DIE PANTOMIMESie kroch unter dem Vorhang hervor. Das Licht im Saal war noch gedämpft. Die Zuschauer munkelten, einer hustete sogar. Die dickbusige Eisverkäuferin stand irgendwo in einer der Sitzreihen herum: "Eis, Cocacoola, Limonaad, Eiis, Cocacoola, Limonaad!!" Die Spannung im Saal war auf dem Höhepunkt, manchmal knisterte es verdächtig, manchmal explodierte sie auch: "Passen Sie doch auf wo Sie hintreten!", schrie einer. "Halts Maul!", schallte es vom Balkon zurück. "Kulturbanausen!", schmetterte jemand in die Halle, der sich anscheinend sehr wichtig vorkam, - oje, der Bürgermeister. Da zerschellte plötzlich eine erst halb entleerte Bierflasche völlig unbeabsichtigt am teueren Parkettboden, - das kulturelle Leben im Saal erlitt im Angesicht dieser Kriegserklärung einen schweren Rückfall, - selbst der Bürgermeister schlug im Affekt mehrmals um sich. Da ging der Vorhang auf, die Lichter an! Die Zuschauer fühlten sich entdeckt und flüchteten geschwind in ihre Chipstüten. Das Orchester heulte wild auf, die Musik verschlug einem die Sprache. Vor lauter Geigen sah man die Pantomime kaum. Dem Dirigenten traten die Augen rhytmisch hervor, plötzlich verlor er das Gleichgewicht und stürzte grölend ins Publikum. "Das ist Wagner! Endlich mal eine realistische Inszenierung!"", brüllte ein kleiner Dicker. Der Dirigent eilte, nachdem er seine Perücke wiedergefunden hatte, an seinen Platz zurück, während die Pantomime sich bereits in den Ring der Nibelungen verwandelt hatte, - rund war er schon, aber das mit dem Glanz hatte er wohl nicht so ganz im Griff. Mit einem male löste sie ihre diversen Verknotungen wieder und kletterte unter Zuhilfenahme einer fiktiven Leiter bis knapp unter das Bühnendach. Dort angelangt entsann sie sich wohl unverhofft der Realität. Die Schrecksekunde erfasste selbst den gefühlskältesten Zuschauer mühelos. Zwei Feuerwehrleute sausten mit einem riesigen Sprungtuch zwischen den Fingern auf die Bühne, konnten die Pantomime jedoch nur noch damit zudecken. Schon jaulte ein Krankenwagen heran. "Gehört das jetzt auch mit zur Aufführung?", fragte eine ältere Dame aus höherem Hause. "Das ist Wagner junge Frau, das ist WAGNER, WAAGNER!", grölte der vor Rührung schmilzende Enthusiast. "Ich denke die heißen Pantomime?", gab die Dame daraufhin zum besten. "Ja, ja, das auch", flüsterte der Enthusiast, den man mittlerweile ohne größere Probleme in ein Einmachglas hätte umfüllen können. zurück | Kurzgeschichten | Schnipsel | Gedichte |