DIE NONNESchön zu wissen, dass du hier bist. Wir sind zusammen und liegen in einem Bett. Ich habe dich aus dem Kloster geholt. Du hast mich aus der Gosse gezogen. Wer von uns beiden jetzt befreiter ist, kann man nicht sagen. Schön zu wissen, dass wir zusammen sind. Du glaubst nur an das ewige Leben. Kasteiung, Kasteiung, Kasteiung! Und während du, von diesem Sinn erfüllt, darniederkniest, schlägt dir der Pfarrer seine geballte Faust jäh ins Gesicht, weil du beim Verzehr des Leibes Christi genüßlich schmatztest. Unsterblich sind wir allemal, selbst wenn man uns tag täglich tötet. (sagt man) Indem wir sterblich sind, versuchen wir dem Glauben einen Streich zu spielen, wodurch er allerdings erst möglich wird. Was will er von uns? Retten kann er uns nicht. Nachdem wir gestorben sind, werden wir zum ersten mal glaubhaft geehrt. (Wer erinnert sich noch seiner Taufe?) Man widmet eine Messe ganz für uns! Warum machen wir den Glauben mit? Warum glaubt nicht ein jeder an sich selbst und nimmt seine Zweifel ernst? Gott ist nur eine Erfindung gekränkter Seelen, entfernt vom ich, entfremdet von seinem so sein, das kann ich nur sagen, weil ich, wie jeder Andere auch, nicht von oben sondern von unten komme. Bist wohl eine Nonne, du! Seh auch dein Häubchen, ich, Wie halten es die Nachbarn? Nun, ich kann nicht klagen. Wir sind drei Familien im Haus. Ich wohne, überkopf, als Einzelperson, in einem laubenartigen Dachstuhl, den ich mir, führwahr, gemütlich eingerichtet habe. Es ist eine quasi hochgelegte Höhle mit freiem Blick auf die Nordstadt. Vorhänge vor meinen Fenstern schützen mich. Sie bewahren meine Identität. Sie schützen mich vor dem Sog der Verpflichtung gegenüber allem. Ich habe mir diese Wohnung nach individuellen Gesichtspunkten ausgesucht. Ringsum gibt es nur Außenwände. Und wenn ich Abends von der Arbeit heimkomme, hört niemand das verzweifelte Trommeln meiner Fäuste gegen die Wand. Selbst ich nehme das kaum wahr. Man gewöhnt sich an alles. Nun gut, man grüßt sich. Man ist sich nicht geheuer, wenigstens nicht so ganz. Und weil man sich nicht geheuer ist, beschränkt sich der Kontakt halt aufs Wesentliche. Der Tiefsinn gebiert sich eh erst im schwerwiegenden Alleinsein auf der Stube. Es gibt aber die Stimme, die spricht und mir den rechten Weg weist. Oft bin ich schockiert über das, was sie sagt, aber ich werde ihr folgen, selbst wenn sie mir das Leben vergraulen sollte. Ich werde zwar geduldet, (Mietrecht ist Mietrecht), aber weder gelitten noch gemocht. Ich weiß, ich bin eine arme Sau, kleinwüchsig, für alles empfänglich, weil ich nichts wirklich empfange. Mein Leben ist, wenn überhaupt, eine einzigartige Reaktion, das mich, wie unter Schock stehend, auf meinem schweren Weg zum Sein begleitet. In dieser Hinsicht war ich noch nie untätig. Ich befasste mich kürzlich mit den Lehren fernöstlicher Transzendenz. Das ist eine ziemlich durchsichtige Sache. Dieser Glaube ermöglichte es Menschen fernab ihrer falschen Wirklichkeit, ihre wahre zu erfahren, woraus man dann endlich frei agieren konnte. Ich hatte, als Kind, früher oft mit Transparenzpapier gearbeitet. Sehr oft verlief sich aber der noch nicht getrocknete Kleister über das Sichtbare der Transparenz, worüber ich mich jedesmal unsäglich erregte. Das konnte es ja nicht sein. Es gab eine lange Durststrecke , bevor ich eines dieser Heftchen Namens WACHTURM in Händen hielt. Da ich mich für mißraten hielt, gefielen mir die Leeren und Versprechungen dieser Vereinigung ganz außerordentlich. Ich bewunderte das alles Bejahende dieses illusteren Clubs: Mein Blut gehört mir Was ist mit meinen Augen? Das rechte können Sie von mir aus haben. Aber nur, wenn Ihnen damit geholfen ist. Ich hab ja zwei. Können Sie mich sehen? Nicht?, Gut. Dann sei Ihnen mein Auge gegönnt. Linke Niere, rechte Niere, kein Problem. Suchen sie sich eine aus! Was, Sie wollen meine Leber? Ja, haben Sie denn Ersatz dafür? Ich hab ja nur eine.... Sie glauben doch nicht etwa, dass ich Ihnen auch noch mein Gebiss veräußern muss"! Enttäuscht versuchte ich mich unter den Lebenden.... Wer scheitert ist frei. Was für ein Trost.
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