schale, schlug nicht mehr und machte zudem einen verdorbenen Eindruck auf mich. Dieser Umstand verunsicherte mich enorm, aber das zuversichtliche Nicken einiger Grünschürzenköpfe verwischte diesen Eindruck schnell, so daß ich schon bald wieder ans Werk gehen konnte.
Freundliche Hände überreichten mir sicher die für meine Arbeit nötigen Instrumente, eine Schwester erklärte mir den enormen Unterschied zwischen Arterie und Vene. Eine andere wollte sofort mit mir schlafen, was ich, auf grund der heiklen Situation, dankend ablehnte. So plötzlich ins Neuland geschleudert zu werden, ist manchmal gar nicht so gut, wie man hier lesen kann.

Ich hatte gerade bemerkt, daß ich das Spenderherz verkehrtherum eingepflanzt hatte, als das Licht im Operationssaal ausging. Wir hatten einen Stromausfall, auch das noch. Die Schwestern gerieten in hellste Aufregung. Sie kreischten unbändig herum. Eine besonders kleine hatte zufällig zwei Teelichter in der Tasche, die sie entzündete und auf den Bauch des Patienten stellte. Zwei andere Schwestern ersetzten das Beatmungsgerät gekonnt unter Zuhilfenahme ihrer dicken Lippen. Der Narkosearzt verhinderte das Erwachen des Patienten durch gezielte Schläge mit einem schweren Hammer auf dessen Kopf. So, oder ähnlich, hatte man wohl im achtzehnten Jahrhundert operiert, oh, ich Armer, jetzt hatte ich schon wieder Neuland betreten, ohne es gewollt zu haben. Aber auch mit dieser Situation kam ich, nach anfänglichen Schwierigkeiten, ganz gut zurecht, zumal man einen alten, fünfhundertkerzigen Kronleuchter organisiert hatte, der direkt über dem Op-Tisch hing. Der Nachteil daran war, daß man die Bäche von heißem Wachs, die unaufhörlich in den geöffneten Bauch des Patienten flossen, mehrfach absaugen mußte. Hierzu bediente man sich der mächtigen Kirchenorgel aus der Krankenhauskapelle, die schnell umgebaut war. Fünf Schwestern betätigten den mechanisch betriebenen Blasebalg. Drei andere, besonders starke Gehilfinnen, setzten die Pfeife des tiefen D erfolgreich als Absaugrohr ein.

Eine ähnliche Geräuschkulisse war mir unlängst im Hafen von Genua zu Ohren gekommen; es war der ergreifende Moment, als unsere Fähre Richtung Afrika ablegte und mehrfach ihr grollendes Nebelhorn ertönen ließ. Daran erinnert man sich immer gerne.

Der Narkosearzt mußte wegen geplatzter Trommelfelle durch einen anderen ersetzt werden. Das extrem obertonreiche Klangspektrum der zweckentfremdeten Orgelpfeife lockte auch einige Fledermäuse aus ihren Verstecken im nahen Wäldchen, die sich grüppchenweise kopfüber an die Streben des Kronleuchters hängten, um sich die Füße zu wärmen. Eine besonders tierliebe Schwester ging schnell mal hinaus, um Futter zu besorgen.
Trotz all dieser widrigen Umstände gelang es uns, den Patienten erfolgreich zu operieren. Er lebt heute zurückgezogen im Norden Kanadas. Er leidet kaum noch unter den Beschwerden, die ihm ein in seinem Bauch verbliebenes Teelicht, eine Schere, zwei Fledermäuse und drei Pfund Kerzenwachs machen.



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