ORGELEI
Ein kleiner, buckliger Drehorgelspieler, dem man nachsagte, er ginge seinem Beruf nur mit äußerstem
Widerwillen nach, da er seine Drehorgel seit drei Jahren mit einem dröhnendenden sechszylinder Sternmotor betrieb, wodurch
er seine Zuhörer, der eigenen Bequemlichkeit halber, um den Genuß seiner Darbietung brachte, dachte einmal
Folgendes:
"Wer sagt, ich würde mich nicht bemühen, der ist in meinen Augen ein Lügner. Wer behauptet, ich ginge meinem Beruf nur widerwillig nach, dem muß ich wiederum recht geben. Ich bin nämlich gar nicht bequem." Nachdem ich dreißig Jahre lang rechtshändig gedreht hatte, fiel mir, auf Grund natürlichen Verschleißes der rechte Arm wie von selbst ab. Ein großer Trost war mir, zu spüren, daß der Herrgott mich zu allem Überfluß auch noch mit einer linken, in etwa gleichwertigen Extremität ausgestattet hatte, welche ich in den folgenden Jahrzehnten ebenso gekonnt abzunutzen verstand, bis ich schließlich vor der Wahl stand, meine Berufung aufzugeben, oder andere Mittel zum Zweck herbeizuschaffen, um somit wenigstens die Mittel zu heiligen, die ihrem Zweck nicht ewig dienen konnten, da mir, warum auch immer und ohne ersichtlichen Grund plötzlich auch noch das rechte Bein abbrach, obwohl es eigentlich nur ruhte. Unterdessen schien es sich aber mit meinem Gleichgewichtsorgan verständigt zu haben, das immer schon sagte: "So kann es doch nicht weiter gehen." Ich stürzte, unweigerlich, - natürlich starb ich an den Folgen meines Sturzes, - ich dachte nur noch an mich. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |